KuK Monschau: Bilder von Aufbruch und Lebensfreude

Von: Eckhard Hoog
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Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) zeigt ab Sonntag bis zum 19. Juni rund 150 Werke des amerikanischen Fotografen Will McBride: darunter Riverboat, Berlin 1959. Foto: Will McBride
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Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) zeigt ab Sonntag bis zum 19. Juni rund 150 Werke des amerikanischen Fotografen Will McBride: darunter Straßenbahnfahrer mit Jungen, Berlin 1957. Foto: Will McBride
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Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) zeigt ab Sonntag bis zum 19. Juni rund 150 Werke des amerikanischen Fotografen Will McBride: darunter Romy Schneider, Paris 1964. Foto: Will McBride
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Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) zeigt ab Sonntag bis zum 19. Juni rund 150 Werke des amerikanischen Fotografen Will McBride: darunter Schuljungen mit Fahrrad, Florenz 1957. Foto: Will McBride
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2015 ist er 84-jährig gestorben: der Fotograf Will McBride. Diese Aufnahme entstand 2014 in Berlin. Foto: Stock/Mike Schmidt

Monschau. Ein öder, dreckiger Hinterhof: Am Rand stapelt sich Sperrmüll vor den Resten einer klaffenden Mauer, leere Kartons und Kisten liegen auf dem Boden. Inmitten dieser ungemütlichen Umgebung spielt ein junger Mann Gitarre, ein älterer Akkordeon.

Und während ein Dutzend Jugendliche und Kinder noch abwartend-distanziert die beiden beobachten, tanzt zu der Musik ein junges Paar, eng umschlungen . . . Berlin 1957: Die Ruinen des Krieges sind noch nicht beseitigt, da beginnt eine neue Generation mit spürbarem Willen und Drang, ungeachtet all der Trümmer aus der Vergangenheit, ein ganz „normales“ Leben zu führen. Unverkennbar hat eine Zeit des Aufbruchs begonnen – und ein Amerikaner in Deutschland, fasziniert von so viel ungeahntem Lebensmut und Optimismus inmitten reinster Widrigkeit, richtet seine Kamera auf solch vielsagende Szenerien: Will McBride.

Das Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau widmet dem 1931 in St. Louis geborenen Fotografen, der als Fotojournalist unter anderem für Zeitschriften wie „Look“, „Paris Match“, „Life“, „Stern“, „Brigitte“ und „Quick“ gearbeitet hat, ab Sonntag eine neue Ausstellung: „Will McBride: Ein sensibler Realist“.

Ikonen der Fotografiegeschichte

Viele seiner Bilder sind Ikonen der Fotografiegeschichte geworden – etwa die Aufnahme von John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer im offenen Wagen vor dem Brandenburger Tor. „McBride ist neben dem Auto her gelaufen, um das Foto im richtigen Moment zu schießen“, erzählt KuK-Leiterin Nina Mika-Helfmeier. Wieder einmal ist es ihr gelungen, in diesem Umfang noch nie gezeigte, zum Teil nicht einmal veröffentlichte Werke eines Fotografen von Weltruf nach Monschau zu holen. Die enorme Zahl von 6500 Besuchern der letzten Schau mit Fotos von Ken Heyman (14. Februar bis 3. April) dürfte mindestens wieder erreicht werden.

Wer sowieso schon Fan der Schwarz-Weiß-Fotografie ist, wird hier auf einmalige Weise bestätigt: Die insgesamt 150 Aufnahmen aus Berlin und Florenz, die Fotoreportagen für das Magazin „Twen“, die Porträts von Politikern und Aufnahmen zur Zeitgeschichte sowie die Porträts und Bildsequenzen von Romy Schneider faszinieren durch eine fabelhafte Konzentration des Ausdrucks, die in Farbe so nicht vorstellbar wäre.

Tristesse der Trümmerwelt

Die Tristesse der Trümmerwelt und der Lebenshunger der Menschen, die „Sucht nach Party“ nach Jahren des Grauens im Berlin der 50er Jahre: „Vor dem Grau der Stadt“, befand Will McBride einst selbst, würden „die Menschen wärmer und menschlicher wirken“. Mit sicherem Gespür für den Augenblick und vermutlich auch mit der Sub-stanz eines absolvierten Malerei- und Kunststudiums in New York im Kreuz hielt er dies alles fest: den Kriegsversehrten vor bühnenhafter Ruinenkulisse und neben einem fast schon symbolträchtigen jungen Bäumchen, harte Kerle, die im Schweiße ihres Angesichts Straßenbahnschienen verlegen, Kinder, die auf dem Schutt des letzten Krieges schon wieder ihre Holzschwerter kreuzen, ausgelassene junge Leute auf einer Bootsparty – das Leben geht weiter, beinahe schon „normal“.

„Das war die glücklichste Zeit meines Lebens“, sagte McBride später über seine Berliner Jahre. Ihn hatte 1953 der Militärdienst in Würzburg nach Deutschland verschlagen. Später lebte er dann in Berlin, München, in der Toskana, Frankfurt und schließlich wieder in Berlin, wo er 2015 im Alter von 84 Jahren starb.

Berlin, Bernauer Straße, 1961: Ein Vater und eine Mutter halten ihre beiden Babys hoch, damit die Kleinen einen Blick über die gerade gebaute Mauer werfen können – ein unfassbar treffsicheres und kurioses Zeitdokument.

1964 erreicht McBride ein Auftrag der Zeitschrift „Twen“: Er soll Romy Schneider porträtieren, die gerade von Alain Delon verlassen wurde und einen zum Glück verunglückten Suizidversuch hinter sich hat. 40 Jahre lang schlummerten die Fotos danach in McBrides Archiv, ehe ihn sein Freund, der Berliner Fotograf und Galerist Norbert Bunge, zur Präsentation in einer Ausstellung ermunterte. Erstmals überhaupt ist die Serie jetzt in diesem Umfang in Monschau zu sehen.

Faszinierend intime, ungeheuer nahe Aufnahmen zeigen eine 25-Jährige mitten in einer Umbruchsphase ihres Lebens: Romy nachdenklich am Fenster, mit geschlossenen Augen in den Kissen wühlend, ein Champagnerglas schwenkend, das Gesicht hinter geballten Fäusten versteckend oder auf dem Sofa hingerafft hinter einer ganzen Batterie von Schnapsflaschen liegend – immer voller Leidenschaft, in jeder Hinsicht „ungeschminkt“ und stets im Überschwang des ganzen Spektrums der Gefühle, so als ob gar kein Fotograf anwesend ist. Lachend und weinend, verspielt, unnahbar oder voller Melancholie.

Für ein Fotobuch und eine „Quick“-Reportage besucht McBride Konrad Adenauer in dessen Zuhause – er findet ihn in sich versunken und nachdenklich auf einer Bank sitzend vor. Der Mensch hinter dem Politiker, wie er persönlicher kaum darzustellen wäre.

„Was ich nicht fühle, fotografiere ich nicht, ebenso wenig das, was ich nicht selbst erfahren habe.“ So lautete McBrides Motto ein Leben lang, zumal nach einer Florenz-Reise im Jahr 1957. Im Armenviertel der Stadt erlebt er die Straße wie eine Bühne – überbordend vor Motiven. Auch hier wieder faszinieren den Fotografen die Lebensfreude und der Aufbruchswille der Menschen, die grauenhafte Jahre überstanden und bei allem Elend den Mut nicht verloren haben. Menschen in ihrem endlich wieder ganz „normalen“ Alltag in Schwarz-Weiß: Straßenarbeiter, Schulkinder, Fischverkäufer, Restaurantbesitzer, Badende am Arno, Mütter mit Kinderwagen oder Großmütter mit ihren Enkeln.

Für die Zeitschrift „Twen“ entstanden Serien, die das Lebensgefühl und die Jugendkultur der 1968er-Generation abbilden. Manche Aufnahme McBrides erregte größte Aufmerksamkeit eines konservativen Publikums – etwa Bilder von den nackten Darstellern der „Hair“-Aufführung in München. 1971 wurde die Zeitschrift „Twen“ eingestellt.

Seine letzte Fotoreportage widmete er der Leipziger Straße in Frankfurt – für ihn das Beispiel eines gelungenen „Multikultis“. Allerdings benutzte die „Stern“-Redaktion die Bildserie für eine gegenteilige Aussage: zur Illustration eines negativen Berichts über die Stadt Frankfurt. Will McBride hatte die Nase gestrichen voll und entschloss sich, nie mehr für ein Magazin zu arbeiten . . .

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