Kraftvoll und dynamisch beim Schrittmacher-Festival

Von: Sabine Rother
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Wirbelnde Körper in Perfektion: die Compagnie Hervé Koubi beim Schrittmacher-Festival in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Männersache! Das Fabrikambiente bei Stahlbau Strang bietet den idealen Rahmen für die Kraft und das Selbstbewusstsein der französisch-algerischen Compagnie Hervé Koubi, die unter der Leitung ihres Gründers die Produktion „Ce Que Le Jour Doit à la Nuit” („Was der Tag der Nacht schuldet“) im Rahmen des Schrittmacher-Tanzfestivals in Aachen präsentiert.

Sehr persönlich schildert zu Beginn Koubi, der am Rosella Hightowers’s Centre de Danse International in Cannes studiert hat, auf Deutsch, wie er – der Franzose – mit Erschütterung seine algerischen und damit arabischen Wurzeln entdeckt hat.

Die Reise zur eigenen Identität setzt der Tänzer und Choreograph seit einigen Jahren in seiner Arbeit um. Dabei nutzt er das internationale Vokabular emotionaler Bewegungs- und Ausdrucksformen, kombiniert uralte Formen des meditativen Tanzes wie die Tradition der Derwische im Sufismus mit den akrobatischen Elmenten der Hip-Hop-Bewegung.

Bei Koubi wird der Breakdance geschliffen und in eine dichte Form überführt, die bei den barfuß tanzenden Männern kaum mehr an amerikanische Gangs denken lässt. Die Compagnie, in der es keine Frauen gibt, ist ein Männerbund, eine enge Gemeinschaft, energiegeladen und dynamisch. Schon in den ersten Minuten erobern die Tänzer mit diesem Selbstwertgefühl den Raum der Industriehalle. Man fühlt sie, riecht sie, spürt Nähe und zugleich den Wunsch nach Distanz zu allem, was außerhalb ihrer Welt liegt. Und das bleibt bis zum Schluss so.

Dabei greift Koubi zu tänzerisch anspruchsvollen Bildern, die dem europäischen Publikum vertraut erscheinen. Zu einem aufregenden Soundmix aus Werken von Bach, Interpretationen des Kronos-Streich-Quartetts, Musik der Sufis und anderen orientalischen Klanginstallationen bewegen sich die Tänzer mit traumwandlerischer Sicherheit auf der Bühne – die muskulösen Oberkörper nackt, helle Hosen, darüber gleichfarbige Stoffstücke, die je nach Bewegung wirbeln, sich drehen, für optische Highlights sorgen.

Der Drehtanz, das Sama-Ritual, ist dabei ein zutiefst religiöses Symbol für die spirituelle Reise zum Göttlichen, eines von Koubis zentralen Motiven. Diese Tänzer, die aus Algerien, Marokko und Burkina Faso kommen, beherrschen den meditativen „Wirbelsturm mit der ruhenden Mitte“ in Perfektion. Kraftvoll geben sie sich männlichen Tugenden hin: Tapferkeit, Treue und das kämpferische Einstehen für den Bruder und die Gemeinschaft. Sie werfen sich aus großer Höhe in die Arme ihrer Mittänzer – ein spektakuläres Bild, das der Choreograph gern wiederholt.

Koubi gelingt es, eindrucksstarke Szenen mit intensiven Botschaften zu verknüpfen: Blicke und sehnsuchtsvolle Gestik zum Himmel, zu einer höheren Macht, intensive Nähe der Körper zur Erde, zur Schöpfung, zu einander. Mal sind die 16 Männer ein einziger pulsierender Körper, dann wieder gibt es atemberaubende solistische Leistungen, Akrobatik, Sprünge, fast bedrohlich sich steigernde rhythmische Synchronbewegungen.

In 70 schweißtreibenden Minuten bieten die Tänzer eine enorme Leistung, wirbeln im Kopfstand um die eigene Achse, stehen auf einem Arm, springen, drehen sich, finden immer neue Kombinationen und Verschmelzungen von orientalischem Stil und jungem Streetdance. In all dem sucht und findet sich Hervé Koubi. Das Tanzstück entwickelt dabei das Bild einer eingeschworenen Gemeinschaft.

So bewegen sich die Tänzer zu Anfang ausschließlich mit dem Rücken zum Publikum – wie Priester eines Tempels, zu dem Fremde keinen Zutritt haben. Sie bleiben auch im Laufe des Stücks extrem aufeinander konzentriert, suchen manchmal Nähe durch Berührung, eine besondere Form der tänzerischen Kommunikation, die man bei anderen Choreographien einen Pas de Deux nennen würde. Dass ein Publikum zugegen ist, scheint im Moment der Aktion keine Bedeutung zu haben. Die Tänzer agieren – für sich. Beim Festival in Aachen feiert man sie mit Jubel und heftigem Applaus.

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