Aachen - Komponist Ole Hübner: Wenn bei Orpheus das Handy klingelt...

Komponist Ole Hübner: Wenn bei Orpheus das Handy klingelt...

Von: Jenny Schmetz
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„Der Opernbetrieb ist mir eigentlich zuwider“: sagt Komponist Ole Hübner (19). Foto: Andreas Steindl
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Nein, Jonathan Meese spielt nicht mit! In Ole Hübners „sweetieorpheus_27“ singen Frauen mehrere Orpheuse. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Seine soften Popsongs schmalzen sich in Millionen Teenie-Ohren. Justin Bieber, Superstar, mit 19. Genauso alt ist Ole Hübner. Aber musikalisch tickt er vollkommen anders. Seine Töne dürfen gerne laut und schrill in die Ohren dringen. Dennoch dreht sich das neue Musiktheater des jungen Komponisten auch um Justin Bieber. Am Freitag wird es in Aachen uraufgeführt.

Nicht nur der kanadische Teenie-Schwarm, auch der verstorbene Rockstar Kurt Cobain, Pacman und Porno passen hinein in Hübners gut halbstündiges Werk. Ziemlich ambitioniert für einen 19-Jährigen! Der gebürtige Bremerhavener studierte schon mit 14 Komposition als „Jungstudent“ in Hannover, mit 16 hat er ein „ganz gutes Abi“ gemacht, erzählt er, Schnitt: 1,4.

Bereits mit vier bekam Ole Trompetenunterricht, etwa im selben Alter fing er auch an, eigene Stücke zu schreiben. Dabei sind seine Eltern gar keine Musiker, sondern Sozialpädagogen. Die Mutter spielt als Hobby Querflöte und führte ihren Sohn an die Musik heran. „Ich habe gleichzeitig Worte und Noten lesen gelernt“, sagt Hübner und lacht fast entschuldigend.

Also eines dieser berühmten „Wunderkinder“? Nein, das findet der schlaksige junge Mann in der grauen Kapuzenjacke und der roten Hose rückblickend nicht. Dann also zumindest ein „Hochbegabter“? „Sagt man wohl so, ja“, bestätigt er und schickt ein verlegenes Lachen hinterher. Seit 2011 besucht Hübner als Kompositionsstudent die Musikhochschule Köln. Dort und in Berlin lebt er im Wechsel.

Porno-Töne und Spielzeugklavier

Zurzeit allerdings ist er mit Stoffbeutel und Smartphone öfter im Zug nach Aachen unterwegs, zu den Proben. Beim Orpheus-Projekt des Theaters und der Musikhochschule (siehe Kasten) hat er es mit einer Geschichte zu tun, die bereits unzählige Male in Musik und Literatur behandelt wurde: „Wer kann Orpheus heute sein?“, fragte sich Hübner – und hat den antiken Mythos vom Sänger, der mit seiner Musik alle zum Weinen bringt und sogar den Tod überwindet, ins Jetzt geholt. Hin zu Justin Bieber und Kurt Cobain, zu den Musikstars und dem Showbusiness, „das sie fertigmacht“. Der Nirvana-Sänger erschoss sich mit 27 – und Justin Bieber? „Der ist ständig in Behandlung wegen Burn-out oder so.“ Gut drauf ist Hübners Orpheus also nicht gerade, seine geliebte Eurydike ist schon zu Beginn tot.

„sweetieorpheus_27“ heißt das Ganze, doch süßlich klingt es sicher nicht. Der Titel hört sich an wie ein Chatname, und ohne neue Medien wäre Hübners Arbeit auch gar nicht möglich. Zum Beispiel weil er viel Klangmaterial im Internet findet und auch am Rechner komponiert. Bei seinem chipsfutternden Orpheus klingelt natürlich das Handy. Genauer: Bei einem seiner Orpheuse, denn es gibt gleich vier, dazu drei Eurydiken – alle sieben gesungen von Frauenstimmen. Zum Gesang von der Bühne erklingen vorproduzierte Audioeinspielungen und Live-Musik aus dem Orchestergraben – Streicher, Bläser, Schlagzeuger, aber auch Kassettenrekorder und Spielzeugklavier, also Klassik-Touch, Retro-Charme und Billig-Sound. Dazu hat Hübner auch noch Videos gedreht.

Eine Herausforderung für den Dirigenten, alles zu koordinieren. Zumal der junge Komponist sehr genaue Tempovorstellungen hat, berichtet Raimund Laufen. Doch mit dem „Tak, tak, tak“ eines elek-tronischen Metronoms im Ohr sollte dem musikalischen Leiter das gelingen. Auch Hemmschwellen bei Musikern und Sängern haben beide ja überwunden. Denn Hübner sagt ganz klar: „Klangschönheit steht bei mir nicht im Vordergrund.“ Keine Arien oder lyrischen Linien also, da müssen die Mezzosopranistinnen auch mal ein hohes C ansteuern, das sich eher geschrien anhört. „Da gabe_SSRqs erst mal Diskussionen“, erinnert sich der Komponist.

Womit wir bei den generellen Vorbehalten vieler Konzert- und Opernbesucher gegenüber Neuer Musik wären. Die kennt Hübner natürlich. Und er setzt sich mit ihnen ganz offensiv auseinander – etwa in seinem Internet-Blog couldntfindabomb.net. Explosive Statements zu Musik und Gesellschaft sollen da zünden. Der 19-Jährige ätzt etwa gegen das Publikum, das nur „Kunstberieselung“ erwartet, ein Wellness-Erlebnis zum Entspannen. Wegen dieser Tendenzen sei ihm der Konzert- und Opernbetrieb eigentlich zuwider, sagt er ziemlich abgeklärt. „Ein Tempel des Bildungsbürgertums, wo Leute hingehen, um sich selbst zu präsentieren und in der Pause Lachshäppchen zu essen.“ Aber jetzt sitzt er selber drin, im Betrieb. Ein Dilemma? Hübner grinst. Klar, Revolution oder Provokation, das sei nicht sein Ziel. Aber vielleicht kann er den Laden ja ein bisschen aufmischen?

Mit seiner Musik. Musik, die lebendig, bunt, sehr ideenreich ist – so beschreibt sie der Dirigent. Musik, die Spaß mache – und wach. „Musik, der man sich sehr gut hingeben kann.“ Aber eben weniger Klangrausch als Konzeptkunst, betont der Komponist – und erklärt. Zum Beispiel sein Pacman-Konzept: Die Musik folgt der Bewegungsrichtung des Videospiels, frisst sich das Monster etwa rauf, wird der Ton höher und lauter. Oder sein Porno-Konzept: Rund 30 Sekunden hat der 19-Jährige aus der Tonspur eines Sexfilms rausgeholt, nachbearbeitet, dreifach übereinandergelegt, um sie dann von Streichern nachspielen zu lassen. Mal schauen, ob die Aachener Opernbesucher das witzig finden. Vielleicht besänftigt sie ja, dass der junge Komponist natürlich auch die gute, alte Tradition kennt – Anspielungen auf Mahler und Mozart inklusive.

Ein Star ist Ole Hübner nicht. Aber vier bis fünf Uraufführungen kann er für dieses Jahr bereits vorweisen: beispielsweise sein Orgelwerk „michael‘s renaissance techno beats“ im Juli im Dom zu Halberstadt oder das „brutal-stück“ im November in Berlin. „Hatte ich in diesem Jahr eigentlich schon was?“, muss er beim Aufzählen nachdenken. Es könnte jedenfalls noch mehr werden.

Auch sein Kompositionsstudium scheint den jungen Mann nicht so richtig auszufüllen. Gerade überlegt er noch, etwas nebenher zu studieren. „So Richtung Philosophie und Informatik.“

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