Aachen - Kollision mit Kunst und dem leeren Raum

Kollision mit Kunst und dem leeren Raum

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Fundstücke werden zu Skulpturen: Michael E. Smith zeigt im Ludwig Forum (v. l. im Uhrzeigersinn) ein Arrangement aus alten Spucknäpfen, eine geflügelte Muschel und ein mit Kunststoff getränktes Wespennest. Eine Fensterreihe hat er mit Spaghettifotos beklebt. Foto: Michael Jaspers
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Geisterbeschwörer mit Humor: Michael E. Smith.
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Fundstücke werden zu Skulpturen: Michael E. Smith zeigt im Ludwig Forum (v. l. im Uhrzeigersinn) ein Arrangement aus alten Spucknäpfen, eine geflügelte Muschel und ein mit Kunststoff getränktes Wespennest. Eine Fensterreihe hat er mit Spaghettifotos beklebt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Hallo, wo ist denn bitte die Kunst? Mit rund 40 Objekten und 40 Gemälden ist Michael E. Smith aus New Hampshire angereist. Doch wer das Aachener Ludwig Forum unaufmerksam betritt, wird vielleicht suchen.

Die Ausstellung des US-Amerikaners springt den Besucher nicht aufdringlich an. Auch der Künstler selbst, in T-Shirt, Jogginghose und Schuhen mit offenen Schnürsenkeln, wirkt zunächst eher scheu. Statt über seine Werke zu sprechen, geht er lieber erst mal eine rauchen.

Nach Klangkünstlerin Susan Philipsz und Kunstpreisträgerin Phyllida Barlow hat Direktorin Brigitte Franzen den 36-Jährigen für eine ortsspezifische Arbeit eingeladen. Eine Arbeit also, die einzig ins Forum passt, die mit der Architektur der ehemaligen Schirmfabrik ringt, der Weite, der Mulde, dem Licht, das durchs Sheddach fällt. Was die Größe seiner Objekte betrifft, könnte man Smith einen „Anti-Barlow“ nennen.

Er klotzt nicht mit Riesen-Skulpturen, im Gegenteil. Dezent und sparsam verteilt er seine Werke in der riesigen Halle. Beim Stromern entdeckt man sie natürlich doch. Fundstücke, die Spuren des Lebens tragen. Zum Beispiel eine alte Rührschüssel, an der noch Teigreste kleben. Relikte, die unter Smiths Hand zu Skulpturen werden. Etwa einen ehemals weißen Plastikstuhl, auf dessen Sitzfläche eine Säge rostet.

Smith hat schon aggressiver Jogginghosen, Gartenschläuche oder Milchtüten malträtiert, etwa abgebrannt oder gegrillt, erzählt Kuratorin Anna Sophia Schultz. In Aachen geht er fast behutsam zu Werke. Ein Wespennest etwa hat er mit transparentem Kunststoff begossen. Zwei riesige weiße Wände in der Mulde lässt er bewusst frei. Leere empfinden – und ertragen, auch das ist hier ein Angebot.

Eine Kollision mit der Kunst ist dagegen schon an der Kassentheke erwünscht. Dort hängt auf Bauchhöhe ein T-Shirt-Papageienfeder-Bild. Sieht nach Vogelunfall aus. Man darf sich dran reiben. Noch mehr tierische Überreste sind zu finden: die Haut einer Albino-Python auf ein Geländer geschraubt, eine Muschel, aus der sich Vogelflügel aufschwingen. Tote Körper, aus denen noch das Leben strömt.

Beim Versuch, ihn zu fotografieren, meint Smith lachend: Sein Kunstwerk könne man ja dann abschneiden. Es sei doch eher ein Geist. Der Künstler als Geisterbeschwörer mit Humor? Und ernstem Hintergrund: Der „Antagonismus von Verfall und Vitalität“, meint die Kuratorin, erinnere an Smiths frühere Heimat Detroit, den Niedergang der ehemaligen Autostadt. Kein konkreter kritischer Kommentar aber sei intendiert, alles ist „completely free and open“, meint der Künstler.

Frei und offen ist auch noch die Anordnung. Seit gut einer Woche ist Smith im Ludwig Forum. Eine große Sammlung hatte er im Gepäck, Objekte, gefunden bei Ebay, im Müll oder im eigenen Kleiderschrank. Nur ein Bruchteil ist nun zu sehen. „Am Anfang habe ich keinen Plan“, sagt Smith auf Englisch. Aber dann träfen ihn etwa 8000 Geistesblitze. Wie ein Schachspieler schiebt er die Objekte dann immer wieder im Raum hin und her. Gestern waren zehn zu finden. Vielleicht sind es bei der Eröffnung morgen schon mehr. Oder weniger. Oder ganz andere?

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