Kölner Oper: Messerscharf charakterisiert

Von: Pedro Obiera
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Im Schatten des Grafen: Emily Hindrichs als Susanna in Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ an der Oper Köln. Foto: Paul Leclaire

Köln. Eine Neuinszenierung von Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ mit harten Kanten, aber konsequenter psychologischer Durchdringung ist derzeit an der Kölner Oper im Deutzer Staatenhaus zu sehen.

Für markante, bisweilen schroffe Akzente sorgt Generalmusikdirektor François-Xavier Roth, der die filigranen Stimmungs- und Tempowechsel der turbulenten Komödie pointiert ausspielt und ein Maximum an musikalischer Spannung herausschlägt.

Für Rokoko-Zierrat ist in seiner Interpretation ebenso wenig Platz wie in der Inszenierung von Emmanuelle Bastet, die das Stück ebenso ernst nimmt wie der Dirigent und, nicht oft im Regie-Alltag, der Musik sehr genau zuhört. Sie verzichtet auf jeden aufgesetzten komödiantischen Klamauk und charakterisiert jede noch so kleine Rolle messerscharf. Das heißt auch, dass niemand, auch für Überzeichnungen anfällige Figuren wie Don Basilio, Don Curzio oder der trinkfreudige Gärtner Antonio, zur Hofschranze karikiert wird.

Zu erleben sind ausnahmslos starke Personen, die einem Gewitter an Gefühlen, Täuschungen und Intrigen ausgesetzt sind. Auch wenn die Frauen den Männern scheinbar überlegen sind, behalten der Graf und Figaro ihre männliche Würde und die Überlegenheit der Frauen weist Risse auf. Dass Mozart und sein Librettist da Ponte die Verführbarkeit, die Liebenswürdigkeit und Boshaftigkeit der Menschen unübertrefflich präzise, differenziert, virtuos und auch noch unterhaltsam in ihrem gemeinsamen Geniestreich zum Ausdruck bringen, davon teilt die Inszenierung eine Menge mit.

Zum Ambiente verhält sich Bühnen- und Kostümbildner Tim Northam recht neutral. Ein zartes Laubwerk ziert die Tapeten einer wandelbaren Kulisse mit vielen Nischen und Ecken, die das Versteckspiel der Figuren vor den eigenen Gefühlen und denen der Rivalen erleichtern. Die Brüchigkeit der Wahrnehmungen wird durch flexibel eingesetzte Spiegel verdeutlicht. Und das alles gelingt Bastet mit viel Tempo und Lockerheit.

Dass da Ponte und Mozart in dem 1786, also kurz vor der großen Revolution uraufgeführten Werk die Standesgrenzen aufbrechen, der Diener gegen den Herrn aufbegehrt, eine Zofe den Männern, auch den adeligen, Paroli bietet, macht die Aufführung deutlich, ohne das Stück zu einem Revolutionsdrama umzupolen.

Bo Skovhus stellt einen extrem männlichen Grafen dar, männlich in seiner sexuellen Gier und blinden Eifersucht. Entsprechend markant singt er die Rolle und profiliert sie stimmlich ganz anders, aber durchaus bestrickend, als man es von einem Kavalierbariton gewohnt ist. Grandiose Leistungen sind von Emily Hindrichs als Susanna und Regina Richter als Cherubino zu melden.

Zwei spielstarke, vokal makellos agierende Sängerinnen und zuverlässige Stützen des Kölner Ensembles. Robert Gleadow bewegt sich auf ähnlichem Niveau, auch wenn sein Bariton in der Höhe weniger geschmeidig ist. Andreea Soare verfügt für die Gräfin über eine ausgezeichnete Legato-Kultur. Allerdings wirkt ihre Stimme zu robust für die Rolle. Vorzüglich auch Maria Isabel Segarra aus dem Opernstudio als Barbarina und John Heuzenroeder als Basilio, während Kismara Pessatti als Marzelline und Paolo Battaglia als Bartolo stimmlich blass blieben.

Eine überaus sehens- und hörenswerte Mozart-Produktion zum nahenden Abschluss der Kölner Saison. Viel Beifall.

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