Klavier-Akrobat donnert auf dem kostbaren Steinway herum

Von: Alfred Beaujean
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Zwiespältiger kann ein Klavierabend nicht sein, als es derjenige war, den der Russe Igor Kamenz im Rahmen der Meisterkonzerte im Aachener Eurogress gab.

Dabei ist an dem rein manuellen Können des im Fernen Osten Geborenen nicht zu zweifeln, ja dieses Können ist geradezu akrobatisch. Aber mit Akrobatik ist es bei Beethoven nicht getan.

Der Vortrag der Klaviersonaten D-Dur op. 10/3 und d-Moll op. 31/2 war an peinigender Manieriertheit schwerlich zu überbieten. Da knallten Akzente der Linken unmotiviert in das kompositorische Gewirk hinein, das in den schnellen Sätzen nur noch zu ahnen war, da wurden die langsamen Sätze endlos zelebriert, kurz: Dieser Beethoven war in diskutabel.

Man sage nicht, das sei „russische Schule”: Die großen Gilels und Richter - um nur sie zu nennen - waren Beethoven-Interpreten von Gottes Gnaden. Kamenz ist es, nach dem Eindruck dieses Abends zu urteilen, jedenfalls nicht.

Pianissimo-Gesäusel

Der zweite Konzertteil gab denn auch dem Affen Zucker. Mit Igor Strawinskys „Petruschka”-Stücken und der Orientalischen Fantasie „Islamej” von Mili Balakirew standen zwei extrem schwierige Virtuosenreißer auf dem Programm. Hier war Igor Kamenz in seinem Element, hier wirkten seine dynamischen Eskapaden, sein Umkippen von wüstem Gedonnere zu geschmäcklerisch ausgekostetem Pianissimo-Gesäusel durchaus werkgerecht. Wenngleich die thematisch-melodische Plastik der Themen bei Strawinsky deutlicher herausgearbeitet schien als bei Balakirew, wo, wie bei Beethoven, manches dem pianistischen Furor zum Opfer fiel.

Wie dem auch sei: Das war Klavier-Exzentrik großen Stils. Vermutlich muss der malträtierte Steinway nach diesem Abend neu gestimmt werden.

Zwischen den Schwergewichten stand als beruhigendes Element Maurice Ravels nicht totzukriegende Pavane. Das schlicht-schöne Stück unterzog Kamenz wie gehabt seiner Manieriertheits-Kur.

Die Zugaben hat sich der vom Gedonnere erschlagene Berichter geschenkt. Eine wohl lässliche Sünde.
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