Klaus Doldinger: „Entscheidend ist, dass Musik mein Herz anspricht“

Von: Bernd Mathieu
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Klaus Doldinger
Klaus Doldinger: Der Jazz-Saxofonist hat etwa die Filmmusik zu „Das Boot“ und die Titelmusik für den „Tatort“ geschaffen. Foto: Archiv/Soeren Stache
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Klaus Doldinger: Der Jazz-Saxofonist hat etwa die Filmmusik zu „Das Boot“ und die Titelmusik für den „Tatort“ geschaffen. Foto: Peter Hönnemann

Aachen. Klaus Doldinger ist Deutschlands erfolgreichster Jazzmusiker. Am 12. Mai wurde der in Berlin geborene Saxofonist, Komponist und Bandleader 80 Jahre alt. Bereits im April ist sein Album „Doldinger“ erschienen, mit dem er auf spannende und sehr besondere Art und Weise Rückschau hält.

Musikalische Gäste und Weggefährten wie Udo Lindenberg, Max Mutzke oder Sasha würdigen darauf das vielfältige Schaffen des Saxofonisten. „Ich habe die ausgewählt, mit denen ich ohnehin gelegentlich auf der Bühne stehe“, sagt Doldinger im Interview mit unserer Zeitung.

Herr Doldinger, Sie haben im Mai Ihren 80. Geburtstag gefeiert, Sie wirken viel, viel jünger. Bleiben Jazzmusiker länger jung?

Klaus Doldinger: Das würde ich nicht unterschreiben, ich weiß es nicht. Ich habe leider schon viele erlebt, die schon mit 60 die Tür zumachen mussten.

Sie lassen sie noch weit auf.

Doldinger: Offensichtlich hat der liebe Gott es so gewollt. Ich will mich da jeden Kommentars enthalten! Die Lebensumstände spielen schon eine gewisse Rolle. Bei mir hat sich vieles immer wieder positiv ausgewirkt, was bei manchen anderen verhängnisvoll war. Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben.

So bleiben Sie uns lange erhalten. Sie sind ein exzellenter Komponist und Saxofonist. Sie sagen über sich selber, Sie seien ein Autodidakt, dabei haben Sie renommierte Musikhochschulen – zum Beispiel das Robert-Schuman-Konservatorium in Düsseldorf – besucht.

Doldinger: Weil ich Komposition nicht studiert habe, ich habe neben dem Gymnasium Klavierunterricht gehabt bis zum Abitur, habe dann am Konservatorium andere Fächer absolviert wie Gehörbildung, Harmonielehre, Partiturkunde, aber Komposition habe ich nie studiert, ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, selber komponieren zu wollen.

Sie sind in Berlin geboren und irgendwann in Düsseldorf gelandet, um dort zum Konservatorium zu gehen . . .

Doldinger: Ich bin in Berlin geboren, dann kurz als Dreijähriger in Köln gewesen, dann während der Kriegsjahre mit meiner Mutter und meinem Bruder nach Wien gekommen. Ein Glück, weil die Stadt nicht sehr stark von Bombenangriffen heimgesucht wurde wie deutsche Städte. Nach Kriegsende waren wir kurz in Bayern auf der Flucht, wir waren Flüchtlinge sozusagen. Und dann sind wir in Düsseldorf gelandet, wohin mein Vater während des Krieges als Diplom-Ingenieur für die damalige Reichspost im Fernmeldewesen versetzt worden war. Und ich hatte das Glück, in der Nachkriegszeit bis 1968 in Düsseldorf zu leben. Das war eine gute Zeit.

Dort sind Sie zum Gymnasium gegangen.

Doldinger: Ja, das war alles wunderbar. Und später kam es dort zu den Begegnungen mit meinen späteren Weggefährten der ersten Jahre, wir haben dann 1960 mein Quartett gegründet, das Klaus-Doldinger-Quartett, dann kam 1963 unser erstes Album.

Und damit wurden Sie mit einem Schlag bekannt?

Doldinger: Ja, absolut.

Sie haben damals dann auch Popaufnahmen unter dem Pseudonym Paul Nero gemacht, warum, war Ihnen Popmusik peinlich?

Doldinger: Nein, überhaupt nicht, es hat immer schon Verbindungen zwischen Popmusik und Jazz gegeben, schon in den 30er und 40er Jahren. Viele der Kompositionen, die Jazzmusiker gespielt haben, waren ursprünglich mal Schlager, wie zum Beispiel „I Got Rhythm“. Diese Verbindung zur rein populären Musik war immer schon viel enger, als manche das sehen wollen. Das war deshalb für mich nie fremd. Und da haben wir uns entschlossen, alternativ die Produktionen zu machen und Schallplatten aufzunehmen.

Einer dieser Titel ist viel später, 2007, in einem Film in den USA aufgetaucht.

Doldinger: Ja, das war aber schon von der Übergangsband, die es zwischen meinem Quartett und Passport 1969/70 gab. Diese Band hieß Motherhood. Mit der habe ich zwei LPs aufgenommen. Und einen dieser Titel – „Soul Town“ – hat der Regisseur von „Oceane_SSRqs 13“, Steven Soderbergh, in sein Herz geschlossen, sonst hätte er ihn ja nicht genommen. Er hat die Rechte gekauft, um das Stück als Titelsong zu verwenden.

Ihre Vielseitigkeit ist bemerkenswert. Sie haben Titel für die letzte gemeinsame Platte von Abi und Esther Ofarim komponiert. Wie kam es zu solchen Verbindungen?

Doldinger: Ich hatte immer einen Blick für viele, die auf populäre Art produziert haben. Esther war eine ganz tolle Sängerin. Ich habe für sie und Abi auch eines ihrer frühen Alben produzieren können, und bei der ersten Solo-LP von Esther war ich mit einigen Stücken beteiligt. Es hat mir großen Spaß gemacht, hier und da etwas zu schreiben, das auch für den normalen Musikinteressierten zu verstehen war.

Was ist denn typisch an Ihrer musikalischen Handschrift?

Doldinger: Mir liegt viel daran, etwas Originelles zu komponieren, bei dem man die Tonfolge im Ohr behält. Das ist eine schwierige Aufgabe, weil man sehr schnell in die Gefahr eines Plagiats gerät, wenn man sich merkfähige Motive und Melodien durch den Kopf gehen lässt. Da ist man schnell dabei, etwas zu komponieren, das man schon tausendfach gesungen oder gepfiffen hat.

Haben Sie Ihre berühmten Melodien wie „Tatort“ oder „Das Boot“ gleich auf Anhieb und in der ersten Version gefunden?

Doldinger: Nein, das kann ich so nicht sagen, ich habe an vielen dieser Kompositionen intensiv gearbeitet. Wenn man die Tonfolge aufgeschrieben hat, kommt man schnell zu der Überzeugung, dass das noch anders laufen könnte! Und dann arbeitet man daran, bis man zu dem Punkt gelangt, der bedeutet: Die Melodie ist einerseits merkfähig, andererseits aber auch eigenständig genug.

Sie haben als ganz junger Musiker große Vorbilder gehabt wie Lester Young, Sidney Bechet, Sonny Collins, wie stark haben die Sie geprägt?

Doldinger: Kompositorisch überhaupt nicht.

Aber als Saxofonisten!

Doldinger: Ja, als Saxofonisten, klar. Ich habe auch sehr Charlie Parker gemocht, die Liste derer, die ich im Laufe der Jahre in mein Herz geschlossen habe, ist sehr lang.

Spielen und hören Sie Ihre „Tatort“-Melodie immer noch gerne, oder ist es eher eine Zugabe, die Sie bei Ihren Konzerten einfach geben müssen, weil Ihr Publikum das erwartet?

Doldinger: Es spricht nichts dagegen, eine Melodie, die bekannt ist, als Zugabe oder im Programm als sehr publikumsnahen Teil zu spielen. Mir gefällt das auch bei Konzerten von anderen Musikern. „Ein Fall für zwei“ zählt auch dazu. Es gibt eine Reihe von Filmen und Serien, die ich vertont habe, und es hat mir immer wieder Spaß gemacht, zum Beispiel „Hurra, wir leben noch“ mit der italienischen Sängerin Milva. Die hat das sehr schön gesungen.

Mit den Einnahmen aus der Filmindustrie konnten Sie sich früher als geplant Ihr eigenes Studio einrichten.

Doldinger: Nicht nur mit den Einnahmen aus der Filmindustrie. Ich habe viele andere Projekte gemacht – Bühne, Theater, Werbeindustrie, Dokumentationen, ich war nie auf ein spezielles Genre festgelegt. Das hat mir Spaß gemacht, weil ich mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenkam. Das kam mehr oder minder stets auf freundschaftlicher Basis zustande, zum Beispiel bei irgendwelchen Empfängen. Da musste keine große Kraftmeierei betrieben werden, um Aufträge zu bekommen, sondern Leute fragten einfach: „Haben Sie nicht Lust, für mich was zu schreiben?“ Und dann habe ich das gemacht. Anfangs musste ich überredet werden, weil ich mir das gar nicht zutraute.

Das hat sich dann aber schnell geändert.

Doldinger: Ja, ich habe mir dann etwas zugetraut! Und mich manchmal gewundert. „Concertino“ habe ich 1977 geschrieben, und jetzt spiele ich es immer mal wieder mit Sinfonieorchester. Das Stück habe ich ganz früh, als ich kaum Erfahrungen auf diesem Sektor hatte, komponiert. Und ich bin sehr froh, dass ich noch heute dazu stehen kann.

Zu den Menschen, die Ihnen schon ganz früh begegnet sind, gehört Udo Lindenberg. Was haben Sie an ihm, dem Schlagzeuger, damals geschätzt?

Doldinger: Erst einmal, dass er sehr locker war. Er trug ein belebendes Element in sich, und er hat entsprechend gut getrommelt, nicht festgelegt auf irgendeine Stilistik, sondern sehr groovy und sehr swingend, rockig, das hat mir gut an ihm gefallen. Er war deshalb für mich damals der entscheidende Schlagzeuger, zumindest für das erste Album von Passport. Wir hatten davor bereits das Mo-therhood-Projekt zusammen gemacht.

Haben Sie ihn in der Zeit jemals singen hören?

Doldinger: Ja, wir haben das sogar aufgenommen. Ich bin gerade dabei, meine jüngste CD als Vinylplatte zu veröffentlichen, und dafür wollen wir zusätzlich einen Titel mit hineinnehmen, bei dem Udo nicht nur trommelt, sondern auch singt – und zwar auf Englisch. Aber mit der Band auf der Bühne hat er das nie gebracht. Es hat mich nachher wirklich gewundert, wie er dann als Sänger loslegte! Vielleicht war ihm ja mein Saxofon-Spiel zu aufdringlich oder zu stark, was auch immer. Ich glaube, damals hat er sich eher geniert.

Welchen Stellenwert hat Jazz heute in Deutschland, einen hohen oder einen ausbaufähigen?

Doldinger: Einen unterbewerteten. Ich weiß nicht, woran das liegt. Bei uns gibt es immer wieder Dispute, wie Jazz beschaffen sein soll, dass er nicht zu populär sein dürfte, das ist eine überflüssige Diskussion. In den USA war die Atmosphäre viel lockerer als bei uns, zum Beispiel, wenn ich dort in Clubs gespielt habe. Bei uns wird schnell die harte Kante angelegt. Entscheidend ist, dass Musik mein Herz anspricht und dass man daran Spaß haben kann.

Sie haben allerdings auch betont, wie hervorragend die Rahmenbedingungen für Kultur in Deutschland sind.

Doldinger: Die sind vergleichsweise hervorragend, besser jedenfalls als in jedem anderen Land. Trotzdem sind die Umfragewerte für Jazz erstaunlich niedrig. Wenn ich mir das Konzertprogramm der nächsten Saison in München ansehe, dann staune ich, wie wenig Jazzacts stattfinden. Es ist alles „Middle of the road“, wo ich mir vorstelle, dass die Damen und auch die Herren sich fein kleiden. Merkwürdigerweise fehlt da der Jazz weitgehend.

Anlässlich Ihres runden Geburtstages am 12. Mai haben Sie diese faszinierende CD herausgebracht. Nach welchem Prinzip haben Sie die Kompositionen und die Gaststars wie Udo Lindenberg, Helge Schneider, Dominik Miller, Max Mutzke oder andere ausgesucht?

Doldinger: Die Auswahl der Gäste war ziemlich einfach. Ich habe die ausgewählt, mit denen ich ohnehin gelegentlich auf der Bühne stehe. Dazu zählt die Band der 70er Jahre, also die Klassik-Passport-Besetzung. Und was die Auswahl der Stücke angeht: Da habe ich mich zunächst einmal gewundert, dass unter den 350 Kompositionen doch so viele sind, die wir gar nicht so oft gespielt haben, zum Teil gar nicht, und das immer noch auch für mich einiges zu entdecken ist. Ich habe jetzt Stücke ausgewählt, die ein hohes Potenzial haben, und im Studio hat sich herausgestellt, dass die Musiker daran echt Spaß hatten. Ich nenne nur „New Moon“, bei dem Sasha singt. Das kann man nicht erzwingen! Insofern kam die Platte in vier Tagen zustande.

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