Aachen - Klangschöner Hexenritt und andere Gemeinheiten

Klangschöner Hexenritt und andere Gemeinheiten

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:

Aachen. „Weiße Nächte” im sonnendurchfluteten Lenz. Das Motto des 6. Aachener Sinfoniekonzerts kam zwar etwas spät, kalt wäre es den Besuchern im gut besuchten Eurogress auch bei strengeren Temperaturen nicht geworden.

Denn an den präsentierten Werken aus skandinavischen und baltischen Breiten konnte man sich durchaus erwärmen. Nicht zuletzt aufgrund der musikalischen Qualität, die Gastdirigent Eckehard Stier und der hauseigene Solist, Konzertmeister Felix Giglberger, den Hörern servierten.

Jean Sibelius, „Die Stimme Finnlands”, war in den letzten Jahren selten in Aachen zu hören. Da stört es nicht weiter, dass Stier und das Aachener Sinfonieorchester mit der Tondichtung „Finlandia” und der Zweiten Symphonie an die beiden populärsten Orchesterwerke erinnerte und die vielen weniger beachteten Schätze des Finnen außer acht ließen. Orchestrale Opulenz entfaltete Stier, der vielbeschäftigte Newcomer zwischen Auckland und Görlitz, bereits mit den ersten schweren Blechbläserakkorden von „Finlandia”. Auch die Streicher tönten in erfreulicher Fülle. Dass auch er die Balance zwischen Blech und Streichern nicht optimal ausgleichen konnte, ist im Rahmen eines Gastdirigats in den akustischen Problemzonen des Eurogress” verzeihlich.

In der Zweiten Symphonie findet sich Sibelius idiomatische Handschrift bereits voll ausgebildet. Und Stier traf stilsicher den dunkel grundierten Klang des Werks, zeigte Gespür für die eigenwilligen melodischen und harmonischen Wendungen und arbeitete die oft fein gesponnenen rhythmischen Strukturen sauber heraus.

Die Übersicht behalten

Stier behielt die Übersicht über die formalen Dimensionen der vier Sätze, auch wenn der zerrissene Schluss des langsamen Satzes ein wenig an Spannung verlor. Der virtuose Hexenritt des Scherzos gelang dem Orchester vorzüglich, die vielen Bläsersoli konnten sich hören lassen. Eine geschlossene, klangschöne Interpretation eines Schlüsselwerks eines Komponisten, von dem man in Aachen noch mehr zu hören bekommen sollte.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben es baltische Komponisten wie Arvo Pärt und Peteris Vasks zu beachtlicher Bekanntheit, wenn nicht sogar zu einer gewissen Popularität gebracht. Unbekümmert strebt der Lette Vasks Wohllaut und emotionale Intensität an, so dass er von eingefleischten Avantgardisten nicht immer ganz ernst genommen wird. An der Schönheit seiner Musik ändert das nichts und das gilt auch für seine Violinwerke mit Streicherbegleitung.

Felix Giglberger widmete sich auf hohem gestalterischem Niveau „Tala gaisma” (Fernes Licht), dem längsten und anspruchsvollsten Stück der Werkgruppe, das Vasks 1996 keinem Geringeren als Gidon Kremer in die Finger geschrieben hat. Ein Wechselbad zwischen bohrender Elegie und unvermittelt ausbrechender Expressivität, das dem Solisten nicht nur in den drei großen Solo-Kadenzen mit etlichen Doppelgriffen und anderen Gemeinheiten viel abverlangt. Kompliment für Giglberger, der das Werk nicht nur technisch überlegen bewältigt, sondern auch ausdrucksstark zu gestalten vermag. Und das über dem einfühlsam geformten Klangteppich der Aachener Streicher.

Begeisterter Beifall für ein exzellentes Konzert.
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