Keine Sonderrolle: Sandy Mölling im Grenzlandtheater

Von: Jenny Schmetz
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Noch auf der Probebühne, bald im Grenzlandtheater: Sandy Mölling (oben), bekannt von der Girlgroup No Angels, ist ab dem 12. Dezember als „Cabaret“-Nachtclubsängerin Sally Bowles zu sehen. Foto: Herrmann

Aachen. Kann schon sein, dass bei der Musical-Produktion des Grenzlandtheaters der Altersschnitt im Publikum diesmal drastisch sinkt und der Kreischfaktor dramatisch steigt. Dann nämlich, wenn Sandy Mölling nur einige ihrer vielen Fans aus alten No-Angels-Zeiten aktiviert.

„No was?“, wird jetzt vermutlich der gemeine, also etwas gesetztere Grenzlandtheater-Besucher fragen. Ja, die Noch-immer-Jüngeren werden sich gerne erinnern: Die No Angels (zu Deutsch: Keine Engel) waren in den Nullerjahren die erfolgreichste Girlgroup Deutschlands, mit Hits wie „Daylight in Your Eyes“, mit Bambi, Echos, Eurovision Song Contest und mehr als fünf Millionen verkauften Tonträgern. Und Sandy Mölling, die Blondine des ursprünglichen Quintetts, singt jetzt im Aachener Grenzlandtheater. Allerdings keine Popsongs.

Der große Popstar im kleinen Grenzlandtheater – das würde Intendant Uwe Brandt vermutlich nicht so gerne lesen. Denn mit ihrer Vergangenheit bei den No Angels habe Sandys Engagement ja eigentlich gar nichts zu tun, sagt er. „Ich war beim Casting – wie alle anderen auch“, betont die Sängerin. Und Regisseur Ulrich Wiggers, der aus gut 40 ernstzunehmenden Bewerbungen habe auswählen dürfen, meint: „Sie war die Beste!“ Schon vor 14 Jahren, als Wiggers ihren Erfolg bei der „Popstars“-Castingshow verfolgte, und aus der Jeans-Verkäuferin ein No Angel wurde, da hätten die Insider gesagt: „Die kann wirklich singen!“

Mit dem Kapitel No Angels hat Sandy Mölling abgeschlossen, sagt sie. Eine weitere Wiedervereinigung sei derzeit nicht geplant, „vielleicht mit 60“, ergänzt sie – und lacht. Die 33-Jährige hat mittlerweile auch ihre Solo-Karriere als Popsängerin und TV-Moderation auf Eis gelegt, „weil meine Leidenschaft für Schauspielerei und Musical brennt“. Nach acht Monaten Schauspielschule in Los Angeles und Coachings in Deutschland, nach dem Engel in „Vom Geist der Weihnacht“ in Köln, München und Frankfurt und der Erzählerin in „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ auf der Freilichtbühne Tecklenburg, probt die gebürtige Wuppertalerin nun in Aachen für ihre dritte Musical-Rolle. „Eine Herausforderung“, sagt Sandy Mölling.

Ach ja, gespielt wird übrigens „Cabaret“ – viel mehr muss man dazu ja eigentlich nicht schreiben. Seit der Uraufführung 1966 am Broadway und dem Film-Triumph mit Liza Minnelli wird das Erfolgsmusical immer wieder gern und überall gezeigt: im Grenzlandtheater zuletzt vor 17 Jahren zur Eröffnung der neuen Spielstätte in der Elisengalerie, im Theater Aachen vor zehn Jahren mit Opernsängern, ziemlich steif und brav. Deutlich dreckiger und bewegter soll es diesmal im Berliner Nachtclub zugehen. Wer allerdings Wiggerse_SSRq bisher neun Inszenierung am Grenzlandtheater gesehen hat, zuletzt „Arsen und Spitzenhäubchen“, der wird auch diesmal kein abgefahrenes Regie-Konzept erwarten. „Wir verlassen uns voll auf die Geschichte“, lautet seine Devise. Mit Fokus auf den beiden Liebespaaren im brodelnden Berlin Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, und im Hintergrund marschieren die Nazis heran. Zudem vertraut der 58-Jährige erneut Choreographin Marga Render, Bühnenbildner Matthias Winkler, fünf Live-Musikern um Damian Omansen, einem „ganz tollen Ensemble“ überwiegend aus Musicaldarstellern und – nach dem unbekannten Musical „Into the woods“ in der Vorsaison – jetzt auch wieder starken Songs, die fast jeder kennt.

Kostprobe gefällig? Während Mimi skeptisch vor der Bühne hin und her trippelt, zieht es Whoopy schon mal ins Rampenlicht. Aber die Hunde von Wiggers und Mölling verstehen sich prima, also kein Gekläffe, als Sandy Mölling „Mein Herr“ anstimmt. Schwarze Melone, sehr kurze Hose, sehr lange Beine, blonde Haare, rote Lippen. „Sie kann singen, spielen, tanzen – und sieht auch noch gut aus!“, wird Wiggers später loben. Das kann man nach dem ersten Probeneindruck bestätigen.

Kleine Bühne? Kein Problem!

„Die Frau ist kaputt“, sagt Sandy Mölling danach – und meint damit Sally Bowles, ihre „traumhafte Rolle“. Die Männer haben die Nachtclubsängerin nicht gut behandelt, einige Abtreibungen hat sie schon hinter sich, eine komplexe Figur. Auch daher sei Sandy „die Richtige“, sagt Uwe Brandt. „Man merkt, dass sie schon was erlebt hat.“ Welche Erfahrungen sie denn geprägt haben? Da will die Sängerin „nicht aus dem Nähkästchen plaudern“. Nur so viel: „Ich bin alleinerziehende Mutter.“ Während sie bis Februar in Aachen wohnt und im März schon die nächsten Proben für das Musical „Paradise of Pain“ am Staatstheater Saarbrücken starten, passt auf ihren fünfjährigen Sohn Jayden Sandys „Mama“ in Koblenz auf. Auch bei den Proben war Jayden schon, vorbildlich habe er sich benommen, sagt der Regisseur.

Und, gewohnt an Riesen-Bühnen, hat die Hauptdarstellerin im Grenzlandtheater wirklich keine Sorgen, bei einem etwas größeren Schritt in der ersten Zuschauerreihe zu landen? Nein, sie liebe kleine Bühnen, sagt Sandy Mölling. Diese sei „perfekt für das Stück“. „Das Publikum soll sich mit einbezogen fühlen.“ Also: „Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ – Blickkontakte und Anzüglichkeiten inklusive.

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