Keine Kriegsreportage, sondern Hommage an die Menschen in Syrien

Von: Jenny Schmetz
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Bücher und CDs bis zur Decke: der Schriftsteller Suleman Taufiq in seinem Arbeitszimmer in Aachens Frankenberger Viertel. Foto: Michael Jaspers
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Bücher und CDs bis zur Decke: Suleman Taufiq in seinem Arbeitszimmer in Aachens Frankenberger Viertel. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Fünf Jahre in 60 Sekunden: Bomben, Trümmer, Tote. Menschen auf der Flucht, nackte Füße im Matsch, weinende Mütter, schreiende Kinder. Das Video mit harten Schnitten und noch härteren Trommelschlägen endet im eindringlichen Appell, den Krieg in Syrien zu beenden.

Suleman Taufiq hat diesen weltweiten Aufruf von mehr als 100 Hilfsorganisationen auf seiner Facebook-Seite geteilt. Der Aachener Autor und Publizist sagt auch deutlich seine Meinung zur „einmaligen Tragödie“ in seiner früheren Heimat. „Ohne diesen verdammten Krieg wäre kein einziger Syrer nach Europa gekommen.“ Für den 63-Jährigen ist es „kein Bürgerkrieg, sondern ein Stellvertreterkrieg, in dem alle Mächte ihre Finger im Spiel haben“.

Als Schriftsteller wählt Suleman Taufiq subtilere Mittel. „Ein Tag in Damaskus“ steht auf seinem neuen Buch, aber der schmale Band enthält keine Kriegsreportage. Auf dem Cover prangt in Sepiatönen das Foto eines Märchenerzählers. Innen drin: ein Tag auf 127 Seiten – ohne Bomben, ohne Trümmer, ohne Tote. Betört von Rosen-, Minze- und Lavendelduft taucht der Leser in ein labyrinthisches Viertel von Damaskus ein und nimmt mit dem Ich-Erzähler Samir an einem heißen Sommertag unter einem Chininbaum Platz im Café Dunya. Dort wird er zum Beobachter der Gäste und Passanten. „Ein schöner Ort!“, wird schon auf der ersten Seite der Weg zur positiven Utopie gewiesen.

„Café Dunya“ ist für den Autor eine poetische Rückkehr in seine Heimat. In der syrischen Hauptstadt ist der „Öcher Syrer“ aufgewachsen, aber seit fast 44 Jahren lebt er in Aachen. Wenn er mit dem Fahrrad durch sein Frankenberger Viertel fährt, grüßt er hier und da. Man kennt den rundlichen Mann mit dem weiß wallenden Haarkranz und dem dichten Schnauzbart. Es kann allerdings auch schon mal vorkommen, dass Chinesen ein Foto mit dem Einstein-Double machen wollen.

Nicht nur im Orient, sondern auch in Aachen sitzt er gerne im Café, beobachtet, liest Zeitung, trinkt Kaffee. In seinem fiktiven Café Dunya finden Schriftsteller und Schuhputzer, Philosoph und Sängerin bei Tee und Wasserpfeife zueinander. „Alles mischte sich, als wären alle Menschen hier miteinander befreundet.“ Eine aus der Zeit gefallene Idylle? Zu schön, um wahr zu sein? Ist das nicht sehr unpolitisch? „Es ist politisch!“, wehrt Taufiq den Vorwurf ab, „aber nicht direkt politisch, das wäre schlechte Literatur!“ Das Kaffeehaus ist für ihn ein Spiegel der Gesellschaft – mit Diskussionen über Religion, Philosophie und Familie.

Als positives Gegenbild zur heutigen Realität in Syrien hat er den kurzen Roman nicht geschrieben, er entstand bereits vor dem Krieg, das Manuskript lag in der Schublade, erzählt Taufiq. Doch nun sah er den richtigen Zeitpunkt, es hervorzuziehen, um zu zeigen: „Das Land hat noch so viel mehr zu bieten als die schrecklichen Nachrichten, die uns täglich erreichen!“ Seine „Hommage an die Menschen in Syrien“ sei ein Anstoß: „Lass uns über die einzelnen Menschen reden, nicht über Massen und Flüchtlingsströme!“

Bei Lesungen wird der Autor immer wieder auf die aktuelle Lage in Syrien angesprochen. „Ich bin Literat!“, empört er sich dann schon mal. Dabei ist sein Ich-Erzähler auch Flüchtling – ein „deutscher Flüchtling“. Der 30-jährige Bauingenieur hat in Deutschland studiert und kehrt wegen seiner alten Mutter zurück nach Damaskus.

Auch Taufiqs Mutter lebt in Damaskus. Dort, wo immer wieder Granaten explodieren, wo der Strom ausfällt, das Wasser versiegt. Die 85-Jährige ist zu krank, um noch zu reisen, erzählt der Schriftsteller. Er selbst sei zuletzt im Dezember 2010 in Syrien gewesen. Seit dem Ausbruch des Krieges nicht mehr. „Ich bin kein Abenteurer“, sagt er mit einem schiefen Grinsen. Dabei sei die Sehnsucht nach seiner Mutter groß. Zwei Brüder und eine Schwester lebten auch noch in Syrien, viele aus der Familie und Nachbarschaft seien aber geflüchtet.

Freiwillig hat Suleman Taufiq als 18-Jähriger Syrien verlassen, getrieben haben ihn nicht Hunger oder Krieg, sondern sein Freiheitsdrang. „Ich war fasziniert von Europa.“ In Syrien hörte er die Rolling Stones, las Sartre und Camus, war begeistert von der 68er-Rebellion. „In Deutschland habe ich zum ersten Mal gesehen, wie sich ein Mann und eine Frau auf der Straße küssten.“

Über Umwege landete er in Aachen, an der RWTH hat er 16 Semester Philosophie und Komparatistik studiert und seine Frau, eine Hamburgerin, kennengelernt, mit der er Tochter Maya (27) und Sohn Hanin (25) bekam. „Aachen ist für mich wie eine Heimatstadt“, sagt Taufiq, und Deutsch ist seine Arbeits- und Alltagssprache.

„Es sind die kleinen, alltäglichen Wunder, die dich am Leben halten“, heißt es einmal in seinem Roman. „Hör auf zu jammern! Du solltest jeden Tag sagen: ,Gott sei Dank, es war ein wunderbarer Tag!‘“ Diese heitere, zufriedene Gelassenheit strahlen seine Figuren aus. Nichts davon, wenn der Autor in die Zukunft blickt: „Nicht nur Menschen werden in Syrien getötet, auch Kulturstätten werden zerstört. Ein Gedächtnis wird ausgelöscht“, sagt er. Syrien blicke auf eine mehr als 7000-jährige Geschichte als kulturelles und religiöses Zentrum des Orients zurück – und auf die Ursprünge unserer westlichen Kultur: die Erfindung des Rades, des Alphabets, der musikalischen Notation. Aber diese „großartige Zivilisation“ gehe dem Ende entgegen. „Davor habe ich Angst“, sagt Suleman Taufiq und legt die linke Hand auf seine Brust.

Hoffnung auf Frieden habe er nicht. „Syrien wird zerstückelt“, glaubt er, wie das ehemalige Jugoslawien. Der Blick auf seine zweite Heimat macht ihn ein wenig heiterer. „Diese Hilfsbereitschaft der Deutschen! Das ist einmalig in Europa!“, findet er. Ja, es gebe Ängste, aber er sehe nicht die Gefahr, dass die Stimmung kippt. „Ich selbst habe hier noch nie Rassismus erlebt. Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe.“

Dort hat der Autor in über 35 Jahren schon mehr als 30 Titel veröffentlicht: Liebesgedichte, Kinder- und Sachbücher. Als Herausgeber arbeitet Taufiq gerade am Stadtlesebuch „Mein Istanbul“, als Übersetzer am Gedichtband eines libanesischen Dichters, als Autor immer wieder an Musiksendungen und Features vor allem für den WDR-Hörfunk. Und er schreibt an einem Roman. Schon mehr als 90 Seiten hat er zusammen. „Es wird ein großer Roman“, sagt Taufiq, und seine Hände bilden eine Klammer, als ob er einen dicken Aktenordner umgreife. Wieder wird es um Syrien gehen, spielen aber soll sein Roman in Deutschland.

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