Köln - Kein Entkommen aus der Hölle

Kein Entkommen aus der Hölle

Von: Thomas Linden
Letzte Aktualisierung:
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Der Zuschauer als Voyer: Karin Beier stellt mit „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” höchst aktuelle Fragen. Foto: David Baltzer

Köln. Ein voll besetztes Theater, im Raum aber nichts als Stille, die immer einmal wieder von kurzen Lachern unterbrochen wird, dann wieder Stille. So stellt sich dem Betrachter die Szenerie dar, wenn er einen Blick in die Halle Kalk riskierte, wo Karin Beier, die Intendantin des Kölner Schauspiels, „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” nach dem Film von Ettore Scola und Ruggero Maccari inszeniert.

Schon das Bühnenbild von Thomas Dreissigacker ist ein kleiner Geniestreich, der die Richtung vorgibt. Denn es gelingt ihm, den Voyeurismus des Fernsehens noch zu übertrumpfen, noch deutlicher und damit obszöner die Lust am Schauen auszustellen. Das Publikum sitzt vor einer Art Wohncontainer, der die ganze Breite der Bühne ausmacht und große, geschlossene Fenster hat. Durch die schaut man auf das Geschehen im Inneren.

Wie Fernsehen ohne Ton

Was dort gesprochen wird, kann man nicht hören, sondern nur sehen - Fernsehen ohne Ton. Im Container sind diejenigen, die der Titel so schonungslos beschreibt. Die von weit unten, die Ungebildeten in Jogginghosen, die nicht arbeiten, dafür umso mehr rauchen, trinken, die sich langweilen.

Der Schwächste (Michael Wittenborn), der apathisch im Rollstuhl sitzt und Spülmittel trinkt, ist derjenige, dem eine Unfallrente zusteht. Die kassiert aber der Stärkste (Markus John), und der Rest versucht schmarotzend ein paar Kröten von diesem Geld abzubekommen. Der Blick in den Wohncontainer stellt sich wie ein Blick in einen sozialen Dampfkochtopf dar.

Markus John regiert hier wie der Chef einer Urhorde, lässt sich von der Mutter (Susanne Barth) bekochen, schlägt die Frau (Julia Wieninger) und besteigt die jüngeren weiblichen Mitglieder der Sippe, wie es ihm gerade passt. Die jüngeren Männer kuschen, wenn sie nicht selbst schon die Allüren des Alten kopieren.

Von außen betrachtet wirkt manche Situation komisch, aber im Grunde ist es eine Hölle, die nichts als Verletzungen und Demütigungen produziert. Karin Beiers Blick auf das „Prekariat” ist hochaktuell. Es ist nicht mehr der Blick der 68er, der den Verlierern Bewusstsein, soziale Genesung oder romantische Verklärung angedeihen lassen wollte.

Vielmehr sieht man, dass sich für diese Menschen nichts verändern wird, und man sieht, dass sie keine Gefangenen sind, weil sie in einer vollkommen geschlossenen Galaxie leben. Niemand von ihnen hat den Wunsch, auszubrechen. Es gibt keine Flucht, selbst wenn sie den Container einmal verlassen, bleiben sie immer Teil dieser Welt. Eine bitteren Erkenntnis; in ihr liegt die Wucht der Inszenierung.

So dicht und spannend kann Theater sein, so überzeugend kann es die elektronischen Medien aus dem Feld schlagen. Da kein Dialog existiert, muss die Geschichte, die dramaturgisch klug zersplittert, aber wie mit einem unsichtbaren Magneten immer auf Kurs gehalten wird, alleine über Aura und Aktionen der Darsteller erzählt werden.

Ein meisterhaftes Spiel der Blicke, bei dem jeder Akteur auch den eigenen Körpers einbringen muss. Niemanden darf man deshalb aus diesem wunderbar agierenden Ensemble herausheben. Dafür gab es viel Beifall, der aber begeisterter hätte ausfallen können für eine der originellsten Regieleistungen, die Karin Beier in Köln gezeigt hat.
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