Aachen - Kazem Abdullah will mit Orchester an ungewöhnliche Orte

Kazem Abdullah will mit Orchester an ungewöhnliche Orte

Von: Jenny Schmetz
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Auftakt in der Aula: Kazem Abd
Auftakt in der Aula: Kazem Abdullah und das Orchester erobern ungewöhnliche Orte - hier die Aachener Luise-Hensel-Schule. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor wenigen Tagen noch, nach der „Carmen”-Premiere, da hingen ergraute Abonnentinnen entzückt an seinen Smokingzipfeln. Jetzt aber erobert Kazem Abdullah auch die Herzen Pubertierender.

Klatschen, Johlen, Pfiffe schlagen Aachens neuem Generalmusikdirektor am Mittwoch entgegen. Sogar etliche Autogramme muss er schreiben, bevorzugt auf DIN-A4-Karo-Blätter, herausgerissen aus Collegeblöcken.

Denn Abdullah gastiert mit fast 20 Musikern seines Sinfonieorchesters in der Schule. Statt Nachwuchssorgen zu beklagen, geht der 33-Jährige mit einer neuen Konzertreihe in die Offensive: raus aus den dunklen Räumen im Theater oder Eurogress - und zum Auftakt rein in die lichtdurchflutete Aula der Aachener Luise-Hensel-Realschule, hautnah ran an rund 400 Fünft- bis Zehntklässler.

Ungezwungen kommt Abdullah wie gewohnt mit dem Fahrrad angerauscht, mit knallgrüner Jacke, schwarzem Hemd, schwarzer Hose. Er muss sich nicht mit Jeans und Turnschuhen anbiedern, die Schüler empfangen ihn herzlich. Plakate weisen auf das Schulkonzert von „Khasim Abdullah” oder „Kazem Abdulla” hin, für das größte Banner ist sein Name dann aber keine Hürde: „Willkommen in Aachen, Kazem Abdullah!”

Der Dirigent bedankt sich mit Riesenlächeln - und Musik. Die Streicher spielen Mozarts „Kleine Nachtmusik”, die kennen fast alle, zumindest vom Handy-Klingelton oder Videospiel. Bass Pawel La-wreszuk bibbert sich durch Henry Purcells Frost-Arie, und Oboistin Blanca Gleisner zelebriert Luciano Berios Sequenza VII. „Berio - das ist schon ein Wagnis”, sagt Dramaturg Michael Dühn, der das gut halbstündige Konzert moderiert. Moderne Töne, von denen auch ältere Abonnenten lernen: „Musik, das sind nicht nur Melodien, die man nachsingen kann”. Klar, da gibs bei den Zehn- bis 16-Jährigen mal ein Kichern, Nasepopeln oder Füßewackeln, aber sie verfolgen das Konzert sehr aufmerksam.

Und sind offenkundig fasziniert, besonders vom Musikchef. Der Amerikaner beantwortet in einem Mix aus Deutsch und Englisch Fragen der Schüler, erzählt, dass er mit neun Jahren angefangen hat, Klarinette zu spielen und von seinem „ersten Mal” - als Dirigent mit 26. Berufsberatung inklusive: „Wir brauchen mehr Geigen!”

„Sie sind voll cool, Abdullah!”, sagt ein junger Autogrammjäger und streckt den Daumen hoch. „Voll lässig, voll sympathisch”, stimmen ihm andere Schüler zu. Auch Abdullahs Musiker, die am Ende ihre Instrumente zum Spielen hergeben, können noch staunen: „Mit wie viel Herzblut er das macht!”, sagt Violinist Werner Gronen. Seit 1979 spielt er im Orchester, aber nun zum ersten Mal in solch großer Besetzung unter Leitung des Chefs in der Schule. „Super, wie begeistert die Kinder sind!”

Mit Hilfe des Sympathieträgers Abdullah will das Theater nicht nur junges Publikum und Orchesternachwuchs fischen. Dramaturg Dühn hat natürlich auch die großen Bildungsargumente auf Lager: wie positiv Musik für die Persönlichkeitsentwicklung sei. „Menschen, die in der Jugend ein Instrument gespielt haben, können sich besser konzentrieren und werden auch seltener straffällig.” Schulleiter Michael Höbig nickt angetan: „Musik beflügelt das Lernen”, ergänzt er.

Ob seine Schüler im Konzert ans Lernen denken? Der zwölfjährige Beyt, sonst eher Rap-Fan, kann sich aber vorstellen, jetzt mehr klassische Musik zu hören: „Klar, das ballert doch!”

Auch im Krankenhaus oder Kindergarten

Zwei weitere Schulkonzerte des Aachener Sinfonieorchesters sind bereits terminiert: Donnerstag im Aachener Gymnasium St. Ursula, Freitag im Berufskolleg Stolberg.

„Aber wir wollen uns noch weiter öffnen”, sagt Theaterpädagogin Mira Loos. Daher sucht das Orchester noch andere außergewöhnliche Orte, an denen es spielen kann. Kazem Abdullah denkt an Krankenhäuser, Altenheime oder Kindergärten. Interessierte Institutionen können sich bei Mira Loos melden: unter Telefon 0241/4784341 oder per E-Mail: mira.loos@mail.aachen.de

Die ersten Konzerte waren „als Testballon” für die drei Schulen nach Angaben des Theaters kostenlos. Sollte der Andrang nun groß sein, müsse über die weitere Finanzierung nachgedacht werden.

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