Kazem Abdullah und Orchester meistern erstes Sinfoniekonzert

Von: Pedro Obiera
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Schweißperlen auf der Stirn,
Schweißperlen auf der Stirn, Strahlen im Gesicht: Kazem Abdullah (r.) genießt den Applaus beim ersten Sinfoniekonzert. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Dass Kazem Abdullah, Aachens neuer Generalmusikdirektor, bei Publikum und Orchester bereits „angekommen” ist, daran besteht seit seinen Auftritten in Theater, Eurogress und unter freiem Himmel kein Zweifel.

Dennoch sah man als besonderer Bewährungsprobe seinem ersten regulären Sinfoniekonzert mit ungebrochener Spannung entgegen. Und weder Abdullah noch das Orchester enttäuschten. Der begeisterte Schlussapplaus im ausverkauften Eurogress animierte den Dirigenten sogar, einen Satz aus Antonín Dvořáks 8. Sinfonie als Zugabe zu wiederholen.

Die charmante Sinfonie des Böhmen schloss zwar kein spektakuläres, aber ein klug zusammengestelltes Programm ab, das viel über Abdullahs Musikverständnis aussagt und in das er auch, eine mehr als freundliche Geste, den Sinfonischen Chor mit einschloss. Zwei Werke von Brahms kombinierte er mit Preziosen des Brahms-Verehrers Anton Webern und des Brahms-Günstlings und -Bewunderers Antonín Dvořák.

Brahmse_SSRq „Tragische Ouvertüre” zum Auftakt. Auffallend die Sitzordnung: Der Amerikaner Abdullah greift auf die „europäische” Anordnung zurück und postiert Celli und Bässe links hinter die 1. Geigen, während sich die Bratschen und 2. Violinen rechts entfalten können. Erzielt werden eine ausgewogenere Mischung von Geigen und Bassstimmen sowie eine stärkere Präsenz der Bratschen, was gerade der Musik von Brahms und nicht minder der Dvořák entgegenkommt. Die auch unter Bosch nie voll befriedigende Balance zwischen Streichern und Blech kann auch Abdullah nicht immer erreichen. Offenbar lassen sich die Tücken der Hallen-Akustik und des unter diesen Umständen zu kleinen Steicherapparats nicht überwinden.

Klar, unaufdringlich, schlüssig

Allerdings pflegt Abdullah eine Piano-Kultur mit einem gerade noch hörbaren und dennoch substanzreichen Pianissimo, auf dem sich grandiose dynamische Steigerungen errichten lassen, ohne in unkontrollierten Lärm verfallen zu müssen. Und das betrifft auch die geradezu explosiven Höhepunkte in Anton Weberns „Passacaglia”, die viel Druck, aber keine heiße Luft absondern.

Ein voluminöser, leuchtender Gesamtklang durchströmt die Brahms-Ouvertüre, getragen von einem höchst motivierten und spieltechnisch fabelhaft agierenden Orchester, das zudem mit etlichen delikaten Bläser-Soli an allen Pulten begeistern konnte. Die melodischen Linien lässt Abdullah ohne aufgesetzte Effekte natürlich fließen, die Formverläufe erklingen klar strukturiert. So klar, unaufdringlich und schlüssig, wie er auch den Taktstock führt.

Seine Sensibilität für dynamische Feinheiten und schillernde Klangfarben gipfelte in Weberns „Passacaglia” op. 1, einer an sich barocken Variationsform, die Brahms auch in seiner letzten Sinfonie aufgegriffen hat. Von einer bloßen Reihung mehrerer Variationen kann natürlich weder bei Brahms noch Webern die Rede sein. Vorbildlich, wie präzis Abdullah die Wechsel in Dynamik, Klangfarbe, motivischer Arbeit und Ausdruck umsetzt und bei aller minuziösen Feinarbeit den emotionalen Überdruck des expressionistisch angehauchten Werks in jedem Takt spüren lässt. Eine nahezu ideale Interpretation des frühen Geniestreichs.

Mit einer kleinen, aber feinen Aufgabe zog Abdullah auch den Sinfonischen Chor sowie den Opernchor ins Boot. Mit weitem Atem, souveräner Ruhe schweben Chor und Orchester nahezu schwerelos durch die größten Teile von Brahms´s „Schicksalslied”, wobei auch hier der Farbreichtum des Orchesters fasziniert.

Dvořáks 8. Sinfonie bildete den sympathischen Ausklang, bei dem sich musikantische Spielfreude und professionelle Detailarbeit ideal ergänzten. Polka-Idyll und Zigeuner-Kolorit, verschmolzen zu einer sinfonischen Großform: für Abdullah und das Aachener Sinfonieorchester kein Problem. Der Aufwärtstrend des Orchesters, den Marcus R. Bosch so erfolgreich auf den Weg brachte, wird unter Kazem Abdullah nicht abreißen.
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