„Kaufmann von Venedig“: Das Da Premiere Burg Frankenberg

Von: Marc Wahnemühl
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„Der Kaufmann von Venedig“ in einer Inszenierung des Das Da Theaters auf der Burg Frankenberg in Aachen: mit (von links) Tobias Steffen (Bassanio), Mike Kühne (Lorenzo), Philipp Scholz als Shylock (am Boden) und Simon Jakobi (Antonio, der Kaufmann von Venedig). Foto: Wilfried Schumacher

Aachen. Erstmals seit zehn Jahren ist Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ wieder auf einer Aachener Bühne zu sehen, und nach 17 Jahren wieder auf der Burg Frankenberg. In der Open-Air-Aufführung des Das Da Theaters erlaubt Intendant und Regisseur Tom Hirtz dem Stück trotz aller erschütternder Aktualität viele heitere Momente komödiantischer Unbeschwertheit.

Zuallererst einmal gibt Hirtz dem Stück, das am Donnerstag Premiere feierte, eine eigene Stimme in Person von Lanzelot Gobbo (stark: Michelle Bray), der beziehungsweise die als weiser Narr die Geschichte mit Prolog und Epilog umrahmt und Dinge sagen darf, die keiner gerne ausspricht oder hört.

Die abgekartete Gerichtsverhandlung, mit der Shylock vernichtet wird, nennt Lanzelot Gobbo „das größte Glück“: „Nicht einmal verbrannt haben sie ihn, sondern ihm sogar noch ein paar Groschen gelassen!“ Die bittere Ironie in der Stimme macht klar, dass die Vorgänge auf der Bühne genauso auch heute geschehen könnten. Gobbo mit der roten Clownsnase führt die Figuren ein, die mit Vorhängen vor den Gesichtern verhüllt sind: eine neue Form von „Vorhang auf!“ im Burghof, der keinen Vorhang hat, eine vielfache Enthüllung, ein Vorgriff auf das Kommende.

Die Geschichte an sich ändert Hirtz nicht: Es ist immer noch die Story zweier Außenseiter. Auf der einen Seite der traurige und schwule Kaufmann Antonio (sehr zurückgenommen gespielt von Simon Jakobi), der seinen Freund Bassanio (lebhaft: Tobias Steffen) liebt und ansonsten auf dem Rialto, dem Viertel der reichen Bürger, fremd wirkt. Auf der anderen Seite der reiche Jude Shylock (mit Wucht und Tiefe von Philipp Scholz dargestellt), von allen gehasst, verachtet und angespuckt. Beide haben in Venedig keine Chance. Der wie abwesend wirkende Antonio nicht, der den Schuldschein mit dem monströsen Pfand – ein Pfund seines Fleisches – so nebenbei unterschreibt, als sei es ihm lästig. Shylock nicht, als er glaubt, vor Gericht sein Recht und seine Rache einfordern zu können.

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Die Reichen können sich alles leisten, können Recht und Gesetz beugen, können sogar eine Gerichtsverhandlung inszenieren. Die Armen, die Diener und Töchter, müssen fliehen, um sich zu retten. Und den Opfern, und dazu zählt auch der Kaufmann, bleibt keine Rettung.

Inszeniert ist das auf einer tollen Bühne (Frank Rommerskirchen) aus 24 Einzelquadern: Lücken dazwischen erinnern an die Kanäle Venedigs, das Judenghetto ist klein und dunkel, die Fläche des Rialto groß und mit Springbrunnen, Portias Wohnort Belmont steht abseits und ist mit grüner Wiese bewachsen.

Dieser Nebenspielort gibt Hirtz die Möglichkeit, der eigentlichen Tragödie auch komödiantische Momente abzugewinnen: Michaela Spänles Portia ähnelt mit naiv-nörgelndem Ton dem Typus gelangweilte Spielerfrau; die Suche nach einem Verlobten (Kandidaten: van der Vaart, Podolski, Ronaldo, Schweinsteiger) wird per Tablet gemacht; nach Bassanios gewonnener Kästchen-Zeremonie ertönt die Musik aus „Wer wird Millionär“, und, und, und . . .

Starke dramatische Momente hat „Der Kaufmann von Venedig“, als Philipp Scholz für Shylocks berühmten Monolog („Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?“) von der Bühne herunter direkt vor das Publikum tritt.

Die Frage, ob Klassiker wie Shakespeares „Kaufmann“ heute noch aktuell sind, beantwortet Hirtz, indem er Lanzelot Gobbo im Epilog dem Publikum erklärt, warum denn nun der Jude lebe und kein Blut geflossen sei: „Wir sind doch hier nicht in Düsseldorf beim ‚Tannhäuser‘!“ Lang anhaltender Beifall für das gesamte Team!

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