Aachen - Katja Zinsmeister am Theater Aachen im Dauereinsatz

Katja Zinsmeister am Theater Aachen im Dauereinsatz

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Feiern bis zum Umfallen – inklusive Karaoke-Party: Als verschuldeter Gutsbesitzerin Ranjewskaja ist Katja Zinsmeister in Tschechows „Kirschgarten“ nicht nur zum Weinen zumute. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Hey, Volltreffer! Katja Zinsmeisters Auftritte hinterlassen bleibende Eindrücke. Nicht nur bei ihrem Kollegen Karsten Meyer. Ihre Ohrfeige klatscht so heftig, dass seine Wange noch beim Schlussapplaus glüht. Und ihre Tränen strömen so heiß, dass die Wimperntusche wilde Bilder in ihr Gesicht malt.

Aber sie kann auch anders: kühl, konzentriert, mit knappen Gesten und nüchtern argumentierend wie vor Gericht oder fast unsichtbar und hörspielverdächtig hinterm Gazevorhang. Ja, wäre Katja Zinsmeister nicht so eine schlanke Frau, müsste man die Schauspielerin wohl als Säule des Aachener Theaters bezeichnen.Einfach stark.

Zu besichtigen ist ihr Können dort bereits seit zehn Jahren, allerdings noch nie so geballt wie gerade. „Diese Spielzeit ist der Knaller“, meint auch sie selbst – „unheimlich viel zu schaffen, aber davon träumt doch jede Schauspielerin.“ Allein im April stemmt die 43-Jährige neben den Proben zwölf Vorstellungen – von vier verschiedenen Stücken. In Arthur Millers Familienhölle „Alle meine Söhne“ hat sie als Mutter Schläge und Tränen parat; in Ferdinand von Schirachs Justiz-Lehrstück „Terror“ versucht sie als Staatsanwältin (bisher vergeblich), die Laienrichter im Publikum zu überzeugen, einen Kampfpiloten hinter Gitter zu bringen; im Apokalypse-Solo „Die Wand“ nach Marlen Haushofers Roman alpträumt sie als Namenlose im klaustrophobischen Kubus abgeschlossen von der Welt der anderen; und ab Samstag wird sie in Anton Tschechows melancholischer Komödie „Der Kirschgarten“ als ramponierte Gutsbesitzerin Ranjewskaja wieder heulen, aber auch feiern bis zum Umfallen.

Klar, da darf sie vor dem Gespräch erst mal durchschnaufen und eine rauchen. Neben der roten Schachtel Gauloises-Zigaretten liegt auf dem Cafétisch eine rote Butterbrotdose, darauf steht mit Filzer „Luise“. Ausgeliehen von der fünfjährigen Tochter, darin: Käse und Trauben – viel Energie kann die Mama zurzeit brauchen.

Und jetzt noch solche Fragen: Warum muss ich mir diesen Tschechow heute noch anschauen? Am Aachener Theater ist der Kirschgarten zwar schon seit über 20 Jahren nicht mehr abgeholzt worden, aber es ist eines der Lieblingsstücke auf deutschen Bühnen. Mehr als 100 Jahre alt – und doch immer irgendwie gegenwartskompatibel. Auch in Elina Finkels bereits zwölfter Aachener Inszenierung sehen wir kein Russland von 1900, sondern eher von heute.

Geschrieben wurde das Drama in einer „Umbruchszeit“, erklärt Katja Zinsmeister – vom Feudalismus zum Kapitalismus. Aber sie meint: „Heute gibt es ein ähnliches Lebensgefühl. Europa und die Welt verändern sich, und man weiß nicht, was kommt.“ Ihre verschuldete Gutsbesitzerin „schafft es nicht, die Probleme anzupacken“. Ihr Motto: verprassen und verdrängen. Lopachin (Tim Knapper) dagegen will Gut und Garten kaufen, dem Erdboden gleichmachen und mit einem Ferienpark zu neuer touristischer Blüte führen – das reicht bis ins Aachener Hier und Heute: mit „Urban Gardening“. Denn während der Vorstellung darf jeder Zuschauer sein Kirschbäumchen kaufen.

Auch Katja Zinsmeister? Da muss sie erst mal überlegen. Schneller fällt ihr jedoch ein, was sie an Tschechow liebt: „Dass der Menschen aus dem Leben greift – unglaublich komisch und unglaublich traurig zugleich.“

Bei dem alten Russen wird auch mal gerne ein „Ja, die Zeit vergeht“ geseufzt. Darin könnte Zinsmeister beim Rückblick auf ihre Aachener Zeit einstimmen. 2007 hatte sie das erste von mehreren Gastspielen am Haus und rockte als fluchflinke Tante Elinor mit „Tintenherz“ ihr erstes Kinderstück, seit 2010 ist sie fest im Ensemble. Aufgewachsen in einem „gutbürgerlichen“ Elternhaus in Stuttgart – der Vater Arzt, die Mutter Hausfrau – folgte „der Klassiker: Schultheater“, dann das Schauspielstudium an der Berliner Elite-Schule Ernst Busch.

Nach Aachen hat sie Elina Finkel gelotst, für Zinsmeister „die wichtigste Regisseurin“, schon seit ihrer gemeinsamen Zeit am Bremer Theater Anfang des Jahrtausends. Finkel lobt per E-Mail gerne zurück: „Katja ist so ein Glücksfall, wo sich Kopf und Bauch, Instinkt und Intellekt vereinen.“

Einen großen Auftritt hat sie beim NRW-Theatertreffen im Mai – ganz allein im engen Kasten: Dass sie mit der „Wand“ eingeladen wurde, genießt Zinsmeister als „unglaubliche Bestätigung“. In Paul-Georg Dittrichs sperrigem Trip durch Hör- und Schauspiel, Video-Installation und Ton-Collage rückt sie den 40 Zuschauern auf die Pelle. „Das intimste Theatererlebnis, das ich je hatte.“

Da vergisst sie auch die Schwierigkeit, das Schauspielerleben mit der Kunst, Mutter zu sein, in Einklang zu bringen. Obwohl: „Es war ja nicht immer leicht.“ Am Ende der ersten Spielzeit in Aachen wurde sie schwanger, doch nach nur vier Monaten Elternzeit sprang sie bereits als Lady Macbeth ins Gemetzel. „Die ersten zwei Jahre mit Kind – wenn man nicht durchschlafen kann – waren einfach wahnsinnig anstrengend.“ Damals wie heute kann sie auf ihren Mann bauen, der freiberuflich als Grafiker arbeitet: „Der hält mir den Rücken frei.“ Aber probenfreie Samstage, wie sie die bundesweite Bühnenkünstler-Initiative Ensemble-Netzwerk fordert, wären wichtig. Oder wie wäre_SSRqs mit einem Babysitter-Notfallpool für die vielen Mütter und Väter im Ensemble?

Oder gar ein Kindergarten im Kirschgarten (des Theaters)? Realistischer ist da wohl das mit dem Bäumchen. Und da hat Katja Zinsmeister dann doch nicht so lange überlegen müssen: Eine Baumpatenschaft übernehmen? „Genau, das mache ich!“ Wenn Zuschauer wie sie keinen Garten zum Pflanzen haben, gibt es auch diese Möglichkeit. Eine kluge Begründung schiebt die Schauspielerin hinterher: Nach dem flüchtigen Theatererlebnis hat jeder dann „das Konkrete, das bleibt und gedeiht“.

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