Wolfenacker - Karl Otto Götz: Ein Jahrhundertkünstler im doppelten Sinne

Karl Otto Götz: Ein Jahrhundertkünstler im doppelten Sinne

Von: Eckhard Hoog
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Der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und längst ein Klassiker: Karl Otto Götz, am 22. Februar 1914 in Aachen-Burtscheid geboren, wird 102 Jahre alt. Die Aufnahme – hier mit seiner Frau Rissa – entstand vor zwei Jahren zu seinem 100. Geburtstag. Foto: Stephan Rauh

Wolfenacker. Er ist wahrscheinlich der einzige Künstler auf der ganzen Welt, der sich gleich im doppelten Sinne als „Jahrhundertkünstler“ bezeichnen darf: Karl Otto Götz, der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und längst ein Klassiker, wird am Montag, 22. Februar, 102 Jahre alt.

Den großen, runden Geburtstag feierte vor zwei Jahren nicht nur seine Heimatstadt Aachen mit einer feinen Übersichtsausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum und etlichen zusätzlichen Veranstaltungen: Die ganze deutsche Kunstwelt hatte sich zu Recht ins Zeug gelegt, um diese überragende künstlerische Persönlichkeit zu würdigen – an der Spitze die Neue Nationalgalerie in Berlin mit einer großen Retrospektive.

1914 in Aachen geboren, als authentischer Individualist der abstrakten Kunst mit unverkennbarer Handschrift im Bereich der informellen Malerei in die Kunstgeschichte eingegangen: KO Götz – so wird er in aller Welt genannt.

Seit 40 Jahren lebt er mit seiner Frau Karin, nur unter dem Künstlernamen Rissa bekannt, im südlichen Westerwald. 102 – was das bedeutet, weiß Rissa wohl am besten. „Wie es ihm geht? Es geht ihm wie immer!“, sagt sie uns am Telefon, und ihre Stimme klingt ausgesprochen ausgeglichen. „Klar“, meint sie, „er ist nicht mehr so lange mit dem Rollator unterwegs. Und er isst weniger.“ Aber immerhin: KO Götz geht dreimal am Tag im Wohnzimmer auf und ab. „Er liegt zum Glück nicht – dann geht es ja doch immer schnell bergab.“

„Keine Heldenverehrung“

Ab und zu, nicht häufig, geht er sogar ins Atelier. „Wenn er dahin will, dann geht das immer von ihm aus, dann kriegt er plötzlich einen Rappel und er brüllt mich an“, erzählt Rissa. „Komm, wir müssen arbeiten! Ich lieg‘ hier nur so ‘rum‘!“ Zwei Personen helfen ihm dabei, die fünf Stufen hochzukommen – und dann geht‘s los. „An dem hohen Tisch, da arbeitet er an Gouachen. Einer stützt ihn dabei von hinten.“

Blätter im Format von 35 mal 30 Zentimetern liegen vor ihm, und er bemalt sie. „Die schlechten hab‘ ich weggeschmissen, da hat er die Ecken nicht erreicht.“ Rissa – an der Düsseldorfer Kunstakademie war sie die dienstälteste Professorin – ist rigoros: „Ich bin der Ansicht, so ein Blatt muss im Ganzen gearbeitet sein, sonst ist es schlecht. Und nur weil das der Götz ist, soll man so was durchgehen lassen? Wir betreiben hier doch keine Heldenverehrung.“

„Er bekommt noch sehr viel mit, ich lasse hier ja den ganzen Tag das Radio und den Fernseher laufen“, erzählt sie. „Wenn er dann so eine offene Phase hat, da fragt er plötzlich: ‚Meinst Du, das wird gutgehen mit den Flüchtlingen?‘“

Es ist noch nicht so lange her, da haben beide ihre Goldene Hochzeit gefeiert – am 23. Dezember 2015. „Vor 50 Jahren sind wir in Düsseldorf zum Standesamt gegangen.“ Rissa: „Ich werde demnächst auch schon 78, das war früher ein richtiges Alter. Da wird man melancholisch...“

Jetzt steht aber erst mal der Geburtstag an. Ein paar Honoratioren haben sich angesagt, ein Landtagsabgeordneter, ein Bürgermeister, und dann will auch noch der Oberbürgermeister von Neuwied kommen.

Die vielen „Schüler“ haben sich bislang noch nicht gemeldet, aber der Geburtstag ist ja auch erst am Montag, und zu früh eingereichte Glückwünsche sollen ja bekanntlich Pech bringen. „Zwei haben sich ja schon verkrümelt – Gerhard Graubner und Sigmar Polke. Die sind gestorben.“ Gerhard Richter, der hat zum 100. Geburtstag einen netten Brief geschrieben, in dem er an die gemeinsame Düsseldorfer Zeit erinnerte. HA Schult hatte angerufen: „Das ist einer der Treuesten.“ Bei der Geburtstagsfeier im Suermondt-Ludwig-Museum las Schult Gedichte von Götz und nahm an einer Plauderrunde teil.

Die Professorenzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie, von 1959 bis 1979 – das war nicht nur für KO Götz selbst ein prägendes Kapitel in seinem Leben. Die junge Künstlergeneration fand in ihm ihr großes Vorbild – in einem paradoxen Sinne: indem sie schlicht auf seinen steten Rat hörte, nur den eigenen, autonomen Weg zu suchen, jenseits aller Vorbilder. Zahlreiche Künstler haben Götz’ großen Einfluss in diesem Sinne auf sie als Schüler beschrieben, und viele von ihnen wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, HA Schult und wie sie alle heißen, sind weltberühmt geworden.

Der Vater ist 1914 in Aachen als Kaufmann angestellt in einer Tuchfabrik. Kunstsinnig, ermöglicht er dem Jungen Karl Otto eine entscheidende Begegnung mit der Kunst: bei Wochenendbesuchen im Suermondt-Museum. Früh greift der selbst zu Pinsel und Palette. Sein Interesse gilt Picasso, Klee, Ernst und Kandinsky. Das erste Atelier hat der junge KO in einer ehemaligen Brauerei hinter der Frankenburg in Aachen. Bereits 1935 ereilt ihn ein Malverbot durch die Nazis – eine Ausstellung von Bildern in Schaufenstern eines Schreibwarengeschäfts am Alexianergraben ist der Anlass.

Der Krieg verschlägt ihn nach Dresden, wo er sich mit Otto Dix befreundet. Fast sein gesamtes Frühwerk verbrennt beim Bombenhagel auf die Stadt. Nach Kriegsende lebt er zunächst in der Nähe von Hameln.

International vernetzt

Heute würde man sagen: Götz ist in kurzer Zeit gut vernetzt mit der verstreuten deutschen Künstlerschaft ebenso wie mit der internationalen Szene. Die Cobra-Maler laden ihn 1949 zu ihrer ersten Ausstellung ins Stedelijkmuseum Amsterdam ein, Götz bleibt das einzige deutsche Mitglied der Gruppe. Er zieht nach Frankfurt und schreibt dort mit der Gruppe Quadriga Kunstgeschichte.

Schnelligkeit ist Trumpf: Unter dieser Devise entsteht ab 1952 sein Hauptwerk und sein ureigener Malstil, dem er treu bleiben wird. Das zähe Öl lässt er links liegen und fegt stattdessen in flotten Wischs mit einer Rakel, einer Mischung aus Besen, Pinsel und Gummiabzieher, mal eben Kleister und Gouachefarbe über die am Boden liegende Leinwand. Das ist die vollkommene Befreiung von allem überflüssigen Schnickschnack.

„Die Malerei soll explodieren“, lautet sein Credo. Schlieren und Böen, Magma und Wirbel, Brandung und Wogen – all das schleudert er besonders auch als malerische Antwort auf bestimmte Zeitereignisse ins Feld. Sei es die Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Deutschland, der 11. September oder der 3. Oktober 1990: KO Götz verfolgt gebannt die Berliner Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung am Fernseher. Spontan springt er auf und eilt ins Atelier: Er will unbedingt sein ganz persönliches Bild als Erinnerung an diesen Tag malen. Ein riesiges Werk entsteht: „Jonction – 3.10.90“ (Verbindung). 2009 hat das Bild einen Ehrenplatz im Berliner Reichstag bekommen.

Die Auflehnung gegenüber Zwang und Regeln, die unbeirrbare Suche nach dem eigenen Weg, der Mut, ihn dann auch noch zu gehen – dieser Geist ist nicht nur ein Stück Kunstgeschichte, sondern so aktuell wie eh und je!

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