Lüttich - Kampf und Pflichterfüllung

Kampf und Pflichterfüllung

Von: Guido Rademachers
Letzte Aktualisierung:
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„Wie bang ist mir”: Ruggero Raimondi als Boris Godunow und Julie Bailly als Fjodor in der Lütticher Oper.

Lüttich. „Mesdames et Messieurs!” Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera ist vor den roten Samtvorhang der riesigen Zeltbühne getreten, die als Ausweichspielstätte für Lüttichs renovierungsbedürftige Oper dient.

Mit einer Hiobsbotschaft: Der Superstar des Abends, Ruggero Raimondi, der in Modest Mussorgskijs großen Historienoper „Boris Godunow” die Titelpartie singen soll, hat sich eine Luftröhrenentzündung zugezogen. Aber er wird dennoch singen. Und der Intendant ist sicher: „Es wird ein unvergesslicher Abend werden.”

Unvergesslich? Nun gut. Aber dramatisch ist es doch. Es spielt sich gleich ein doppeltes Drama ab: das von Boris Godunow und der Macht sowie das von Raimondi und seiner Stimme. In beiden Fällen geht es um Kampf und Pflichterfüllung.

Und beides verbindet sich. Gleich am Anfang, vor seiner Krönung, sackt Raimondi als Godunow kurz zusammen - und muss als Sänger husten. Leicht vorgebeugt steht er an der Rampe und lässt sich inmitten des großen Folklore-Pompaufzuges, den Regisseur Petrika Ionesco um ihn herum in zersplitterter Riesenikonen-Landschaft arrangiert, die Zarenkrone aufsetzen. Raimondi starrt mit grimmig herabgezogenen Mundwinkeln ins Leere. Ein ungeheuerliches Bild. „Wie bang ist mir.”

Vom ersten Ton an ist das gewaltige Stimmvolumen zu spüren, die besonders in der Höhe enorme Wucht, über die der kurz vor seinem 70. Geburtstag stehende Sänger immer noch verfügt. Raimondi versucht das Möglichste. Dieser erste Kurzauftritt reicht aus, das Interesse vollkommen auf ihn zu lenken.

Zu stark ist seine szenische Präsenz, zu mitreißend sein Ringen um ein Optimum an Gesang. In den Hintergrund rückt, welch perfekt spätromantisch-opulenten Schönklang Dirigent Paolo Arrivabeni erzeugt (und damit das harsche Original trotz dynamischer Extreme etwas glättet).

Mit welch sattem und zugleich samtig-weichem Bass Alexey Tikhomirov die Partie des Pimen singt, oder mit welch hoher Qualität kleinere Partien (vor allem Yury Salzmann als Schtschelkalow) besetzt sind.

Die Schlussnoten, die Raimondi singt, sind charakteristisch. Nicht mehr makellos intoniert, reißt er sich zu einer letzten großen Kraftanstrengung auf: „Der Zar bin ich!” Ein einziges Aufbäumen in der Not, nicht mehr auszumachen, was daran akute Stimmverfassung oder Gestaltungswille ist. Beeindruckender kann so ein Ende nicht gesungen werden. Dann sackt Raimondi vor seinem Thron zusammen und rollt als toter Zar nach vorne.

Selbst diese standardisierten Spielweisen und Operngesten haben bei Raimondi Tiefe. Vielleicht hat es etwas mit dem Alter dieses immer noch so kraftvoll sich aufs Spiel setzenden Mannes zu tun. Plakativ wirkt an diesem Abend von ihm nur das Kauen eines Hustenbonbons während des frenetischen Schlussapplauses.

Termine und Infos

„Boris Godunow” von Modest Mussorgskij ist noch am 23. und 26. Juni jeweils um 20 Uhr im Palais Opéra de Liége am Espace de Baviére (Eingang Boulevard de la Constitution) zu sehen.

Karten und Infos unter 0032/4/2214722 oder im Internet: http://www.orw.be
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