Kammerspiele: In den Scherben der Träume

Von: Sabine Rother
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Innige Beziehung: Katharina Merschel als „Laura” und Thomas Hamm als „Tom” im Schauspiel „Die Glasmenagerie” von Tennessee Williams, das am Wochenende in den Kammerspielen Premiere hatte. Foto: Carl Brunn

Aachen. Glassplitter schießen über die Bühne, eine matte Staubwolke steigt auf, es knirscht schmerzlich als sich Katharina Merschel in der Rolle der „Laura” zu Boden wirft und das Gesicht im Glaskies verbirgt. Das Publikum hält an diesem Premierenabend immer wieder den Atem an.

„Die Glasmenagerie”, jenes Schauspiel, mit dem der amerikanische Schriftsteller Tennessee Williams 1945 in New York den Durchbruch schaffte, ist auch noch nach 65 Jahren eines der berührendsten Werke über die Zerbrechlichkeit von Seelen, Menschen und Lebensträume: Für die Kammerspiele des Aachener Theaters setzte jetzt Bernadette Sonnenbichler „Die Glasmenagerie” in Szene, wobei sie Cordula Körber als Bühnen- und Kostümbildnerin optimal unterstützte.

Die Geschichte von Amanda Wingfield (Bettina Scheuritzel), ihrer schüchternen, leicht behinderten Tochter Laura (Katharina Merschel) und dem Sohn Tom (Thomas Hamm) ist tragisch. Amandas Mann hat die Familie irgendwann verlassen.

Geheimnisvolle Welt

Amanda, die einstige Südstaaten-Schönheit, träumt nun ihrem Dasein als reiches Töchterchen hinterher, Tom hasst seinen Job und möchte als Dichter die Welt bereisen. Die introvertierte Laura flüchtet sich in die geheimnisvolle Welt des Glasspiels.

Kennt man aus der Vorlage die fragilen Tierchen der Sammlung, so haben sich diesmal Regisseurin und Ausstatterin mutig für eine andere Umsetzung entschieden. Die Welt dieser Menschen liegt in Scherben, und so glitzert von Anfang an ein Berg fein zerbröselter Glasbrocken mit kleineren und größeren Stückchen wie zerstoßenes Eis auf der finsteren Bühne. Es gibt eine silbrig graue Wand mit einem Schaukasten, der die letzten Erinnerungen an Vater Wingfield birgt. Davor steht eine Bank. Ein dunkler enger Gang führt in die hintere Wohnung.

In eindrucksvollen Bildern entwickelt Bernadette Sonnenbichler die drei so fatal ineinander verstrickten Tragödien. Im Zentrum steht Laura. Mit einem Overhead-Projektor erweckt sie kantige Glasstückchen zum Leben, bewegt sie an dünnen Drähten im Lichtschein, der die graue Wand in eine Projektionsfläche verwandelt und hört dazu Musik vom alten Plattenspieler. So ist sie glücklich. Katharina Merschel gibt Laura unwirkliche Zerbrechlichkeit, die sich in panische Verzweiflung und zähe Gegenwehr verwandelt, wenn man ihr zu nahe kommt.

In Trainingshose und Strickmütze bebt sie vor Angst, jemand könnte sie ins reale Leben zerren. Doch dieser schlimme Tag kommt: Mutter Amanda, sehr dynamisch und mit unnachgiebigem Charme von Bettina Scheuritzel verkörpert, drängt Tom, einen Arbeitskollegen einzuladen, den man mit der Tochter verbandeln könnte. Vom letzten Geld wird Laura ausstaffiert. Schauspielerisch eine Meisterleistung ist die Umkleideszene. Die Mutter steckt die widerstrebende Laura ins gelbe Spitzenkleid. Die Tochter ist einem Krampfanfall nahe.

Jim O´Connor (locker und unbedarft als „Junge von nebenan” von Robert Seiler gespielt) erscheint und fühlt sich von Lauras seltsamer Persönlichkeit angezogen. Doch das muss scheitern.

Bernadette Sonnenbichler lässt ihre Darsteller die Verführung als heftiges, beidseitiges Ringen umsetzen, ein letzter Versuch der verzweifelten Laura in eine andere Haut zu schlüpfen. So nimmt sie Jim Hose und Hemd weg, zieht beides selbst an, stürzt sich in die Umarmung - und wird gestoppt. Jim erzählt erschrocken von einer Verlobten, schnappt sich die Sachen und verabschiedet sich eilig.

Laura - jetzt nur noch in ärmlicher weißer Unterwäsche - flieht in einen wilden, ergreifend einsamen Tanz endgültig aus der Realität, die blonden Haare wirbeln wie Schleier um ihre zierliche Gestalt.

Der Regisseurin ist es gelungen, den Gedanken des Autors in zweieinhalb durchweg spannenden Stunden mit vielen zutiefst berührenden Momenten Leben zu geben. Eine feinfühlige und bestens durchdachte Inszenierung ohne Hektik oder Längen, die mit lang anhaltendem Applaus für das gesamte Bühnenteam belohnt wird.

„Die Glasmenagerie”, Schauspiel von Tennessee Williams, Kammerspiele des Theaters Aachen, Beginn jeweils 20 Uhr. Aufführungen auch am 18., 22., 28. Mai, 5., 12., 30. Juni, 2., 8., 10., 13., 17. Juli.

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