Kammeroper: Leiden, lieben und lachen auf zwölf Quadratmetern

Von: Jenny Schmetz
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Eine Rolle, zweimal besetzt: Panagiota Sofroniadou (hier im Bild) und Milena Knauß werden die Solo-Titelrolle in Grigori Frids Kammeroper „Das Tagebuch der Anne Frank“ im Theater Aachen je zur Hälfte der zwölf Vorstellungen spielen. Foto: Carl Brunn
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Eine Rolle, zweimal besetzt: Panagiota Sofroniadou und Milena Knauß (hier im Bild) werden die Solo-Titelrolle in Grigori Frids Kammeroper „Das Tagebuch der Anne Frank“ im Theater Aachen je zur Hälfte der zwölf Vorstellungen spielen. Foto: Carl Brunn
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Trio auf dem Lesesessel: Regisseurin Lilly Lee (von hinten) mit den Sängerinnen Panagiota Sofroniadou und Milena Knauß. Foto: Harald Krömer

Aachen. Die Schultern hochgezogen, der Rücken gebeugt, wie ein Kummerhaken krümmt sich die junge Frau im Bunkerschacht. Kaum aufrecht kann sie stehen in dem zwölf Quadratmeter kleinen Kasten. Und sie muss nicht nur stehen, sondern spielen und singen!

Als Anne Frank wird Panagiota Sofroniadou auf der Kammerbühne des Aachener Theaters leiden, lieben – und lachen. Ganz allein, rund eine Stunde lang. „Das ist eine heftige Nummer“, meint ihre Regisseurin Lilly Lee. Aber jetzt, bei der Probe, sagt sie zu ihrer Sängerin erst mal: „Brava!“ Ihre Kritik folgt klar, kurz, knapp. Und dann lässt die koreanische Regisseurin wie eine Sporttrainerin die Zeigefinger umeinander wirbeln: fliegender Wechsel!

Denn Panagiota – oder leichter: Penny – Sofroniadou ist doch nicht ganz allein: Auch Milena Knauß studiert die heikle Partie ein. Beide Noch-Studentinnen an der Musikhochschule Köln werden die zwölf Vorstellungen von Grigori Frids Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ ungefähr fifty-fifty schultern. Also: Einblicke geben in die Gefühls- und Gedankenwelt des in Frankfurt geborenen jüdischen Mädchens, das mit seiner Familie aus Angst vor den Nationalsozialisten zunächst zur Großmutter nach Aachen zog und sich dann zwei Jahre in Amsterdam versteckte, bevor es 1945 mit 15 im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb.

Für viele ist Anne das bekannteste Opfer des Holocausts und eindringliches Symbol des Widerstands. Unzählige Bücher, Filme, Musicals, Tanz- und Theaterstücke ranken sich um ihr Leben und Schreiben. Der Monolog des russischen Komponisten Grigori Frid (1915-2012), 1972 in Moskau uraufgeführt, wird immer wieder gespielt.

Obwohl er keine leichte Kost bietet. „Die Musik ist sehr anspruchsvoll“, findet Penny, die aktuelle Stipendiatin der Aachener Theaterinitiative. 21 Episoden, schnelle Wechsel, Schrilles und Lyrisches, Jazziges und militärisches Stakkato, Anklänge an Bach oder Schostakowitsch. „Diese Partie kann man nicht in zwei Wochen lernen“, stimmt ihr Milena zu. Trotz aller sängerischen Ex-treme auch noch textverständlich zu singen, das ist nicht nur für die Griechin, sondern auch für ihre Kollegin aus Heidelberg ganz schön schwierig.

Immerhin können die beiden Soprane nicht von einem Orchester überdeckt werden, denn begleitet werden sie nur vom musikalischen Leiter Karl Shymanovitz am Klavier, von Kontrabass und Schlagzeug. Aber auch die Trio-Besetzung entwickelt in der Kammer einen intensiven Klang. Die Musiker sind vorne links auf der Bühne platziert, unterhalb des erhöhten Kastens.

„Ein Versteck, das überall sein könnte“, ist es für die Regisseurin. Mit Ventilator, Graffiti an den Wänden, Decken auf dem Boden. Ein Raum, der in die Gegenwart reicht. Ausstatterin Isabelle Kaiser hat ein Foto von einem alten Fabrikgebäude in Bosnien inspiriert. Menschen auf der Flucht – das Thema sei ja „sehr aktuell“, sagt Milena Knauß. Man habe lange über die historischen Hintergründe diskutiert, und Penny erzählte von ihrer jüdischen Oma in Thessaloniki, die sich vor Nazi-Verfolgung versteckte – und überlebte.

Doch dann stand für Lee fest: „Auf keinen Fall wollen wir das Anne-Frank-Museum auf die Bühne bauen.“ Wir sehen also nicht das Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht 263, wo sich Anne von 1942 bis 1944 versteckte, keine historischen Bilder oder Videos aus der NS-Zeit. Sondern diesen beengten Kasten und darin „ein Mädchen, das erwachsen wird“ – das schrei(b)t: „Nach draußen, nach draußen! (. . .) Ich möcht’ atmen und lachen!“ Mit dem Porträt einer Pubertierenden will sich Lee, die in Aachen mit Studierenden bereits Mozarts „La finta giardiniera“ in ein hippes Café der Jetztzeit verlegte und in Brittens „The Turn of the Screw“ feinsinnigen Horror erzeugte, besonders an ein junges Publikum richten.

Die beiden Sängerinnen fühlen sich an ihre eigenen Pubertät erinnert – so lange ist das für Penny (25) und Milena (28) noch gar nicht her. Der Teenager Anne schwankt zwischen Rebellion gegen die Eltern und sexuellem Erwachen, zwischen Angst, von der Gestapo entdeckt zu werden, und Freude über einen Flecken blauen Himmels. „Zack-bumm ist sie wieder in einer anderen Stimmung“, beschreibt Milena die extremen Emotionen. Und anerkennend ergänzt sie: „So reif war ich nicht mit 13, so klug, so gut beobachtend. Sie war so eine talentierte Schriftstellerin und so eine Kämpferin!“

Für Penny wird die „tolle Rolle“ zur doppelten Herausforderung: „Die Premiere wird mein Abschluss“ – also die Master-Prüfung, bei der ihre Kölner Professoren im Publikum ganz genau aufpassen werden. Milena will 2018 ihren Master in Aachen machen, den Bachelor hat sie bereits als liebestolle Concepcion in der Hochschulproduktion von Ravels Oper „Le'heure espagnole“ abgeschlossen.

Gut für die beiden, dass ihre Regisseurin selbst ausgebildete Sopranistin ist. Sie sieht ihre Aufgabe auch darin, für Kondition und gute Laune zu sorgen – und nicht zu viel zu proben. Bei Bühnenaktionen fragt sie sogar: „Ist das bequem genug?“, betont Milena. Und sie baut szenisch auch genug Pausen zum Wassertrinken ein. Um ausreichend Schlaf und Fitness kümmern sich Milena (Yoga) und Penny (Pilates) sowieso selbst.

Lilly Lee hatte sich gegen die Karrierestrapazen als Sängerin entschieden. „Zu viel Konkurrenz!“ Und wie ist das bei den beiden Annes? Konkurrenzkampf? „Das kostet nur Energie“, sagt Penny und winkt ab. Beide proben immer gemeinsam „Wir lernen so viel voneinander“, sagen sie. Aber auch: „Wir sind so verschieden!“ Also ein guter Grund, sich „Anne Frank“ mindestens zweimal anzuschauen.

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