Kamelknochen im Ludwig Forum: Kunst oder nur Schrott?

Von: Eckhard Hoog
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Die Bronzeskulptur steht heute im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien, die Gussvorlage des Skeletts liegt im Ludwig Forum. Die Frage ist: Handelt es sich dabei auch noch um ein Kunstwerk? Foto: Lufo
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Kunst oder Schrott – das ist hier die Frage: Restauratorin Julia Rief zeigt den Kopf eines Kamelskeletts aus allem möglichen Material der Künstlerin Nancy Graves, das in Aachen 1971 ausgestellt war und auch als Abgussform für eine Bronzeskulptur diente und seither als zerstört galt. Aber es existiert noch . . . Forums-Direktorin Brigitte Franzen (links) und Annette Lagler erwägen, das Stück restaurieren zu lassen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Was macht ein Kunstmuseum mit dem Skelett eines Kamels, das sich Knochen für Knochen unsortiert in einer Kiste befindet? Als Geschenk verpacken und an ein Naturkundemuseum schicken? Oder von sachverständigen Trampeltier-Anatomen wieder zusammensetzen lassen, um dem Publikum mal etwas ganz anderes zu bieten? Oder einfach weitere 20 Jahre im Depot schlummern lassen? Oder wegschmeißen?

Vor diesen Fragen steht derzeit das Aachener Ludwig Forum, das tatsächlich seit den 90er Jahren ein solches Relikt in seinem unteren Gemäuer aufbewahrt. Ein Naturkundemuseum – so viel ist klar – würde sich bedanken für das Präsent: Die Knochen stammen nämlich nicht von einem echten Wüstenschiff. Sie waren einmal Teile einer Skulptur der amerikanischen Künstlerin Nancy Graves, der das Ludwig Forum vom 13. Oktober bis zum 16. Februar die weltweit erste Retrospektive widmen wird.

Restauratorin Julia Rief ist sich ebenso unschlüssig wie die beiden Kuratorinnen der Schau, Annette Lagler und Forums-Direktorin Brigitte Franzen, ob man das Skelett wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen soll. Ein erheblicher Aufwand – zumal die Skulptur offiziell als zerstört und nichtexistent gilt, andererseits gibt es sie ja noch. Ein exemplarischer Grenzfall im Umgang mit einem zeitgenössischen Kunstwerk, das von Anfang an nicht für die Ewigkeit gedacht war und heutige Museen vor ungewohnte Probleme stellt.

Eine außergewöhnliche Geschichte, die 1971 beginnt: Die junge Nancy Graves ist gerade Stipendiatin in Aachen, als sie im Alten Kurhaus für eine Einzelausstellung in der Neuen Galerie Skulpturen wie dieses Kamelskelett anfertigt. Dabei geht sie sehr unorthodox vor – Rief: „eigenwillig“ – und klatscht Schaumstoff, Wachs, Farbe, Gips, Gewebe, Kitt und offenbar alles, was ihr unter die Hände kommt, zu Knochen- und Schädelgebilden und schließlich dem Kamelskelett zusammen. Unterstützt wird sie dabei, weil es so viel Arbeit ist, von Studenten der Werkkunstschule, heute FH Aachen.

Peter Ludwig, der zeit seines Lebens sein Herz an die Amerikanerin und ihr Werk hängen wird, rät ihr: „Ein Bronzeabguss davon wäre doch sehr schön.“ Die renommierte Bildgießerei Noack in Berlin bekommt den Auftrag, das Werk wird in der Neuen Galerie ausgestellt und landet später im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien, wo es sich noch heute befindet.

Die Gussvorlage aus eben jenem Mischmaterial taucht erst in den 90er Jahren bei Noack wieder auf – beim Aufräumen. Für gewöhnlich wird so ein Teil beim Abguss zerstört, Nancy Graves muss auch davon ausgegangen sein – fragen kann man sie leider nicht mehr, sie ist 1995 im Alter von 55 Jahren gestorben. Noack ruft beim Ludwig Forum an und fragt, ob die Gussvorlage weggeschmissen werden kann oder ob man in Aachen noch Verwendung für die Kunst-Knochen hat. Rief: „Da bin ich damals sofort nach Berlin gefahren und hab‘ alles abgeholt.“ Seitdem dämmerte das Skelett im Depot des Ludwig Forums vor sich hin.

Zur Nancy-Graves-Retrospektive stellen sich jetzt aber entscheidende Fragen – Brigitte Franzen: „Ist das nicht doch noch Kunst oder nur ein historisches Objekt, das Auskunft über die Arbeitsweise der Künstlerin gibt?“ Soll man es tatsächlich restaurieren? Wobei sich angesichts der Materialvielfalt die Haare der Restauratorin kräuseln . . .

Was also damit tun? „Wir werden es zum Thema einer Diskussion machen“, sagt die Direktorin und will das Stück im Rahmen der Ausstellung in einer Demo-Restaurierungswerkstatt in der Mulde zeigen. Erst mal fährt das Team damit zum Zoologischen Museum König nach Bonn. Rief: „Die Kollegen sortieren das für uns.“

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