Kalauernd und schreiend durch die Krise

Von: Jenny Schmetz
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Der Zuschauer braucht sich jedenfalls nicht darüber zu beklagen, dass er nichts zu sehen kriegt: in Elfriede Jelineks neuem Werk „Der Kontrakt des Kaufmanns”, das jetzt am Kölner Schauspiel uraufgeführt wurde. Foto: dpa

Köln. Elfriede Jelineks Zöpfchen und ihre markante Stirntolle baumeln beim Schlussjubel ziemlich schlapp herab. Enttäuscht? Nein, es ist ja nur eine Perücke, die Regisseur Nicolas Stemann über einen Mikrofonständer gestülpt hat, um die österreichische Autorin beim Verbeugen in den Mittelpunkt zu rücken.

Zur Uraufführung ihrer Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns” ist die menschenscheue Literatur-Nobelpreisträgerin nicht ins Kölner Schauspielhaus gekommen.

Dreieinhalb Stunden Rackern

Dabei könnte sie mit dem Ergebnis zufrieden sein: Dreieinhalb Stunden lang rackern sich sieben Schauspieler (darunter Sebastian Rudolph, Maria Schrader und Patrycia Ziolkowska), zwei Musiker, eine Videofilmerin, ein Dramaturg, mehrere Assistenten und der Regisseur selbst voller Hingabe durch den schier endlosen Sprachschwall zur aktuellen Finanzkrise.

Stemann orientiert sich an seiner Wiener „Ur-Lesung” vom März, erklärt er zu Beginn. Ein paar Striche sind hinzugekommen, aber Jelinek hat auch noch „ein bisschen weitergeschrieben”, um an der Realität dranzubleiben. Nicht viel Zeit für die „schnelle theatrale Eingreiftruppe”. Die Schauspieler stehen mit den Textseiten auf der Bühne: Der Abend wird mehr Zweitlesung als Erstaufführung.

„Es ist egal, wie man den Text realisiert”, schreibt Jelinek in der Regieanweisung. „Ich stelle mir vor, dass drei oder vier Männer ihn möglichst laut schreien.” Ein wenig mehr Abwechslung bietet Stemann netterweise schon. Die Akteure sprechen, brüllen, singen, flüstern oder zertrommeln die Satzkaskaden musikalisch virtuos. Dazwischen zieht der Regisseur als Dirigent, Gitarrist, Sänger und Vorleser eine kleine Stemann-Show ab. Doch szenisch bleibt es bei einfachen Verdoppelungen, wenn etwa Geldscheine verbrannt oder ans Kreuz genagelt werden.

Vielleicht ist das Medium Theater doch zu schwerfällig. Dabei hatte Jelinek früh den richtigen Riecher, als sie bereits im August 2008 - also noch vor dem Super-Crash - ihr Stück geschrieben hatte, angeregt durch zwei Finanzskandale in ihrer Heimat. Von Wirtschaft versteht die Autorin nach eigenen Angaben nicht viel, aber mit Lust lässt sie ihre Sprache von der Leine und im Dreck des Kapitalismus schnüffeln.

Ist ihr Klagegesang der renditegeilen Kleinanleger und spekulationswütigen Banker erhellend? Na, ja. Erschreckend? Och, nö. Obwohl die „Komödie” im blutigen Massaker endet. Erheiternd? Oh, ja! Denn Jelinek kalauert sich durch die Krise („15 Prozent Garantie per anus, per rectus, per verrecktus” lautet etwa das Gewinnversprechen für die „Einbisschenanleger”). Und enervierend! Nervtötend trifft Jelinek den Nerv der Zeit. Ihre Textmasse ist mal wieder eine Zumutung. Nicht Handlung, Dialoge, Figuren, sondern ein ausufernder Klagegesang mit quälenden Wiederholungen.

Damit der Zuschauer da den Überblick behält, informiert ein Display am Bühnenrand über die verbliebene Seitenzahl. Die 99 leuchtet zu Beginn bedrohlich rot. Dann läuft der Countdown rückwärts. „Bei der Null haben wir es hinter uns”, meint Stemann am Anfang. Allerdings ohne Pause. Doch der Regisseur will die „Sprachfolter” nicht zu weit treiben: Die Saaltüren bleiben geöffnet, der Text wird per Lautsprecher auch an die Bar ins Foyer übertragen. Im Zuschauerraum entsteht daher ein Kommen und Gehen, ab Seite 50 wohl mehr ein Gehen als Kommen.

„Es ist eigentlich unmöglich, diese Texte im Theater zu inszenieren”, weiß der Regisseur nach seiner fünften Jelinek-Erkundung. Ob nicht doch noch ein bisschen mehr Theater geht, zeigt sich ab Oktober in Hamburg: Dann eröffnet Stemann seine Jelinek-Text-Werkstatt im Thalia-Theater.

„Die Kontrakte des Kaufmanns” im Schauspielhaus Köln am 24. und 25. April, 19.30 Uhr, 8. Mai, 20 Uhr, 10. Mai, 18 Uhr, und 30.Mai, 19.30 Uhr.
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