Justus Thorau: „Für mich ist jede Note ein Gedanke“

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
15290564.jpg
Probe mit dem Sinfonieorchester Aachen: Justus Thorau (31), kommissarischer Generalmusikdirektor in Aachen, beweist Ausdauer sowie ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit, Musikalität und Einfühlungsvermögen. Foto: Andreas Herrmann
15289326.jpg
Freude am Neuen: Justus Thorau, kommissarischer GMD in Aachen.

Aachen. Der Probenraum des Aachener Sinfonieorchesters mit seinen goldfarbenen Akustik-Segeln ist warm und etwas stickig. Seit zwei Stunden läuft die Probe, Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-Moll. Ein gewaltiges Werk, ein Kraftakt zum Start in die neue Saison, zugleich Jubiläumsereignis für das Eurogress, das seit 40 Jahren besteht und genau mit dieser Tondichtung 1977 seine Pforten öffnete. Viel Verantwortung für Justus Thorau, den kommissarischen Generalmusikdirektor.

Der 31-Jährige steht vorn. Schwarze Hose, schwarzes Polohemd, hochkonzentriert. Er ist permanent in Bewegung, ganz der Musik hingegeben und doch extrem wachsam. In der Rechten schwebt der Dirigentenstab, die Linke scheint Töne und Tempi zu ertasten und zu modellieren.

Manchmal hebt Thorau die flache Hand. Dann muss sanfter gespielt werden. Die Musiker der angesprochenen Instrumentengruppe verstehen diese Geste sofort. „Die Sechzehntel leichter nehmen“, wendet er sich an die Streicher. „Bitte ohne Trompeten. Noch einmal.“ Es klingt luftiger. Thorau ist kritisch, dabei ruhig. An Stellen, bei denen Gesang ins Spiel kommt, ersetzt er selbst leise singend die Solisten und den Chor, damit das Orchester sich auch darauf einstellen kann. Das hat fast meditative Wirkung. Endlich Pause, alle atmen durch, abends geht es dann weiter.

Die Partitur kennt er gut. Sich das anzueignen, ist eine Menge Arbeit, und eine Komposition von Gustav Mahler ist extrem vielschichtig. „Bevor wir proben, muss ich eine Vorstellung von jedem Klang haben“, meint er nachdenklich. „Jede Note ist ein Gedanke, ich muss das Instrument nicht spielen, um zu wissen, welchen Klang ich mir vorstelle. Die Musiker können mich jeden Moment fragen, wie ich es hören möchte.“

Stürmisch war der Auftakt für das Sinfonieorchester bei den Kurpark Classix. Gewitter und Sturzregen bei „The Dark Side of Opera“ waren zwar lästig, aber sie stärkten das Gemeinschaftsgefühl. „Es war großartig, dass ohne große Absprache alle wieder auf die nasse Bühne kamen“, erinnert sich Thorau an den Abend. „Danach hat alles reibungslos geklappt, ich war selbst erstaunt.“ Obwohl der eine oder die andere nach der Regenattacke etwas verschnupft in die Probe kam, hat sich niemand beschwert.

Das Moderieren macht ihm Spaß, das hat er bereits geübt. Seit November 2014 gehört Thorau zum Ensemble, zunächst als 1. Kapellmeister. Schon damals hat er die musikalische Leitung von Neuproduktionen übernommen – zum Beispiel Händels „Orlando“, danach Glucks „Orphée et Euridice“ und zuletzt „Powder Her Face“ von Adès. „Ich mag Neues, auch neue Wege, Musik zu den Zuschauern zu bringen“, betont er. Bei Reihen wie „Orchester hautnah“ oder „Klassik Lounge“ können bald alle ins Gespräch miteinander kommen – Orchestermitglieder und Konzertbesucher. „Music Is It“ ist eine Konzertform, die sich besonders an junge Leute wendet, „Music Lab II“ startet an der RWTH in die nächste Runde, das gefällt ihm.

Thorau gehört stammt aus Berlin

Justus Thorau stammt aus Berlin, ist dort zur Schule gegangen. In Berlin lebt die Familie, die Eltern, zwei jüngere Schwestern – und alle sind extrem musikalisch. „Ich war vor kurzem noch dort, da haben wir den 90. Geburtstag meiner Großmutter gefeiert“, erzählt er. „Natürlich mit Hausmusik.“

Berlin-Aachen, wie ist das für ihn? „Ich fühle mich in Aachen zu Hause, und wenn ich nach Berlin komme, ist das weiterhin schön und vertraut“, meint er. Mit dem Surfen klappt es derzeit nicht so gut, das Meer ist zu weit weg. Stattdessen setzt er sich auf sein Mountainbike. Ein bisschen powern muss sein, damit das Gleichgewicht stimmt. Manchmal ist es schön, einfach nur auf der Dachterrasse in Aachen zu grillen.

Studium in Weimar, Preise bei Wettbewerben, Solorepetitor und Assistent des GMD in Karlsruhe, danach Kapellmeister am Badischen Staatstheater. Thorau, ein Glückskind? „Ich habe immer gearbeitet, aber so richtig schwer hatte ich es nie“, gesteht er.

Verlässlichkeit ist für Thorau ein wichtiger Begriff, ob in der Arbeit mit den Mitgliedern des Sinfonieorchesters oder mit dem Opernensemble. „Die Sängerinnen und Sänger müssen sich auf mich verlassen können, ich muss mich aber auch auf sie verlassen, auf das, was wir erarbeitet haben“, sagt er. „Wenn oben auf der Bühne jemand Unterstützung braucht, registriere ich das als Dirigent sofort und reagiere.“

Sein Dirigierstil? „Ich bin geduldig, niemals aufbrausend, das ist nicht meine Art“, betont er. Vorbilder? „Claudia Abbado, er ist unglaublich elegant, technisch sehr klar“, meint Thorau. „Wenn mich etwas tief beeindruckt, dann diese Klarheit.“ Seine Wunschliste ist lang – Berlin, Wien, Amsterdam. „Überall gibt es großartige Orchester, mit denen ich gern arbeiten würde“, sagt Thorau.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert