Jung, stark, modern: Goethes „Iphigenie auf Tauris” im Mörgens

Von: Grit Schorn
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Auf eigenem Weg: Goethes „Iph
Auf eigenem Weg: Goethes „Iphigenie” im Mörgens mit Emilia Rosa de Fries in der Titelrolle und Thomas Hamm. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Es ist ein starkes Stück, auch wenn es aus der Antike kommt, das das vorwiegend junge Publikum im Mörgens des Theaters Aachen zu sehen bekommt: Goethes „Iphigenie auf Tauris”, das klassische Drama schlechthin.

Dominique Muszynski hat dafür ein schlichtes Bühnenbild gebaut, mit ein paar Strandstühlen, auf denen drei Männer hocken - einer mit Sonnenbrille, fast wie in Urlaubsmanier -, während eine junge Frau im wallenden Rauch der Göttin Diana den Brauch der Menschenopferung auf Tauris beendet.

Tauris ist Asyl und Exil für Iphigenie geworden, die Tochter von Agamemnon und Klytemnestra, die beide durch Mord starben. Emilia Rosa de Fries zeigt eine mutige Frau, die, immer noch „das Land der Griechen mit der Seele suchend”, den König Thoas sogar so weit bringt, dass der grausame Brauch aufgehoben wird. Das blutbespritzte Symbol soll Vergangenheit sein, doch Thoas, der Frau und Sohn verloren hat, stellt eine Forderung an Iphigenie: Er will sie heiraten, damit die Linie nicht ausstirbt. Doch Iphigenie weist ihn ab, schon deshalb, weil sie dem fluchbeladenen Geschlecht der Atriden entstammt. Das gefällt dem König gar nicht; er droht ihr, die Menschenopferung wieder einzuführen - und dies an den zwei Fremden zu exerzieren, die gerade auf Tauris angekommen sind. Es sind Iphigenies Bruder Orest und sein Freund Pylades.

Es ist eine Kunst, wie die vier Schauspieler das artifizielle Versmaß stemmen. Das kommt gut an im Mörgens, wo durchaus Zuschauer sitzen mögen, die die edelmütige „Iphi” keineswegs in guter Erinnerung haben. Goethe selbst lästerte ja selbstironisch über sein Stück, das doch „ganz verteufelt human” sei. Jörg Reimer hat mit seiner stringenten Inszenierung eine Atmosphäre geschaffen, die Iphigenie als junge, starke Frau zeigt, die klug und geschickt ihren eigenen Weg geht und dabei die rauen Männer befrieden und versöhnen will. Ausgezeichnet Rainer Krause als Thoas, der auf seine mutige „Asylantin” zu hören beginnt.

Es gibt auch schön skurrilen Humor, vor allem in den starken Szenen mit Karsten Meyer als Orest und Thomas Hamm als seinen Freund Pylades. Da klirren die Flaschen und Pistolen werden gezogen, obwohl man von Schwertern spricht. Meyers Orest hat eine ganz heutige posttraumatische Belastungsstörung, die auf Kriegsgräuel und seinen Mord an der eigenen Mutter zurückzuführen ist. Thomas Hamm imponiert nicht nur als Pylades, sondern auch als Arkas, des Königs Vasall. Der lässt es richtig krachen, Humanismus, Klugheit und Friedensbewegung geraten total in Schieflage - und die begeisterten Zuschauer ins Staunen. Mehr wird hier nicht verraten, und in den gelben Reclam-Büchlein ist dieses Ende auch nicht zu finden! Sehenswert, dieses alte neue Stück.

Goethes „Iphigenie auf Tauris” ist noch am 17., 20., 25. und 28. November sowie am 11., 14., 21. und 28. Dezember im Mörgens des Theaters Aachen zu sehen.

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