Joe Cocker im Kurpark: Wie man Töne in den Abendhimmel malt

Von: Albrecht Peltzer
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Eine Momentaufnahme: Joe Cockers Publikum im Aachener Kurpark hielt es nicht bis zum Schluss auf den Sitzplätzen. Foto: Andreas Steindl
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Kein Mann des gesprochenen Wortes: Joe Cocker ist nun mal Sänger – ein richtig guter obendrein. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Und zum Schluss hat er‘s dann doch noch mal gemacht: Joe Cocker spricht. „Aachen“, ruft er ins Mikrofon. Und: „Germany!“ Ihm hat es offensichtlich Spaß gemacht, den Kurpark zu rocken. Anders ist dieser – Cocker-Maßstäbe angesetzt – Redeschwall nicht zu erklären. Denn: Cocker spricht nicht. Kommunikation mit dem Publikum? Fehlanzeige.

Zwei Worte zur Begrüßung, das muss normalerweise reichen. Nur eine technische Panne von Gitarrist Gene Blake in der Mitte des Konzertes nötigt dem 69-Jährigen einen längeren Wortbeitrag ab. Da die Roadies Blakes Verstärker einige Minuten nicht in Gang bringen, teilt Cocker den Fans mit: „Das passiert nicht oft.“ Und meint damit nicht, dass er an diesem Abend so viel redet...

Es wird den einen oder anderen an diesem lauen Sommerabend gegeben haben, den Cockers Nichtbeachtung des Publikums gestört hat. Geschenkt. Cocker ist kein Redner, er ist Sänger. So einfach ist das. Und in dieser Rolle setzt der Brite einen rockigen Schlussakkord bei den diesjährigen Aachener Kurpark Classix. 5000 Fans, so viel sei hier schon verraten, sind begeistert. Cocker lässt es krachen, und auch die, die fast 100 Euro für einen Sitzplatz bezahlt haben, hält es nach gut einer Stunde nicht mehr auf den Stühlen.

Sein musikalisches Rezept ist so einfach wie überzeugend. Man nehme ein paar Songs der aktuellen CD „Fire It Up“, mixe sie mit dem Feinsten, was der Best-of-Katalog der vergangenen 45 Jahre zu bieten hat – und fertig ist ein in sich stimmiges Repertoire mit höchstem Wohlfühlfaktor.

Allerdings kommen Frontmann und Band ein wenig schleppend in diesen Abend hinein. Vielleicht muss man sich die Müdigkeit aus den Knochen spielen. Ein strammes Tourprogramm haben die neun Musiker bereits hinter sich. Eine Friedenserklärung, „I Come In Peace“ von der aktuellen CD, macht den Opener, dann greift Cocker direkt ganz tief in die Musikgeschichte. „Feelin‘ Alright“ von Dave Mason geht in die Zeit von Woodstock zurück, als Cocker mit Reibeisenstimme und seltsam anmutender Mimik und Gestik die internationale Bühne betrat.

Apropos Gestik. Cocker begleitet seinen eigenen Gesang nach wie vor so putzig mit Luftgitarre oder -piano, aber alles geht dezenter zu als in jungen Jahren. Auch der Luftsprung beim Schlussakkord endet bei geschätzten 27 Zentimetern. Das muss reichen.

Was geblieben ist, ist diese Stimme: Nur von Bass und Keyboards begleitet, intoniert Cocker Billy Prestons „You Are So Beautiful“ – unnachahmlich. Er malt die Töne regelrecht in den Abendhimmel, er streichelt sie, er kreischt sie, er hält sie zurück, um sie direkt danach hinauszuschreien. Spätestens jetzt hat er das Publikum restlos auf seiner Seite.

Man hat den Eindruck, dass Songs wie diese nur für Joe Cocker geschrieben wurden – auch wenn man Gefahr läuft, den Komponisten nicht gerecht zu werden: „Unchain My Heart“ (Ray Charles), „You Can Leave Your Hat On“ (Randy Newman) und (oder vor allem) der Beatles-Klassiker „With A Little Help From My Friends“ – die Sache läuft wie das sprichwörtliche Schweizer Uhrwerk. Und das vor allem auch, weil sich Cocker auf ziemlich beste Freunde auf der Bühne verlassen kann. Jack Bruno ist ein unglaublich intensiver Drummer, Bassistin Oneida James-Rebeccu lässt es wunderbar grooven.

Den Cocker-Sound maßgeblich gestalten Pianist Nick Milo und Organist Herman Jackson und werden dabei von den Solisten Gene Blake (Gitarre) und Norbert Fimpel (Saxophon) brillant unterstützt. Und schließlich die „lovely ladies“, wie Cocker sie dann mit einem angedeuteten Lächeln nennt: Nichelle Tillman und Laura Jane Jones als perfekte Backgroundsängerinnen, denen der Chef auf der Bühne auch solistische Parts zugesteht.

Mit der Zugabe „Cry Me A River“ von Arthur Hamilton bittet die Band die Menschen im Park zum Tanz. Wer nicht mitmacht, hat nicht verstanden, dass das 100 Minuten beste musikalische Unterhaltung waren. „Aachen, Germany“ – nicht nur geografisch ist Joe Cocker an diesem Abend absolut auf der Höhe.

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