Jeder gegen jeden: „Der Gott des Gemetzels“ im Grenzlandtheater

Von: hermann-Josef Delonge
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Klärungsbedarf: Eva Horstmann, Dieter Bach, Christine Mertens und Charles Ripley (von links) in Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ im Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Nach gut 80 Minuten ist die Schlacht geschlagen, und vor dem Publikum im Aachener Grenzlandtheater liegt das, was von unserer ach so zivilisierten Gesellschaft übrigbleibt, wenn der Firnis der Kultiviertheit nicht nur brüchig geworden, sondern komplett entfernt ist.

Zwei Ehen liegen in Scherben (und nicht nur die), wir als Publikum haben in das Herz der Finsternis geschaut.

Klingt reichlich martialisch, aber so ist es halt, wenn uns Yasmina Reza den „Gott des Gemetzels“ auf den Hals hetzt. Ihr gleichnamiges Stück ist mit Sicherheit eines der meist gespielten der letzten Dekade, inklusive starbesetzter Verfilmung. Eigentlich durch, möchte man meinen, doch wenn es mit so viel Dynamik, Leidenschaft und Schärfe umgesetzt wird, wie es Regisseurin Catharina Fillers für das Aachener Grenzlandtheater gelungen ist, ist die Wirkung nachhaltig und garantiert einen lustigen, verstörenden und tatsächlich immer noch erkenntnisreichen Abend.

Dämon Alkohol treibt sein Spiel

Darum geht es: In einer Pariser Wohnung treffen sich die Reilles und die Houillés, um die Folgen eines Schulhofstreits zwischen ihren beiden elfjährigen Söhnen zu besprechen. Zwei Schneidezähne sind dabei zu Bruch gegangen: Das wird doch wohl zu regeln sein! Denkste, die „Kunst des zivilisierten Umgangs“, zu Anfang noch beschworen, ist schnell aufgebraucht.

Und so kotzt schon bald die schicke Unternehmensberaterin Annette (Christine Mertens) den Versöhnungskuchen auf die Kunstbände der Gastgeberin, ihr Ehemann, der zynische Wirtschaftsanwalt Alain (Dieter Bach), versucht derweil, per dauerklingelndem Handy einen Pharmaskandal zu vertuschen, die ihre Sensibiliät zur Schau stellende Véronique (Eva Horstmann) wandelt am Rande des Nervenzusammenbruchs, und ihr schluffiger Ehemann Michel (Charles Ripley) sucht sein Heil in schlechten Witzen.

Dämon Alkohol treibt sein übles Spiel, und spätestens, als die genervte Annette das Handy des Gatten in der Blumenvase versenkt, brechen alle Dämme. Der Möchtegern-John-Wayne Alain entpuppt sich als Weichei („Aber das Handy ist doch mein ganzes Leben“); seine Frau legt die edle Handtasche, an die sie sich so lange geklammert hat, beiseite und geht zum Frontalangriff über; Véronique outet sich als komplett humorfreie Tugendfurie; der Klospülung-Verkäufer Michel hasst tatsächlich Kinder, Familie und alles, was damit zu tun hat, und träumt von einem Machodasein ohne Bindungen. Alle gegen alle, jeder gegen jeden, und das in dauernd wechselnden Konstellationen.

„Der Gott des Gemetzels“ ist auch ein Stück über die Logik der Eskalation. Catharina Fillers lotet diese Logik mit schneidender Konsequenz und präziser Personenführung aus. Manfred Schneider hat ihr dafür einen grell ausgeleuchteten Guckkasten ins Grenzlandtheater gesetzt; seine Kostüme dienen auch zur sozialen und psychologischen Verortung der Personals und widersprechen damit eigentlich der Anweisung der Autorin („kein Realismus!“). Das Bühnenbild ist reduziert: ein paar knallweiße Sitzquader, die Blumenvase, die Kunstbände – das reicht. Die Rückwand besteht aus grünen Blättern; vor diesem Dschungel dürfen sich die zu Tieren mutierten Bildungsbürger austoben.

Regisseurin Fillers mutet dem Quartett auf der Bühne ein sehr körperbetontes Spiel zu. Die Vier nehmen diese Herausforderung mit sichtlichem Spaß an. Lustvoll werfen sie sich ins Getümmel, die kleinen und großen Gesten sitzen, ein paar abfällige Blicke sagen dabei mehr als Worte. Eine grandiose Ensembleleistung, nicht wenige Moment bleiben nachhaltig in Erinnerung: wie Ripley etwa aus dem Versuch, die besudelten Kunstbände zu reinigen, eine akrobatische Slapsticknummer macht oder wie Mertens nicht aufhört zu wüten, obwohl sie den Strauß unschuldiger Tulpen schon regelrecht massakriert hat.

Das Publikum, dem das Lachen das ein oder andere Mal im Halse stecken geblieben sein mag, weil ihm durchaus der Spiegel vorgehalten wurde, dankte mit tosendem Jubel. Die perfekte Eröffnung einer Grenzlandtheater-Saison ist gelungen.

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