Iris Radisch: Nachdenken über das gelebte Leben

Von: Thomas Thelen
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Deutschlands wichtigste Literaturkritikerin: Iris Radisch. Foto: dpa

Aachen. Blickt man anders auf das Leben, wenn der Tod näher rückt? Wird das, was wichtig war, unwichtig? Was hat man bewirken können, was ist geblieben? Seit vielen Jahren führt „Zeit“-Feuilletonchefin Iris Radisch (57) Gespräche mit Schriftstellern und Philosophen im hohen Alter. Heute Abend liest sie in Aachen aus ihrem Buch „Die letzten Dinge“.

Sie haben 18 Schriftsteller und Intellektuelle im hohen Alter getroffen, um mit ihnen über deren Leben zu reflektieren. Gab es einen Moment, der Sie ganz besonders beeindruckt hat?

Iris Radisch: Einen beinahe magischen Augenblick gab es schon in meinem ersten Gespräch mit dem uralten französischen Autor Julien Green, von dem mich damals sechzig Jahre trennten. Irgendwie sprang zwischen uns der Funke über, und er erzählte mir im Lauf des Gesprächs Dinge, die er so offen noch nie erzählt hatte, zum Beispiel über seinen lebenslangen inneren Kampf gegen seine Homosexualität.

Persönlich sehr nahegekommen sind mir vor allem die alten Frauen, die ich getroffen habe: Ruth Klüger, Sarah Kirsch, Friedrike Mayröcker und Ilse Aichinger. Sie haben mich beeindruckt durch ihre Unverstelltheit; heute nennt man das: Authentizität.

Warum haben Ihnen diese Frauen so sehr imponiert?

Radisch: Sie haben sich etwas bewahrt, was die Psychologie das innere Kind nennt. Sie haben sich keine öffentlichen Rollen zugelegt wie viele ihrer Kollegen, sie haben, jede auf ihre Weise – eine sehr würdige Art des weiblichen Alterns für sich entdeckt.

Haben Sie bei den Gesprächen eine Art roten Faden ausmachen können? Gibt es bei der Rückschau eine herausstechende Gemeinsamkeit, etwas, das die Gesprächspartner in ihrem Rückblick verbindet?

Radisch: Meine Leitfragen waren: Wie verändert das nahe Lebensende den Blick auf das Leben? Wird das, was einmal wichtig war, möglicherweise unwichtig? Bereut man Dinge? Hat man etwas verpasst? Und vor allem: Gibt es am Lebensende so etwas wie eine eigene Wahrheit, zu der man gefunden hat. Mich interessiert, wie Menschen ihr Leben beurteilen, wenn sie nichts mehr auf die lange Bank schieben können.

Das Prinzip Aufschub regiert unser ganzes Leben: Morgen fange ich an, so zu leben, wie ich es mir wünsche. Das Beste kommt noch – am Wochenende, in den Ferien, in der Rente. Irgendwann kommt mein wahres Ich zum Zuge. Und wenn auch das nicht klappt, dann eben im Paradies. Die christlichen Zivilisationen sind auf das Prinzip Aufschub gegründet. Das hält alles und alle am Laufen. Das hohe Alter macht dieser Illusion den Garaus. Man ist auf erhellende Weise desillusioniert. Ich finde, das ist eine fantastische Ausgangslage für ein echtes Gespräch.

Was können wir, die wir noch eine Strecke an Zeit vor uns haben, aus diesen Gesprächen mitnehmen?

Radisch: Vielleicht, wie befreiend es ist, ein illusionsloses Resümee zu ziehen. Oder das Erlebnis, dass Altern nicht nur ein Wenigerwerden bedeutet, sondern auch ein Zuwachs an Klarsicht. Unsere Perspektiven auf das Leben sind normalerweise sehr geprägt durch die Funktion, die wir in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit, in der Familie einnehmen.

Die Gespräche können zeigen, was passiert, wenn man ganz zu sich selbst zurückkommt. Mich hat sehr beeindruckt, zu welcher inneren Radikalität alte Menschen fähig sind. Mein Eindruck ist, dass sie näher an existenzielle Fragen herankommen.

Gab es eklatante Unterschiede zwischen den Gesprächen mit den Frauen und den Männern?

Radisch: Ich finde schon. Das große Gipfeltreffen zwischen Martin Walser und Günter Grass, das ich im Behlendorfer Garten von Grass hatte, erzählt eine Menge über Techniken der männlichen Selbstinszenierung. Das Schlussgespräch mit Ruth Klüger gibt Aufschluss über weibliche Überlebenstechniken und über die Wonnen einer gewissen weiblichen „Alterswurstigkeit“, wie die jüdische Autorin das ausdrückt.

Alle Gesprächspartner haben durch ihre Bücher etwas Bleibendes geschaffen, etwas, das sie über den Tod hinaus lebendig hält. Haben Sie den Eindruck, dass dies tröstlich ist, ja, den nahenden Tod in gewisser Weise erträglicher macht?

Radisch: Das glaube ich nicht. Meine Gesprächspartner sahen dem Tod meistens sehr nüchtern ins Auge. Sie haben sich nichts vorgemacht. Es ging auch nie darum, dem Tod irgendwie ein Schnippchen zu schlagen, sondern darum, das Leben klarer zu erkennen, indem man ihm offen in die Augen sieht und ihm innerlich nicht länger ausweicht.

Im einleitenden Text zum Gespräch mit Ruth Klüger erwähnen Sie das Zerwürfnis von Klüger mit Martin Walser. Die beiden lernten sich im Hörsaal kennen, sie verband eine tiefe Freundschaft. Seit Walsers „Tod eines Kritikers“ haben die beiden kein Wort mehr miteinander gewechselt. Können Sie nachvollziehen, dass Menschen ein solches Zerwürfnis möglicherweise mit in den Tod nehmen? Ich spiele auf das Thema Versöhnung an . . .

Radisch: Ruth Klüger ist ein sehr offener, gegen sich und andere auch rücksichtsloser Mensch im besten Sinne. Sie hat Auschwitz als halbes Kind überlebt und konnte es nicht ertragen, dass Martin Walser einen rachsüchtigen Schlüsselroman über Marcel Reich-Ranicki geschrieben hat, einen Überlebenden des Warschauer Ghettos. Sie war damals nicht die Einzige, die sich empört hat. Für Walser ist das alles nur Literatur, er will den Bezug zur tragischen Zeitgeschichte nicht sehen. Das sind in der Tat schwer vermittelbare Positionen.

Ist der Herbst des Lebens für Intellektuelle eine besondere Herausforderung? Schlichtere Gemüter machen sich ja bekanntlich das Leben weniger schwer.

Radisch: Da würde ich Ihnen gerne widersprechen. Ich glaube, dass gerade Menschen, die es nicht gewohnt sind, ihr Leben ständig zu reflektieren und gedanklich zu interpretieren, mit dem Alter und seinen Ein- bußen schwieriger zurecht kommen. Die schwindenden Möglichkeiten sind dann möglicherweise nur ein Niedergang, eine entsetzliche Abweichung von der sogenannten Normalität. Künstler sind es gewohnt, dass sie eigentlich nichts für normal halten. Es fällt ihnen leichter, neue Blickweisen auf die veränderte Wirklichkeit zu entwickeln.

Schriftsteller häufen im Laufe ihres Lebens eine Vielzahl an Büchern an. Haben Sie während der Gespräche und Begegnungen ein Gefühl dafür bekommen, was diesen Menschen der Abschied von den Büchern bedeutet – also von den Büchern, die im wahrsten Sinne als handfeste Dinge existieren? Und ich meine nicht nur die eigenen Bücher.

Radisch: Abschied tut weh, nicht nur von Büchern, vielmehr noch der von Menschen, vom eigenen Leben. Es gab auch entsetzlich traurige Gespräche, nicht alle Autoren waren im hohen Alter gleichmütig und altersweise. Aber es gibt auch ein Recht auf Altersunglück. Reich-Ranicki beispielsweise hatte im hohen Alter all seine Bücher weggegeben. Sie haben ihn nicht mehr interessiert. Am Ende hat er nur noch Musik gehört und ferngesehen.

Was nehmen Sie persönlich aus diesen Gesprächen für Ihr Leben mit?

Radisch: Ich hoffe, dass ich diese existenzielle Perspektive, die meine Gesprächspartner auf das Leben hatten, nicht vergesse. Ich werde mich immer an bestimmte Sätze erinnern, die mich sehr berührt haben. Zum Beispiel Ruth Klüger, die mir gesagt hat: „Der Sinn des Lebens ist das Leben.“ Das klingt so simpel, aber wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich eine Ungeheuerlichkeit.

Und was soll einmal mit Ihren Büchern geschehen? Haben Sie sich darüber schon Gedanken gemacht?

Radisch: Ich wäre schon froh, wenn sie noch eine Weile lieferbar blieben. Und wenn es weiterhin Buchhandlungen gibt, die sie in ihre Regale stellen.

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