Irina Popova: „Ich will nicht nur schöne Töne produzieren“

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„Ich brauche kein Red Bull“: Irina Popova, auch neben der Bühne voller Energie. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Ich brauche kein Red Bull, ich bekomme den Adrenalin-Schub auf der Bühne“, sagt Irina Popova und schickt ein energisches Glucksen hinterher. Wann war die Opernsängerin dann zuletzt nicht aufgeputscht? Mit Janáceks „Jenufa“ und Bellinis „Norma“ hatte die Bulgarin zum Abschluss der vorigen Saison am Aachener Theater ein strammes Programm.

Und nun wartet zum Spielzeitauftakt der nächste Psychothriller: Puccinis Erfolgsoper „Tosca“. Popovas Rollen-Debüt ist bereits ihre 29. Partie in zehn Jahren am Haus. Die Sängerin selbst führt darüber nicht Buch und will die Jahre lieber nicht zählen, aber sie weiß: „Ich habe meinen Chefs bewiesen, dass ich was kann!“ – ob in Oper, Operette oder Kindermärchen. Vor der „Tosca“-Premiere sprach Jenny Schmetz mit der Sopranistin über . . .

. . . Allüren einer Primadonna: Als Tosca spielt die Opernsängerin eine Operndiva. In der Inszenierung von Ludger Engels darf sie sich in edlen Roben austoben, erzählt Popova. Aber klar, ist ja nur eine Rolle, sie selbst ist „komplett anders“, sagt sie. „Keine Diva“, sondern „eine Jeans-Opernsängerin“. Dabei zeigt Popova auf ihre blaue Hose. „Ich laufe auch schon mal ungeschminkt herum.“ Toscas Eifersuchtsausbrüche sind ihr persönlich ebenso fremd, sagt sie. Ihr Ehemann gebe ihr keinen Anlass, das Tier rauszulassen.

Aber manchmal kommt da doch eins zum Vorschein: „Ich bin Widder“, wird sie später im Gespräch zugeben. Das bedeutet: „ganz stur“. „Ich gehe durch Türen und Wände.“ Und dazu kommt noch dieser Hang zum Perfektionismus. „Das mögen Regisseure und Dirigenten nicht so gerne.“ Und manch Kollege vielleicht auch nicht, die loben aber lieber, wie Popova sie und ihre Stimmbänder mit selbst gebrautem Holunder-Zaubertrank verwöhnt.

. . . ihre Stimme(n): Ein bisschen ist die Popova so was wie ein weiblicher Faust. Zwei Stimmen wohnen, ach! in ihrer Brust. Eine lyrische und eine dramatische. Bis vor ein paar Jahren sei sie sich gar nicht sicher gewesen, was sie ist. Jetzt schon: beides! Der Italiener nennt das Phänomen Spinto-Sopran, der Deutsche hat lieber klare Verhältnisse: „Alle wollen, dass du eins bist“, beklagt sich Popova. Sie stehe nun zu ihrer Stimme. Aber: „Mein Naturell drängt zum Dramatischen – auch darstellerisch.“ Bei „Tosca“ darf sie es beweisen.

. . . ein Leben für die Musik: „Vissi d‘arte“ lautet Toscas Credo. „Ich lebte für die Kunst.“ Auch Popovas Leben wäre keins ohne Kunst, ohne Musik. Klavier und Querflöte lernte sie bereits als Kind, mit sieben, acht Jahren sang sie mit anderen Kindern aus ihrem Heimatdorf Michalzi in den heißen Sommernächten „für die Omis auf der Straße“. Ihren Mädchen-Traum, Opernsängerin zu werden, erdete die Mama, eine Bibliothekarin, mit einem deutlichen: „Dann musst Du erst mal Musik studieren!“ Mit Toscas Arie „Vissi d‘arte“ wurde die 18-jährige Irina dann am Konservatorium in Sofia zum Gesangsstudium aufgenommen.

. . . Vorbilder: Schon als kleines Mädchen hat sie im Radio immer Maria Callas gehört, die Tosca überhaupt, und berühmte Sänger aus ihrer Heimat, etwa Raina Kabaivanska. Atemberaubend, wie die Callas mit der Stimme Emotionen erzeuge, obwohl man sie natürlich nicht nachahmen könne und dürfe. Aber klar ist: „Ich möchte auf der Bühne nicht nur dastehen und schöne Töne produzieren.“

. . . die schönsten Momente: Die hat die Sängerin während ihrer zehn Aachener Bühnen-Jahre als Norma („mein seligster Wunsch“) und Küsterin in „Jenufa“ („eine außergewöhnliche Aufgabe“) erlebt. Nach der Küsterin folgt diese Saison eine weitere Mutter-Rolle in „Die verkaufte Braut“. Popova, die mit der Altersangabe „über 40“ gerne vage bleibt und selbst Mutter einer fast 18-jährigen Tochter ist, darf aber auch weiter junge Frauen liebend sterben lassen: etwa die Elisabeth in Wagners „Tannhäuser“, ebenfalls in dieser Saison. „Früher konnte ich heulen, wenn ich Wagner singen musste“, gibt sie zu. Heute habe sie aber eine bessere Technik und mehr Lust auf Wagner.

. . . Applaus und Kritik: „Ich habe immer ein ganz tolles Publikum gehabt“, sagt Popova sehr diplomatisch. „Am allerbesten finde ich es aber, wenn gar kein Applaus kommt.“ Sondern: Stille, Ergriffenheit. Aber sie freue sich auch über Reaktionen auf der Straße. Da habe etwa eine Frau nach „La Bohème“ geschluchzt: „Ach, Frau Popova, wie können Sie nur so schön sterben!“ Kritiker loben ihre perfekte Piano-Technik, aber sie mäkeln auch an „harten Höhen“ oder „starkem Vibrato“. Hat zum Beispiel Wagners Senta ihrer Stimme geschadet? Nein, das findet sie gar nicht. Überhaupt: Kritiken nimmt sie wahr, mehr nicht. „Wer auf der Bühne noch nie drei bis vier Stunden gesungen hat, den nehme ich nicht immer 100-prozentig ernst.“ Es sei ein Live-Erlebnis: „Wir sind keine CDs!“

. . . Enttäuschungen: Popova muss lange überlegen, dann rutscht es mit einem Seufzer raus: „Meine Kostüme!“ Die machten sie manchmal unglücklich. „Ich bin ja klein – ein Meter sechzig – und nicht die Schlankste“, sagt sie. „Wir Bulgaren haben ein bisschen mehr von allem. Bei uns sind die Frauen eben noch Frauen. Die haben oben und unten Rundungen.“ Da wünschte sie sich von Kostümbildnern manchmal ein bisschen mehr Gespür – wie etwa von Guido Maria Kretschmer, dessen „Shopping Queen“ sie sich oft anschaut.

„Wir sehen ja nicht alle wie Models aus!“ Und sie brauche eben auch Platz für ihre Stimme, Volumen zum Atmen. Also: runder Körper, runde Stimme. „Ich will mich nicht glattbügeln lassen!“

. . . Sprünge: Tosca stürzt sich am Ende von der Engelsburg in den Tod. Im Libretto. Aber bei Engels gibt es keine Engelsburg. Und Popova will auch gar nicht springen. Das könne der Zuschauer sich ja wohl denken. Stattdessen gebe es eine neue Lösung, sagt sie geheimnisvoll. Ohne Ma-tratzen.

Und ein Absprung von Aachen? Wegen ihrer Tochter sei sie an einem Ort geblieben. Und mit Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck bilde sie „ein eingespieltes Team“. Seit 16 Jahren arbeiten beide zusammen, vor Aachen schon in Luzern. Schmitz-Aufterbeck rühmt die „charismatische Bühnenpersönlichkeit“ und das „große gegenseitige Vertrauensverhältnis“. Sein Vertrag in Aachen läuft jedenfalls noch bis 2020.

. . . Träume: Tosca und ihr Geliebter Cavaradossi haben den Traum zu fliehen – aus einem rigiden Machtsystem. Statt hochfliegender Träume äußert Popova dagegen eher bodenständige Dankbarkeit – für Familie und Engagement. Halt findet sie in ihrem Glauben: „Mein Kreuz muss immer bei mir sein“, sagt sie und reibt den Anhänger an ihrem Silberkettchen. Voller Zuversicht blickt sie in ihre berufliche Zukunft: „Ich will mindestens noch 15 Jahre singen – und wenn der liebe Gott hilft, noch ein paar Jahre mehr.“ Vielleicht kann sie sich dann doch noch einen Traum erfüllen. „Ich möchte noch Isolde singen!“ Wie, Wagner? „Ja!“ Noch ein Liebestod.

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