Köln - Intersexuelle Christiane will Gerechtigkeit

Intersexuelle Christiane will Gerechtigkeit

Von: Markus Peter
Letzte Aktualisierung:

Köln. Sie selbst nennt sich „eine medizinische Katastrophe”. Nun erwartet Christiane V. Gerechtigkeit. Diesen Mittwoch um 9 Uhr will das Kölner Landgericht eine Entscheidung über die Schadensersatzklage der intersexuellen Frau gegen einen Chirurgen verkünden.

Dabei könne es sich um ein Urteil oder um einen weiteren Beweisbeschluss handeln, teilte ein Gerichtssprecher vorab mit.

Die heute 48-jährige Frau fordert 100.000 Euro Schadensersatz von dem Kölner Mediziner, weil er ihr vor über 30 Jahren die inneren weiblichen Geschlechtsorgane entfernt hatte. Dabei soll er seine Patientin nicht ausreichend über die Folgen des Eingriffs informiert haben.

Als Junge erzogen

Die Klägerin war als Junge erzogen worden, weil die Hebamme ihr äußeres Genital für einen ungewöhnlich klein entwickelten Penis hielt. Aus diesem Grund wurde sie auch auf den Namen Thomas getauft. Tatsächlich leidet die Frau nach eigenen Angaben an einem sogenannten Adrenogenitalem Syndrom (AGS), einer Stoffwechselerkrankung, die bereits im Mutterleib einsetzt.

Unter anderem entwickelt sich dabei bei Mädchen die Klitoris zu nahezu penisähnlicher Größe. Diese Krankheit war bei Christiane V. nicht erkannt worden, AGS muss lebenslang mit Kortison behandelt werden.

Geschieht das nicht, kann die körperliche Pubertät bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren einsetzen, was auch Christiane V. durchmachen musste. Heute schreibt sie, sie hätte „jeden Tag geweint vor Entsetzen und Angst, Schmerzen und Hilflosigkeit”. Als weitere Nebenwirkung ist die Salzversorgung des Organismus massiv gestört, so dass die Patienten erhebliche Mengen Salz zusätzlich aufnehmen müssen.

Christiane V. wächst als Junge auf, ist nach eigenen Angaben tiefunglücklich, depressiv und selbstmordgefährdet. Erst als sie sich mit 17 Jahren einer Blinddarmoperation unterziehen musste, entdeckten Ärzte in ihrem Bauch eine voll entwickelte Gebärmutter. 1977 ließ sich die Frau in einer Kölner Klinik den Uterus und die Eierstöcke entfernen, es folgten weitere Eingriffe zum Aufbau eines männlichen Geschlechtsorgans.

Heute ist die gelernte Krankenpflegerin überzeugt, nicht ausreichend über die Konsequenzen der Entfernung ihrer weiblichen Geschlechtsorgane informiert gewesen zu sein. Als Anhaltspunkt dient ein Schreiben ihres Chirurgen an die Bundeswehr. Darin bat er dringend um die Ausmusterung seines Patienten, da dieser im anatomischen Sinne weiblich sei. Über diese Umstände sei der Patient noch nicht vollständig informiert. Der beklagte Chirurg ist inzwischen im Ruhestand.

Am ersten Tag der Hauptverhandlung vor dem Kölner Landgericht zweifelten die Richter im Dezember daran, dass dem Chirurgen ein Behandlungsfehler nachzuweisen sei. Schließlich habe dieser lediglich die Diagnosen und Therapieansätze anderer Ärzte umgesetzt. Der Vorsitzende Richter Dietmar Reiprich sprach von einem problematischen Fall, der lange zurückliege. Viele Akten seien nicht mehr auffindbar, unter anderem der wichtige OP-Bericht. Nach Auffassung der Kammer gibt es aber Anhaltspunkte dafür, dass der Mediziner die Patientin nicht umfassend über den Eingriff und seine Folgen aufgeklärt hat.

Nach Angaben des Gerichtssprechers begründete der beklagte Chirurg sein damaliges Vorgehen mit therapeutischen Gründen. Er habe seinen Patienten, der damals als junger Mann gelebt hat, nicht mit der Erkenntnis belasten wollen, dass er von den Chromosomen her eigentlich eine Frau ist. Einen Vergleich lehnen beide Parteien ab.

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