Aachen - Immer wieder neu anfangen?

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Immer wieder neu anfangen?

Von: tht
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Aachen. Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Oder anders gesagt: Es gibt Geschichten, die sind so skurril, die kann man gar nicht erfinden.

Die Geschichte von Eva und ihrer Oma ist so eine Geschichte. Als Eva morgens unter der Dusche steht, bekommt sie einen Anruf von ihrer Oma. „Eva, ich muss dir was sagen: Ich ziehe aus, ich will nicht mehr, ich mache Schluss und verlasse ihn.“

Holla die Waldfee! Es hat jedenfalls schon Romane gegeben, die trockener begonnen haben als dieser. Und tatsächlich ist der Einstieg keine Fiktion. „Mir ist das genau so passiert mit meiner Oma“, sagt Romandebütantin Sabine Heinrich.

Nun ist die Oma nicht mehr die Jüngste, stolze 79 Jährchen hat sie auf dem Buckel. Und mit Opa ist sie seit mehr als 60 Jahren verheiratet. Von einer glücklichen Ehe kann natürlich nicht die Rede sein.

Sie war 19, als Opa sie an der Bushaltestelle getroffen hat. Eigentlich war er mit einem anderen Mädchen verabredet, das kam aber nicht. Stattdessen stieg Oma aus dem Bus. „Hätte ich den Bus mal besser verpasst“, hat Oma manchmal gesagt. Die Sache stand also von Anfang an unter keinem guten Stern.

Enkelin Eva scheint von dem Mut der Oma schwer beeindruckt. Sie selbst hat sich gerade frisch verliebt und steht vor der Frage, ob sie bei ihrem langjährigen Partner Johannes (ein Langweiler, aber zuverlässig, nett) bleiben oder doch ausbrechen sollte, um ihr Glück bei Tobias zu suchen, den sie seit einigen Tagen kennt und mit dem der Sex endlich mal wieder aufregend ist.

Würde Eva mit ihren Mitte 30 erkennen, was Oma zwar erst mit 79 Jahren, aber immerhin da erkennt, dann könnte sie sich viel Leid ersparen. Dann würde sie all ihren Mut zusammennehmen und Johannes gestehen, dass sie einsam ist in ihrer Zweisamkeit, dass es im Leben mehr geben muss als Vertrautheit und verlässliche Partnerschaft. Leidenschaft zum Beispiel.

Nun ist Eva kein Freund von Schnellschüssen. Sie nimmt sich eine Auszeit, in der Ferne soll die Entscheidung wohlüberlegt reifen. Gemeinsam mit der Oma geht es nach Italien. Motto: Wir sind dann mal weg! Natürlich ist es ganz nett, als Leser mit der Oma und der Enkelin auf Italien-Tour zu gehen. Und es ist auch amüsant zu sehen, wie sich Oma auf der Reise mit den Funktionen des Smartphones der Enkelin anfreundet. Doch mehr als eine Road Novel im Stil von „Thelma & Louise“ oder eine Komödie über die Tücken und Chancen moderner Technologien ist dieser Roman eine eindringliche Auseinandersetzung mit der ewig aktuellen Frage, wie viel Kompromiss eine Beziehung verträgt.

Leidenschaft! Sehnsucht! Liebe! Es gibt ganze Bibliotheken voll von Büchern, die sich mit diesen Themen beschäftigt haben. Es trotzdem wieder zu tun, also anzunehmen, es sei noch nicht alles gesagt, ist mutig. Ein bisschen weniger Dialog und weniger SMS-Verkehr, dafür mehr Vertrauen in die eigenen erzählerischen Qualitäten, hätte dem Roman aber gewiss gut getan. Der verzweifelte Unterton, den Sabine Heinrich in ihre Prosa webt, ist Beleg ihres Könnens. Aber da geht noch mehr!

Sabine Heinrich: „Sehnsucht ist ein Notfall“, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 14,99 Euro

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