Im Sparsturm mit Phantasie Zuschauer erobern

Von: Jenny Schmetz
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Blick zurück und nach vorn: Chefdramaturgin Ann-Marie Arioli (l.) wird am zum Saisonwechsel von Inge Zeppenfeld abgelöst. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die eine geht, die andere kommt. Morgen hat Chefdramaturgin Ann-Marie Arioli ihren letzten Arbeitstag am Theater Aachen. Ihren Schreibtisch übernimmt die gebürtige Aachenerin Inge Zeppenfeld. Obwohl die 49-Jährige zurzeit noch am Landestheater Tübingen engagiert ist, hat sie ihre Heimatstadt dank Wohnung, Familie und Freunden nie ganz verlassen und auch das Stadttheater durch die Jahrzehnte als Zuschauerin begleitet.

Von Arioli zu Zeppenfeld: Mit einem ABC des Abschieds und Anfangs blicken die beiden Schauspiel-Frauen auf ihre Arbeit am Aachener Theater zurück und voraus.

Alles anders? Hoppla, hier komm´ ich! Keineswegs! So, tritt Inge Zeppenfeld an ihrer neuen Wirkungsstätte nicht auf. Sie möchte an die Arbeit ihrer Vorgängerin anknüpfen. Dranbleiben, weiterentwickeln - das sind Schlagworte der Teamspielerin. In ihrer ersten Saison muss sie sowieso noch mit dem Spielplan leben, der bereits fertig war, als sie sich recht kurzfristig bewarb. Erst 2011/2012 ist dann vielleicht ihre eigene Handschrift zu erkennen.

Bibel: Das Buch der Bücher steht im Zentrum der neuen Saison. „Die Bibel habe ich mir jetzt mal wieder besorgt”, meint Zeppenfeld lachend. Lesend kehrt die ehemalige Schülerin des Aachener Gymnasium St. Ursula so an ihre katholischen Wurzeln zurück. Sie findet es konsequent, dass nach dem Krisen-Schwerpunkt der vorigen Saison nun nach Glaube, Hoffnung, Liebe gefragt wird. „Nach welchen Regeln leben wir, was kann uns innerlich noch festigen?”

Chur: Aus dem Städtchen in Graubünden erhielt Ann-Marie Arioli ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Kein Karrieresprung, aber eine neue berufliche Herausforderung: Als Ko-Direktorin und Dramaturgin des Theaters in Chur, einem Gastspiel- und Koproduktionshaus, könne sie internationaler arbeiten, mehr reisen, mehr gucken. Und die Schweizerin hat auch mehr von ihrem Lebensgefährten, mit dem sie in Zürich wohnen wird.

Dramaturgin: Vor allem im Vermitteln sehen beide Frauen ihre Hauptaufgabe. Also: nicht nur im stillen Kämmerlein am Programmheft basteln, sondern Stücke und Künstler finden und Zuschauer dafür begeistern.

Ensemble: Neuen Schwung verspricht sich Zeppenfeld von den vielen personellen Wechseln. Besonders ins Schauspielensemble fließt mit sechs Neuzugängen frisches, junges Blut. „Das sind tolle Typen mit hohem Wiedererkennungswert”, schwärmt Zeppenfeld. Demnächst werden sie dem Zuschauer auch wieder von großen Porträtfotos im Foyer entgegenblicken.

Fazit: Nach fünf Jahren in Aachen ist Ann-Marie Arioli sicher: Sie übergibt ein lebendiges Haus. Gestiegene Besucherzahlen geben ihr Recht. Besonders die spartenübergreifenden Produktionen wie das Cage-Projekt „Europeras” oder die Camus-Installation „Terror. Revolte. Glück” waren für sie Meilensteine.

Geld: Dramaturgen reden eigentlich lieber über Inhalte als über Zahlen. Aber die Spardebatte bewegt sie natürlich ganz existenziell. „Alle Häuser arbeiten bereits am Limit”, sagt Zeppenfeld. Beide sehen bei weiteren Kürzungen die künstlerische Substanz des Aachener Theater bedroht. Das hieße: weniger Premieren, weniger Personal und im schlimmsten Fall eine Sparte weniger. „Was jetzt gekürzt wird, kommt nie mehr wieder”, warnt Arioli.

Ob zum Beispiel Kooperationen eine Sparmöglichkeit bieten, werde zurzeit durchgerechnet. Ende August legt die „Strukturkommission” mit Vertretern von Stadt und Theater los, um billigere Lösungen auszuloten. Zeppenfeld setzt auf Phantasie: „Einsparen kann auch heißen erweitern - etwa den Zuschauerkreis.” (siehe Jugend)

Highlights: Obwohl sie in Aachen diese Saison sehr viel gesehen hat, möchte die neue Chefstrategin nichts hervorheben. Die Verbundenheit zum Haus scheint schon sehr eng: „Das ist ja wie die Frage an die Familienmutter nach dem Lieblingskind.” Ihre Kollegin lobt besonders die „sehr schöne Zusammenarbeit” von Schauspielern, Sängern, Chor und Orchester bei „Der eingebildete Kranke”.

Image: Gerade mit solchen Cross-Over-Projekten mache das Haus überregional von sich reden, sagt Zeppenfeld und lobt den Mut zum spartenübergreifenden Arbeiten: „Hier ist sehr viel möglich.” Auch Inszenierungen von Monika Gintersdorfer oder Hans-Werner Kroesinger bekomme man sonst nur zu sehen, wenn man in die Metropolen fahre.

Jugend: Nur Lob kommt von Zeppenfeld auch für die Arbeit von Theaterpädagogin Katrin Eickholt. Ob Premierenklasse oder Jugendclub, junge Zuschauer würden bestens geködert. Mehr Potenzial sieht sie allerdings noch beim Werben an der Universität (siehe Studentenstadt).

Klassiker: Sie müssen sein, finden beide Dramaturginnen. Tolle Sprache, große Gefühle, unglaubliche Geschichten, beliebtes Futter für Schauspieler und Zuschauer. Zum Auftakt diesmal Schillers „Kabale und Liebe”, Sophokles´ „Antigone” und Puccinis „Madame Butterfly”.

Liebe: das Herz-Thema des neuen Spielplans (siehe Motto und Klassiker).

Motto: In Tübingen lautete das Motto für Zeppenfeld noch: „Bloß kein Motto!” Ein einzwängender, roter Faden ist nicht ihr Ding, gibt sie offen zu. Aber: „Ich werde mich dem fügen”, ergänzt sie und grinst.

Nie wieder! Diese Aussage entlockt man Ann-Marie Arioli nicht. Nein, sie würde alles noch mal so machen. Eher: Noch viel mehr! Mehr ausprobieren, mehr Grenzen ausloten. „Das Risiko hat sich immer gelohnt”, sagt sie in Richtung der Kollegin.

Oper: Die Neue freut sich, wieder an einem Mehrspartenhaus zu arbeiten. Zuletzt war sie vor allem im Schauspiel unterwegs, aber den Opernkonsum wird sie „schlagartig aufholen”.

Publikum: Der „Geist” der Stadt ist der Aacherin nicht fremd. Das Aachener Publikum schätzt sie als sehr sinnliches ein. „Sie schauen gerne.” Und das sollte man bei der Arbeit immer bedenken.

Qualität: Gutes Theater muss für Inge Zeppenfeld überraschend sein und humorvoll. Der Schauspieler steht für sie im Mittelpunkt. „Und ich erfahre gerne Geschichten von Menschen.” Dennoch müsse man weiterhin Experimente wagen.

Romane: Immer mehr Erzähltexte erwachen zu Bühnenleben. Diesem Trend im deutschsprachigen Theater folgen die Aachener, demnächst etwa mit „Berlin Alexanderplatz”, „Die Pest” oder „Moby Dick”. Bewährtes und Bestseller als Publikumsrenner? „Klar ist es gut, wenn die Zuschauer die Titel kennen”, sagt Arioli. „Aber Epik vergrößert auch die Spielmöglichkeiten des Theaters.”

Studentenstadt: In Tübingen hatte Zeppenfeld es mit mehr Geisteswissenschaftlern zu tun als in Aachen, und dennoch bezeichnet sie es als Sisyphusarbeit, Studenten ins Theater zu locken. In Aachen will sie es aber ebenfalls mit Erstsemester-Aktionen und Seminararbeit versuchen.

Tübingen: In der Grünen-Stadt am Neckar, dem „Eldorado der 68er”, hat Zeppenfeld Stadtprojekte erprobt. Auch in Aachen will sie mit dem Theater „noch mehr in die Stadt reingehen”. Besonders interessiert sie der zwielichtige Nicht-Ort des Bushofs.

Uraufführungen: Ja, neue Dramatik fördern, dafür plädiert Inge Zeppenfeld, aber nicht dem „ungesunden Uraufführungs-Hype auf Teufel komm´ raus” folgen.

Vielfalt: Das breite Spektrum von Stücken und Regiestilen soll - wie an Stadttheatern üblich - erhalten bleiben, sofern es die Finanzen zulassen.

Wichtig! Klar, Theater muss sein. Was sollen Theatermacher anderes sagen. Auch in Konkurrenz zu Fernsehen und Internet werde Theater als Ort der direkten Begegnung von Menschen weiter eine Rolle spielen.

Zukunft: Einen Schlussstrich will Arioli nicht unter Aachen ziehen. Sie wird wiederkommen. Um zu sehen, wie ihre Pläne Bühnenrealität werden.

Inge Zeppenfeld ist 1960 in Aachen geboren und aufgewachsen. Dort hat sie ihr Studium der Kunstgeschichte und Germanistik begonnen und Anfang der 80er Jahre bereits im Aachener Stadttheater gearbeitet - zuerst als Statistin, dann ein Jahr als Dramaturgie- und Regiehospitantin. In Ulm absolvierte sie den Studiengang Dramaturgie, in München promovierte sie als Theaterwissenschaftlerin. Doch zunächst zog es sie zu Film und Fernsehen - als Dramaturgin für die Produktionsfirma ihres Bruders, des Aachener Filmemachers Dieter Zeppenfeld. Die nächsten Stationen als Theaterdramaturgin: sechs Jahre in Osnabrück und seit 2005 in der künstlerischen Leitung des Landestheaters Tübingen. Ihren ersten Wohnsitz hatte Inge Zeppenfeld immer in Aachen. Auch ihre Mutter lebt dort. Jetzt wird die 49-Jährige mit ihrem Partner ganz in den Westzipfel ziehen.
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