Köln - Im Liegestuhl zu Eva und neuen Planeten

Im Liegestuhl zu Eva und neuen Planeten

Von: Pedro Obiera
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Beeindruckende optische Effekt
Beeindruckende optische Effekte: Die Uraufführung von Karlheinz Stockhausens „Sonntag” aus dem Opern-Zyklus „Licht” ist an der Kölner Oper ein siebenstündiger Kraftakt, der allen Akteuren das Letzte abverlangt. Foto: Klaus Lefebrve

Köln. Wann Karlheinz Stockhausens Vermächtnis, der siebenteilige Opern-Zyklus „Licht”, jemals vollständig aufgeführt werden kann, steht im wahrsten Sinn des Wortes in den Sternen. Mit 29 Stunden ist Stockhausens kosmologischer Trip ins „Licht” Gottes doppelt so lang wie Wagners Nibelungen-Ring.

Und da die sieben, den Wochentagen gewidmeten Teile stilistisch noch heterogener geformt sind, erfordert das Mammut-Projekt nicht nur doppelt so viel Zeit, sondern auch noch größeren künstlerischen und multimedialen Aufwand.

Dem lieben Gott gewidmet

Bisher erklangen die Teile verstreut zwischen Mailand, Leipzig und Köln, mit Ausnahme des krönenden Abschluss-Tages, des „Sonntags”, dem Tag des Gotteslobs. Und der wurde jetzt, drei Jahre nach dem Tod des Komponisten, mit großer Begeisterung in zwei Hallen des Deutzer Staatenhauses uraufgeführt. An zwei Tagen versteht sich, mit einer Aufführungsdauer von fast sieben Stunden. Der Kraftakt hat sich gelohnt, auch wenn die abgehobene Ästhetik Stockhausens in dessen letzten Lebensjahren bisweilen naiv-banale Züge annahm. Begriffe, mit denen die Ausführenden, die aberwitzig schwierige und komplexe Strukturen auswendig lernen müssen, gewiss nichts anfangen können.

Den „Sonntag” widmete Stockhausen niemand Geringerem als Gott. Die von den Planeten ausstrahlenden Schwingungen sublimieren sich zur Musik und führen in einer langen Zeremonie zur Vereinigung der Christus-Figur Michael und der Ur-Mutter Eva zu einem neuen Planeten, Micheva, einem Hort göttlicher Harmonie. Der dritte Protagonist des Zyklus, Luzifer, wurde bereits am schwarz eingefärbten Samstag vernichtet. Der „Sonntag” wird von lichtem Weiß beherrscht, in das sich auch viele Besucher kleideten.

Die szenische Realisierung betreut federführend Carlus Padrissa von der spanischen Schauspieltruppe „La Fura dels Baus”. In der kreisrunden Halle A erwartet den Besucher ein klinisch reines Weiß mit mächtigen Rotoren unter der Decke. Man nimmt in mehr oder weniger bequemen Liegestühlen wie an einer außerirdischen Playa Platz.

Die ätherisch schwerelos fließende, bisweilen tröpfelnde Musik, die die fabelhaften Musiker der musikFabrik Köln unter Leitung von Peter Rundel und die hochvirtuosen Solisten Anna Palimina (als Eva mit halsbrecherischen Koloraturen) und Hubert Mayer als Michael in diesem Sonntags-Gruß verströmen, führen in einen Trancezustand, der nicht nach sensationellen szenischen Kraftakten ruft. Padrissa belässt es denn auch dabei, die beiden Sänger auf hohen Podesten durch die Halle fahren zu lassen.

Etwas mehr szenische Aktion hätte man freilich von der zweiten Szene erwarten dürfen, einem 40-minütigen Engels-Gesang, in dem die Himmelsboten in sieben Sprachen und sieben unterschiedlich gefärbten Gewändern Gott huldigen, und zwar nicht nur salbungsvoll, sondern auch kichernd, schwätzend und vorlaut wie Schulkinder.

Akademisch streng

Stockhausen führt die Chöre etwas akademisch wie die Stimmen eines strengen Kanons. Man wechselt sich ab, vereinigt sich zeitweise. Das alles klingt erstaunlich brav und stereotyp, und genauso inszeniert Padrissa die an sich lebhafte Szene wie eine steife Prozession.

Dagegen reflektiert das dritte Tableaux in Halle B, einer konventionellen Guckkkastenbühne, das Gotteslob im Spiegel der Schöpfung, Kammermusik vom Feinsten erklingt von vier Bläsern, die einen riesigen Monolog Michaels konzertierend kommentieren und die Schöpfung vom Nichts bis zur Erschaffung der Menschen preisen. Video-Installationen in plastischem 3-D-Format illustrieren lange Listen von Tiernamen, Pflanzen und Gesteinen, wirken auf den ersten Blick faszinierend, auf Dauer plakativ und drohen das musikalische Geschehen zu überwuchern.

Szene 4 vereinigt Chiffren, Symbole, Farben, Düfte und musikalische Motive aller sieben Tage zu einer nostalgischen Rückschau, bevor es im letzten Bild, simultan auf zwei akustisch vernetzten Spielflächen zur Vereinigung von Michael und Eva als vollendetem Ausdruck göttlicher Hingabe kommt.

Die kaum überschaubare symbolische Verschlüsselung der Handlung, Stockhausens private Gottesvorstellung und die letztlich weihevolle Überhöhung führen insgesamt zu einem ritualisierten Musiktheater, dem jede dynamische Spontanität fehlt. Davon kann sich auch die insgesamt steife Inszenierung nicht lösen, trotz des gewaltigen organisatorischen und multimedialen Aufwands, der nicht immer in einem angemessenen Verhältnis zum Ergebnis steht.

Immerhin weckt der musikalisch glänzend einstudierte Doppel-Abend Neugier auf eine Gesamtaufführung des Zyklus, die freilich in Sternen ganz weit entfernter Galaxien steht.

Begeisterter Beifall für einen weiteren Leistungsnachweis der Kölner Oper unter der Intendanz Uwe Eric Laufenbergs, der dem künstlerisch maroden Haus innerhalb kurzer Zeit zu überregionalem Ansehen verhelfen konnte. Und das nicht nur mit solchen Spektakeln.

Die nächsten Aufführungen im Deutzer Staatenhaus, Köln, Auenstraße 60: Teil 1: 20., 26. und 28. April, 19.30 Uhr. Teil 2: 21., 27. und 29. April, 19.30 Uhr. Gesamtaufführungen beider Teile: am 24. April und 1. Mai, 18 Uhr.
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