Düsseldorf/Aachen - Im Interview: Der Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann

Im Interview: Der Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann

Von: Eckhard Hoog
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In seiner Heimatstadt zeigte Thomas Beckmann (58) besonderen Mut: Da spielte er sogar Cello neben einer Demo der Dügida, der Düsseldorfer Variante der Pegida. Foto: Stock/Sven Simon

Düsseldorf/Aachen. Seit 1996 geht der Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann immer wieder auf Benefiztourneen, um Spenden für Hilfsprojekte zu sammeln. 2013 hat er für seinen Dienst an Armen und Obdachlosen das Bundesverdienstkreuz erster Klasse bekommen. Ab 27. Oktober gibt er auch vier Konzerte in Düren, Stolberg, Kornelimünster und Monschau. Im Interview spricht er über Flüchtlinge, seinen Einsatz gegen Neonazis und das Schlüsselerlebnis, auf das sein großes Engagement letztlich gründet.

Sie gehen seit knapp 20 Jahren regelmäßig auf Benefiztournee. Was war die ursprüngliche Motivation? Gab es vielleicht ein Schlüsselerlebnis?

Beckmann: Ich bin als Fünfjähriger mit meinem Vater durch die Düsseldorfer Altstadt gegangen, und da saß ein Bettler. Mein Vater gab ihm 50 Pfennig. Ich habe meinen Vater gefragt: „Und wer kümmert sich um den?“

Mein Vater sagte: „Der Staat.“ Er war Volkswirtschaftler. Da habe ich gefragt: „Papa, wer ist der Staat?“ Mein Vater: „Der Staat sind wir alle.“ Ich daraufhin: „Wenn sich alle um den kümmern – warum sitzt der dann da?“ Das war mein Schlüsselerlebnis mit fünf Jahren. Deshalb hat mich dieses Thema der Obdachlosigkeit nie losgelassen.

Es hat Sie offenbar sehr tief berührt.

Beckmann: In den Obdachlosen sieht man das, was man selbst nicht sein will, wovor man Angst hat. Böse Menschen sind es ja nicht. Es sind haltlose Menschen, denen ein Ziel fehlt. Letztlich ist es eine Urangst eines jeden, die Fantasie und das Ziel zu verlieren –dann möchte man nämlich nicht mehr leben. Was dann mit einem Menschen passiert, das könnte man dort besichtigen.

Aber man sieht weg. Als 1993 zwei obdachlose Frauen in der Düsseldorfer Altstadt vor einem Fischhaus erfroren sind, da saßen drinnen die Leute und knackten hinter den Butzenscheiben ihre Austern. Alle haben gemeint, soll sich doch der Staat drum kümmern. Da dachte ich: Zumindest in meinem Viertel muss ich das ändern.

Mit welchen Mitteln?

Beckmann: Ich habe versucht, mit künstlerischen Mitteln gesellschaftlich zu wirken, das heißt meinungsbildende Prozesse auszulösen und das auch mit einer Tat zu verbinden. Mein Cello ist mein lieber Gefährte. Musik ist eine unbezwingbare Macht des Guten, mit der wir die Herzen der Menschen erreichen können, und da hilft mir das Cello.

Ihre aktuelle Tournee geht durch 60 Städte. Wie viele Menschen erreichen Sie damit? Das geht ja weit über Ihr ursprüngliches Viertel hinaus.

Beckmann: Ja, das kann man sagen. Also, man kann es ja nur schätzen, ich glaube, es sind 30 000. Zwar kommen bei einem einzigen Konzert der Rolling Stones in einem Stadion vielleicht 40.000, dann kommen bei mir 30.000 – aber ohne all die Lastwagen. Da wird kein Aufwand betrieben – Kirche aufmachen! Das reicht!

Einzelkämpfer werden häufig einfach belächelt – haben Sie das auch erlebt?

Beckmann: Ich bin nicht nur nicht belächelt worden, sondern ich habe ja auch Orden bekommen, und die gelten natürlich auch den Leuten, die meine Konzerte vor Ort organisieren. So wie die Mitstreiter – in Aachen und Düren sind wir immer mit tollen Projektgruppen verbandelt gewesen, die das klasse gemacht haben.

Dieses Jahr haben Sie neben der Dügida, dem Düsseldorfer Ableger der Pegida, gespielt. Was war Ihr Motiv?

Beckmann: Ich finde es toll, dass Sie das ansprechen. Ich war in der Höhle des Löwen. Das war eine erbärmliche Veranstaltung von 150 Männeken, anders kann man es nicht mehr bezeichnen. Dort hatten wir es mit einem Proll zu tun, Alkohol und Drogen spielten eine Rolle, Fußball und Hooligans. Der Gipfel von allem war, dass ein Türke „Ausländer raus!“ rief.

Haben die Typen auf Ihr Cellospiel reagiert?

Beckmann: (lacht) Die haben erst gedacht, ich wär‘ dafür. Die dachten, sie kriegten Zuspruch aus der hochbürgerlichen Ecke. Und dann wurden sie sich unsicher, es kam die Presse, und so langsam haben sie es gecheckt. Ich habe mir einfach gedacht, ich gehe da in die Meute rein und setze ein Zeichen: dass hier Mut angesagt ist. Es ist nicht die Stunde, dass wir uns hier verziehen. Deshalb bin ich da reingegangen, auch auf die Gefahr hin, dass sie mir das Cello kaputt machen oder mich schlagen.

Das war gefährlich.

Beckmann: Das war es, da war viel Alkohol im Spiel. Aber es ist so: Mein Onkel starb im KZ, mein Vater war im katholischen Widerstand. Es gibt auch Punkte, da muss man Flagge zeigen.

Flagge zeigen Sie jetzt auch gegenüber der Flüchtlingsproblematik.

Beckmann: Die erhöht den Druck auf unsere Einrichtungen. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht Angela Merkel bin. Ich kann die Frau nur bewundern, wie sie diesen Druck überhaupt noch aushält. Um zu helfen, stehe ich hundertprozentig dafür und damit eher auf der Seite derer, die sagen, lasst sie reinkommen. Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, dass unsere Flüchtlingshilfe aus einem Geiste der Nachkriegszeit geboren wurde, in Erinnerung daran, dass zum Beispiel viele Juden in die Schweiz flüchten wollten und dort abgelehnt wurden.

Heute sieht das Flüchtlingsproblem so aus: In wie vielen Ländern gibt es Krieg? 143? Ich weiß es nicht. Die Zahl der Menschen, die auf Grund von Kriegsereignissen bei uns gerechtfertigt politisches Asyl beantragen könnten, liegt nicht nur bei einer Million, sondern vielleicht bei einer halben Milliarde.

Was wäre die richtige Konsequenz?

Beckmann: Angesichts dieser Zahlen muss man doch überlegen, ob dieses aus dem Nachkriegsgeschehen geborene Konstrukt nicht den jetzigen Verhältnissen angepasst werden muss. Natürlich sind Menschen aus anderen Ländern ein Zugewinn. Aber wir können ja nur so viele aufnehmen, wie wir das auch rein technisch hinkriegen können, wie es überhaupt zu bewältigen ist.

Kommen wir jetzt zum Musikalischen: Das Cello als Soloinstrument ist eher ungewöhnlich, und trotzdem faszinieren Sie so viele Menschen. Wie erklären Sie sich das?

Beckmann: Ich finde das so toll, dass Sie mir die Frage stellen! Ich bin wirklich der Meinung, dass ich das Cello in Deutschland auch bekanntgemacht habe. Ich habe früher mit meiner Frau im Duo gespielt.

Cello und Klavier ist schon eher gängig. Cello ist bekannt im Streichquartett, im Orchester. Da gibt es genügend Literatur. Aber solo, da existieren im Wesentlichen nur die Bach-Suiten. Ich habe das Spektrum erweitert, indem ich versuchte, das Cello, wie die Flöte oder die Geige, zu einem Soloin-strument dahingehend zu entwickeln, dass man es einen ganzen Abend lang spielen kann, und die Leute können es anhören.

Man muss ein gutes Repertoire anbieten und das Cello von dieser Bodenlastigkeit als Bassinstrument befreien. Man kann das Cello auch so hoch spielen wie eine Geige, das habe ich mit den Chaplin-Stücken bewiesen.

Chaplin steht jetzt auch auf dem Programm . . .

Beckmann: Aber nicht so viel!

Zu Chaplin haben Sie eine besondere Beziehung, 1989 haben Sie eine Chaplin-CD herausgebracht.

Beckmann: Das war damals die meistverkaufte Cello-CD überhaupt – in 56 Ländern. Man wusste gar nicht, dass Charlie Chaplin Musik gemacht hat, und man wusste auch nicht, dass er Cello spielte.

Ihr Instrument hat eine ganz besondere Geschichte. Wollen Sie die mal kurz erzählen?

Beckmann: Als ich mir ein Cello aussuchen durfte, da ging ich mit meinem Vater zu einem Mann, der es verkaufte. Der sagte, es heißt „Il Mendicante“, der Bettler. Weil es einem Bettler gehörte, der es selbst um den Preis der Armut nicht hergegeben hat.

Das ist ein Wahnsinns-Cello von Guadagnini, dem Schüler von Stradivari. Es ist in dessen Werkstatt gebaut worden. Nun bin ich durch dieses Instrument ständig mit der Obdachlosenfrage verbunden gewesen, das passte auch ideell wie die Faust aufs Auge.

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