Aachen - Im Hier und Jetzt und in alle Ewigkeit

Im Hier und Jetzt und in alle Ewigkeit

Von: Axel Borrenkott
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Seine Musik ist mit dem Begrif
Seine Musik ist mit dem Begriff Jazz nicht zu fassen: Der Pianist Abdullah Ibrahim erhält den Innovationspreis Kunst der Peter und Irene Ludwig Stiftung. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Unter Jazzern, vornehmlich aber unter jazzaffinen Kritikern wird gerne vorgegeben, dass der Musiker auf seinem Instrument eine Geschichte erzählt. Ehrlich gesagt, macht einen das oft ratlos. Man sucht vergebens nach der Story, oder man versteht sie einfach nicht.

Nicht nur in dieser Hinsicht ist Abdullah Ibrahim eine Offenbarung. Sobald er sich ans Klavier setzt, hören wir eine Geschichte. Vermutlich erzählt er seine eigene, doch er gibt uns das Gefühl, dass wir zu uns selber sprechen. Heute Abend, wenn ihm im Aachener Ludwig Forum der Innovationspreis Kunst der Peter und Irene Ludwig Stiftung verliehen wird, kann man ausprobieren, ob das funktioniert.

Es gibt nicht so viele Musik-Stars, die über ihre Professionalität hinausfliegen und in unserer Seele landen. Der nunmehr 75-jährige Musiker, Komponist, Weltbürger aus Südafrika und „Brückenbauer zwischen den Kulturen” Abdullah Ibrahim ist ein solcher Künstler. Ganz konträr zu einem hyperästhetischen Pianisten-Typus wie Keith Jarrett, dessen kunstsinniges Klanggebäude man mit einem Huster zum Einsturz bringen kann, macht Ibrahims Spiel einen völlig vergessen, dass er auch einer der besten und gefragtesten Pianisten dieser Zeit ist. Doch bei ihm ist Leben auf und vor der Bühne. Mit dem abgrenzenden Begriff Jazz ist seine Musik, sind die rhythmisch raffinierten, doch so eingängigen Melodien nicht wirklich zu fassen.

Duke Ellington hat ihn 1962 in Zürich entdeckt und zu einer bis heute andauernden Weltkarriere verholfen. Ibrahim war 1960 aus seiner Heimat geflüchtet, hat ein fast 30 Jahre währendes Exil in Europa und den USA gefunden, und lebt inzwischen wieder in Kapstadt - wo er mehrere Projekte zur Förderung von Musikern unterhält -, teilweise aber auch in New York und Bayern. Sein fröhlicher Song „Mannenberg”, benannt nach einem Stadtteil von Kapstadt, gilt als Hymne der Befreiungsbewegung.

„Ich spiele nicht, ich werde gespielt.” Solche Sätze kann Abdullah Ibrahim, der einmal Dollar Brand hieß und Ende der 60er Jahre Muslim wurde, ohne Klischeekitsch auch zum hundertsten Mal in ein Mikrofon sagen. Es würde aber auch nicht wundern, wenn der ausgebildete Karate-Kämpfer zum Beispiel Buddhist wäre. Ibrahims Spiritualität ist weit umfassender, als es eine Religion sein kann.

Dabei vermag dieser von der Natur gut ausgestattete Mann, der sich seiner Erscheinung durchaus bewusst wirkt, die irdischsten Witze zu erzählen und so mitreißend über sich selber lachen, dass man ihn fast um den nächsten Joke bitten möchte.

Überhaupt fragt man sich beim Interview des öfteren, ob man einem so sehr in sich Ruhenden überhaupt die richtigen Fragen stellen kann.

Das führt immerhin zu einigen Nachdenklichkeiten. „Was wird Südafrika ohne Mandela sein?” Ibrahim: „Südafrika!” Und statt zu erzählen, was ihm persönlich Mandela bedeutet, den er gut kennt, breitet Ibrahim ein Stück seiner Geschichtsphilosophie aus. „Mandela kommt aus einer königlichen Familie. Die meisten Menschen, die wirklich etwas verändern, kommen aus den oberen Schichten der Gesellschaft, wie Mohammed, Che Guevara, Siddartha.” Ein Versuch noch: „Wird die Fußball-Weltmeisterschaft positiv für Südafrika gewesen sein?” Ibrahim: „Die ganze Welt sagte vorher, das wird nicht klappen, die sind noch nicht so weit.”

Das wichtigste Thema für Abdullah Ibrahim ist Zeit. Es ist zugleich die beste Möglichkeit, seine Musik zu verstehen - und damit, warum sie uns so berührt. Vergleicht man seine Platten, vor allem seine solistischen, aus den 60er, 70er Jahren (wie „African Dawn”) mit dem jüngsten, in Deutschland wie Südafrika preisgekrönten Album „Senzo”, kann man den Eindruck haben, auf einem großen Bogen hin- und zurückzureisen - und in eine ewige, aber nie langweilige Wiederholung einzutauchen.

„Ich hatte einige Probleme, als ich damals nach Europa kam. Um mich zu beruhigen, habe ich auf meinen Herzschlag gehört. Da habe ich gemerkt, dass kein Herzschlag wie der andere war, so wie auch der Sonnenuntergang sich ewig wiederholt - und doch jedesmal verschieden ist.” Ibrahim, ein Fan des Astrophysikers Stephen Hawking, glaubt an an das Prinzip der Umkehrung der Zeit. „Wenn Zeit ein Anfang und ein Ende hat, dann muss sie umkehrbar sein.” Zeit ist also auch Heimkehren, und das meint Ibrahim in einem ganz umfassenden, aber letztlich tief spirituellen Sinn: „Es geht um das Ankommen bei sich selbst und damit in der Welt, die schon immer da war.” Ibrahim ist fest davon überzeugt, dass alles Wissen schon in der Welt ist, dass man es nur wieder finden muss.

Es ist das Traditionelle der afrikanischen Auffassung von Musik, die Magie der Wiederholung, die das Hier und Jetzt mit der Ewigkeit verbindet. Man kann das glauben oder nicht, aber man kann spüren, dass diese Musik so funktioniert. Seine Band, mit der Abdullah Ibrahim am Freitagabend auftritt, heißt Ekaya, Heimat. Und davon gibt es viele Geschichten zu erzählen.

Der Innovationspreis Kunst der Peter und Irene Ludwig Stiftung wird seit 1995 verliehen und soll Innovation im Bereich der darstellenden Künste förden. Er ist mit 10 000 Euro dotiert. Die Preisverleihung an Abdullah Ibrahim beginnt am Samstag um 20 Uhr im Ludwig Forum an der Jülicher Straße. Neben der Zeremonie steht natürlich das Konzert im Mittelpunkt des Abends, das Ibrahim gemeinsam mit der Gruppe Ekaya bestreiten wird.
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