„Illegal“: Ein starkes Stück Wirklichkeit

Von: Hermann-Josef Delonge
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Sprechtheater: Felix Strüven, Elisabeth Ebeling, Emilia Rosa de Fries und Martin Maria Eschenbach (von links) in Björn Bickers „Illegal“ in der Aachener Kammer. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Wenn es so ist, dass das Theater der ideale Ort dafür ist, aktuelle gesellschaftliche und politische Themen zu reflektieren in einer Zeit, in der die Verwirrung immer nur noch größer wird, dann könnte Björn Bickers „Illegal“ so etwas wie das Stück der Stunde sein.

Es handelt von in Deutschland lebenden Flüchtlingen – genauer: von unserem Blick auf sie und von ihrem Blick auf uns. Eineinhalb Jahre hat der Autor, Dramaturg und Kurator (die Aachener Inszenierung seines Abschiebedramas „Deportation Cast“ war 2013 zum NRW-Theatertreffen eingeladen worden) recherchiert; er hat mit illegal in Deutschland lebenden Flüchtlingen sowie Helfern, Beamten und Wissenschaftlern gesprochen und aus diesem Material seinen Text gebaut. Dokumentarisches Theater mit allen Stärken und Problemen, zu sehen jetzt in der Kammer im Theater Aachen.

Kathrin Hauer hat für Regisseurin Katja Blaszkiewitz archaisch anmutende Steinblöcke an Seile montiert. In der ansonsten kargen Spielstätte dienen sie als Klettergerüst, Schaukel oder Ablage. Blasz- kiewitz lässt die Schauspieler direkt ins Publikum hinein monologisieren. Sie erzählen Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und nun versuchen, hier zu überleben. Aber auch die Geschichte einer Frau, die ehrenamtlich den „Illegalen“ hilft. Elisabeth Ebeling gibt ihr eine unaufgeregte Nüchternheit. Warum sie diesen Menschen hilft? „Weil ich sie sehe.“

Drei Menschen, drei Schicksale: Felix Strüven mischt dem rotzigen Selbstbewusstsein des jungen, Nüsse kauenden Ukrainers eine Nervosität bei, die einen Ausbruch jederzeit möglich erscheinen lässt. Emilia Rosa de Fries ist mehr als nur eine junge Frau aus Ecuador, die immer wieder an die falschen Männer gerät. Sie ist stark und durchblickt die Strukturen der Ausbeutung bis hinein in die eigene Familie, die monatlich Geld aus Deutschland erwartet. Schließlich Martin Maria Eschenbach als Kurde, der der Polizei in Deutschland mit einer Quittung beweisen sollte, dass er in der Heimat gefoltert wurde. Seine Fassungslosigkeit relativiert die Abgeklärtheit, mit der er von seinem Leben in Notquartieren oder auf Autobahnraststätten erzählt. Diese drei Einzelstimmen verwandelt sich in ein kollektives „Wir“, in einen Chor, der fast bedrohlich deklamiert: „Wir sind viele. Schnee können wir nicht leiden. Wir sind beweglicher als ihr. Ihr seid von gestern. Wir sind neue Menschen. Wir glauben nicht an eure Grenzen, die gelten nicht für uns.“

Bickers Textcollage, die es auch als Buch und Hörspiel gibt, ist beeindruckend. Kein platter Naturalismus, denn er arbeitet mit Verfremdungen, Wiederholungen, Schleifen, Brüchen. Die Schauspieler sprechen klares Hochdeutsch. Der Stil ist poetisch und rhythmisch. Das Publikum sieht ein Stück Wirklichkeit auf der Bühne, das allerdings rhetorisch bleibt und ein szenisches Miteinander nicht zulässt. Katja Blaszkiewitz hat trotzdem keine Lesung in verteilten Rollen inszeniert, sondern Sprechtheater, das sich auf eine starke Vorlage und ein starkes Ensemble verlassen kann.

Nach einer guten Stunde ist Schluss. Viel Applaus.

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