„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“: Ex-First Ladys ohne eine Spur von Reue

Von: sar
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Bissig: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walter in den Kammerspielen des Theaters Aachen mit (v.li.) Elisabeth Ebeling, Torsten Borm, Katja Zinsmeister und Lara Beckmann. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Und plötzlich poltert Erich Honeckers Urne auf den Boden, platzt auf, und die fluffig umherfliegenden grauen Ascheflocken mischen sich mit den Glitzerkonfetti, das zuvor Frau Leila wie eine Goldmarie aus dem Märchen beregnet hat: Eine Szene in Theresia Walsers bissiger Komödie „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“, die man nicht so schnell vergisst.

Das Stück rund um Diktatoren-Ehefrauen, deren Weltsicht und die wunderbare Fähigkeit, ein unvermindert blank poliertes Selbstbild und den dazu nötigen Realitätsverlust zu bewahren.

Thomas Ladwig hat das Stück mit Sorgfalt und viel Hintergrundwissen zur „Droge Politik!“ für die Kammerspiele des Aachener Theaters in Szene gesetzt. Drei repräsentative Ledersessel auf Rollen, ein beweglicher Kettenvorhang, der es möglich macht den Raum zu verwandeln – Anita Könning sorgt für eine Bühnenumgebung, in der sich die drei Ladys treffen. Renate Schwietert hat für das stilechte Outfit gesorgt– vom praktischen DDR-Kostüm über das bestickte blau schillernde Seidenkleid Imeldas bis zu Leilas Chanel-Fummel.

Eine imaginäre Pressekonferenz steht an, denn Margot Honecker, Leila Ben Ali, bis 2011 First Lady Tunesiens, und Imelda Marcos, Ehefrau des einstigen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos sehen einer Verfilmung ihrer – wie sie überzeugt sind – glamourösen und ehrenvollen Lebenswege entgegen. Autorin Walser hat mit ihren drei Kunstfiguren, bei denen zusätzlich Charakterzüge von Suzanne Mubarak und Asma Al-Assad einfließen, eine glänzende Vorlage für ein spannendes Stück geschaffen. Der Titel ist das Zitat aus einem Gedicht Muammar al-Gaddafis – wer Gedichte schreibt, kann doch nicht schlecht sein, oder?

Das glaubt auch Frau Leila und hat ihre Vers-Sammlung gleich mitgebracht. Die Regie zieht alle Register einer scharfen Satire. Fein und bis in kleinste Detail zeichnet Thomas Ladwig die Figuren, gibt ihnen Zeit und lässt sie schließlich effektvoll aufeinander prallen. Dazu braucht er starke Darsteller: Elisabeth Ebeling ist eine Margot Honecker mit eisiger Selbstüberschätzung, fest verankert in den von ihr nachhaltig verbreiteten Ideologien, ignorant, was das Leiden der er Bevölkerung betreffen könnte.

Katja Zinsmeister beherrscht als Imelda Marcos die theatralischen Gesten. Sie wirft sich mit schwärmerisch fernem Blick in Pose, weiß, dass sie das pure Glück für ihr Volk war, und ist der Meinung, ihr Leben könne nur als Oper adäquat verewigt werden. Blondiert und stets bereit, in eine Kamera zu lächeln, gibt Lara Beckmann jener ehrgeizigen Leila Ben Ali Gesicht und blondierte Frisur, die bei der Flucht aus Tunesien einen Goldschatz, Wert etwa 45 Millionen Euro außer Landes schaffen konnte und aktiv daran beteiligt war, das tunesische Volk bis aufs Blut auszusaugen. Mit der Figur des Dolmetschers Gottfried, glänzend und in seiner scheinbaren Verwirrung recht hinterhältig umgesetzt von Torsten Borm, werden im Stück geschickt die Trennlinien zwischen den drei Frauen gezogen.

Im Grunde verbindet die drei Frauen lediglich das komplett fehlende Schuldbewusstsein. Warum auch? Wo sie doch die Schicksale ihrer Völker nie gerührt haben. Auch jetzt noch, nach Scheitern der jeweiligen Diktatur und gerichtlichen Schuldsprüchen, gibt es keinen Schimmer von Einsicht oder Mitleid. Zerzaust sitzen sie schließlich wieder in ihren Sesseln. Asche aufs Haupt? Igitt, bloß nicht. 75 Minuten, die nicht langweilig werden. Das Publikum spendet kräftigen Applaus.

Weitere Aufführungstermine: 26. März, 1., 5., 15., 22., 26., April, 11., 22. Mai, 1., 10., 18., 25. Juni sowie 2., 8. Juli.

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