Ibsens „Wildente” voller Lebenslügen

Von: Grit Schorn
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Ibsens „Wildente” im Grenzlandtheater: mit Thomas Pohn und Caroline von Bemberg. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Der Diener putzt bedächtig das Fenster - eine ganze Fensterfront gibt den Blick frei auf eine wolkige Fjordlandschaft, grau in grau. Frau Sörby, die Hausdame (Gudrun May), huscht um den alten Werle herum.

Vater und Sohn Werle stehen sich gegenüber: Sie haben sich nie gut verstanden und tun es auch jetzt nicht. Ein größeres Essen ist vorbereitet, zu dem auch Hjalmar Ekdal, der Jugendfreund des jungen Werle, eingeladen ist. Das Wiedersehen zwischen Hjalmar und Gregers nach 17 Jahren ist herzlich, aber leicht beklommen. Denn vieles ist inzwischen geschehen...

Die sensible und kluge Regie von Anja Junski, die bereits 2010 mit dem Parabelstück „Zweifel” großen Erfolg im Grenzlandtheater hatte, nimmt die Figuren des großen Norwegers ernst, führt sie aber keineswegs vor. Dass Ibsens Drama über schützende Lebenslügen und grausame Wahrheiten bereits 1885 entstand, spielt in der fesselnden Inszenierung der jungen Regisseurin und Dramaturgin kaum eine Rolle. Ibsen selbst verwirft hier seine frühere Einstellung, Lebenslügen und Verdrängung müssten erbarmungslos aufgedeckt werden.

In der Gestalt des Wahrheitsfanatikers Gregers Werle, bestürzend authentisch verkörpert von Thomas Pohn, sah Ibsen sich selbst.

Gregers, in einen unlösbaren Generationenkonflikt mit seinem Vater verstrickt, will das Lügengespinst um die Familie Ekdal und seinen Jugendfreund Hjalmar zerreißen. Da der nichts weiß von den tückischen Intrigen des alten Werle, der ihm sogar das frühere Hausmädchen Gina „zugeführt” hat, lebt der naive Hjalmar recht glücklich und zufrieden in seinem bequemen Nest mit Frau Gina und Tochter Hedwig.

Die beiden erfüllen dem eher bequemen Fotografen alle Wünsche und bewundern seine „Arbeit” an einer ominösen Erfindung. Timo Klein spielt diesen Simplizissimus wie neben sich stehend, schwankend zwischen Familienglück und schierem Entsetzen, als sein Jugendfreund ihn mit grausamen „Wahrheiten” konfrontiert. Tapfer und tatkräftig als Gina imponiert Alexandra Sydow, die junge Caroline von Bemberg als Teenager Hedwig gewinnt die Herzen aller Zuschauer. Versponnen wandelt der alte Ekdal (Wolfgang Rommerskirchen) umher.

Der alte Konsul, hervorragend gespielt von Volker K. Bauer, heizt mit seinen „guten Taten” die Stimmung nur noch mehr auf. Der Arzt Relling (starke Leistung von Thomas Kemper, auch als Diener Pettersen) verzweifelt. Großer Beifall auch für Barbara Krotts kongeniale Leistung (Bühnenbild und Kostüme).

Weitere Aufführungen im Aachener Grenzlandtheater, Elisen-Galerie: täglich bis 10. April, Beginn jeweils 20 Uhr. Anschließend in der Region bis 19. April. Karten: 0241/474611.
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