Hymnen auf Elemente und Blick in Seelen

Von: Eckhard Hoog
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1957 gründete er in Düsseldorf
1957 gründete er in Düsseldorf die legendäre Künstlergruppe „Zero”, jetzt ist er zur Eröffnung seiner Keramik-Ausstellung im Dürener Leopold-Hoesch-Museum eigens aus den USA angereist: Otto Piene (82). Foto: Stephan Johnen

Düren. Kaum ist das Dürener Leopold-Hoesch-Museum wiedereröffnet, da behauptet es gleich mit der ersten neuen Wechselausstellung wie selbstverständlich und fast spielerisch seine eigenständige Position - und das auch noch mit einer grandiosen Doppel-Schau: einer Retrospektive des Kölner Künstlers Andreas Schulze und Keramiken der Zero-Legende Otto Piene.

Der 82-Jährige, der in Boston lebt, ist eigens aus den USA angereist, um morgen bei der Eröffnung dabei zu sein. Ein prominenter Gast, auf den Museumsdirektorin Renate Goldmann denn auch recht stolz ist.

Auf Anhieb haben sich beide Künstler in das Haus mit seinen neobarocken Kurven „vorne” und der kubushaften Strenge „hinten” verliebt. Schulze, der bekennt, noch nie zuvor in Düren gewesen zu sein, obwohl es „gleich um die Ecke” liegt, ist derart begeistert davon, dass sein Eindruck jetzt als Schriftzug auf der Wand im Treppenhaus prangt: „Das schönste Haus weit und breit. Andreas Schulze.” Piene pflichtet ihm gestern bei der Pressevorbesichtigung bei: „Es ist etwas ganz Besonderes, es verbindet Geschichte mit Gegenwart und ist modern in traditionellem Gewand. So etwas hat nicht jede Stadt.”

Den Besucher erwartet nun eine sagenhaft opulente Bildwelt und wirkungsvolle, raumgreifende Inszenierungen. Man taucht geradezu ein in die beiden schwarzen und roten Säle, in denen Pienes Kermiktafeln effektvoll beleuchtet drapiert sind. Zum Teil edel mit Gold und Silber belegt und zurückhaltend gerastert, dann wieder roh und archaisch, wie von der Natur selbst geformt, gibt Piene mit dem gebranntem Ton dem Ausdruck, was ihn seit Jahrzehnten interessiert: dem Wunder elementarer Materie und Energie. Als „Lichtkünstler” widmete er sich in seinen Anfängen, als er 1957 mit der Gründung der Gruppe „Zero” in Düsseldorf den totalen künstlerischen Neubeginn propagierte, Sonne und Feuer. Seine Keramiken - darunter auch ein Sternobjekt - sind nun in den Räumen „Le Rouge et le Noir” ein „Hymnus auf das Element Erde”, wie er uns erklärte. „Ohne die Elemente wären wir nicht lebensfähig.” Feuer, Wasser, Erde, Luft - Piene versteht seine Werke als künstlerische Weihelieder auf die Natur und ihre Kräfte, und das durchaus aus einem ökologischen Impetus heraus. „Das ist etwas, was wir erhalten müssen.”

Vier bis fünfmal reist der alte Herr pro Jahr immer noch zwischen den Kontinenten hin und her, arbeitet in den USA und in Deutschland. „Das ist eine Art Lebensform, vital und sehr interessant.”

„Interieur” ist Andreas Schulzes umfangreiche Werkschau mit Objekten, Bildern und Installationen aus dreißig Jahren überschrieben, gemeinsam geplant vom Hoesch-Museum und der Sammlung Falckenberg in Hamburg, wo sie bis Ende Juni in den Phoenix-Hallen zu sehen war. In den Achtzigern streifte Schulze die neue deutsche Welle der „Jungen Wilden”, er nahm auch an Ausstellungen der neoexpressiven „Mülheimer Freiheit” teil. Doch er bewahrte sich jenseits aller Moden, Strömungen und Trends eine ureigene Malerei und Bildwelt.

Er füllt ganze Räume an mit Mobiliar, scheinbar unscheinbaren Objekten aus der Alltagswelt, die dennoch symbolisch belegt sind. So wie das Haus in der Traumdeutung stets als der Träumende selbst internpretiert wird, identifizert sich der Künstler im Selbstporträt mit der Brille, die wie beiläufig auf einem Tisch liegt. Obgleich nie ein Mensch all die seltsamen Räume belegt, ist er doch auf hintergründige Weise immer anwesend. „Der Mensch definiert sich auch durch die Gegenstände in seiner Umgebung”, sagt Renate Goldmann. Ein etwas anderer Blick in die Seele.

Besonderen Spaß macht es ihm, Künstler wie Donald Judd zu zitieren, dessen Kisten, nichts als Kisten, zeitweilig wie Wunderwerke gefeiert wurden.

Auf der Suche nach sich selbst

Auf der Suche nach sich selbst umschreibt der Professor an der der Düsseldorfer Kunstakademiein vielen Bildern seinen Alltag, die Passion, Flohmärkte zu besuchen zum Beispiel, mit den Gegenständen, die ihm dort begegnen. Und er befragt intensiv das Phänomen „Heimat”, die Gegend, in der man gerne wohnt, mit Landschaftspanoramen, einer Fachwerkidylle im Lichthof und raumfüllenden Installationen. „Dresden” heißt etwa ein Tableau wie aus einer Modelleisanbahn-Anlage, aus „Faller”-Häusern gebastelt. Auf dem Hügel thront anstelle des Schlosses eine Terrine aus Meißener Porzellan - „ein Erbstück”, wie er amüsiert verrät. All das ist auch eine Reminiszenz an die Besuche seiner in Dresden lebenden Mutter zu Zeiten der DDR - „unter nicht sehr schönen Umständen”.

Es lohnt sich übrigens, dieser Modellwelt eine eingehende Aufmerksamkeit zu schenken und genau hinzusehen. Andreas Schulze hat gestern noch drei „Männlein”, winzige Figuren, in einem einschlägigen Geschäft in Düren gekauft und auf die Dresden-Platte gepflanzt. Sagenhaft, was auf dem Modelleisenmarkt so alles angeboten wird. Erworben hat er einen Bettler und - zwei Exhibitionisten. Alles wie im richtigen Leben, da fehlt nix.
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