Houellebecqs „Unterwerfung“: Teilmans Ideen für ihre Bühnenversion

Von: Eckhard Hoog
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Sie hat eine Bühnenversion von Michel Houellebecqs kontrovers diskutiertem Roman „Unterwerfung“ am Theater Aachen kreiert: Regisseurin Ewa Teilmans. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Angesichts dessen, was uns bevorsteht, ist das ein Stück, was uns aus der Gemütlichkeit reißt“: So prägnant brachte Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck auf den Punkt, weshalb das Theater Aachen den Spielplan kurzfristig geändert hatte, um eine Bühnenversion von Michel Houellebecqs kontrovers diskutiertem Roman „Unterwerfung“ zu bringen. Da war Donald Trump gerade gewählt.

Mittlerweile haben sich die prekären Ereignisse überschlagen. Und der extremistische Islamismus hat gleich mehrfach zugeschlagen . . . Houellebecqs „Unterwerfung“ mit seinen brisanten Themen ist aktueller denn je: der politische Rechtsruck, der erlahmte Linksliberalismus, die beschworene Gefahr einer Islamisierung des Westens – all das verarbeitet in der Zukunftsvision einer islamischen Republik Frankreich.

Aber wie macht man aus einem komplexen Roman wie diesem ein Bühnenstück? Einige Theater wie das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg haben es bereits gewagt – jede Version war eine Uraufführung, sie unterscheiden sich gravierend.

Auf keinen Fall viele Figuren

Ewa Teilmans, die Regisseurin, erklärt ihr Konzept für das Theater Aachen zunächst mit einer Prämisse: „Ich wollte die Bühne auf keinen Fall mit vielen Figuren bevölkern.“ Und die Grundidee war ganz schnell da: drei „Projektionsfiguren“ auszuwählen, die Houellebecqs Gedankengänge repräsentieren: Protagonist François, Literaturprofessor an der Sorbonne, gespielt von Karl Walter Sprungala, sein geistiger Vater, der Schriftsteller Joris Karl Huysmans, gespielt von Rainer Krause, und „Die Frau“, gespielt von Elke Borkenstein.

Die Frau? „Houellebecq hat den weiblichen Anteil der Bevölkerung vernachlässigt“, sagt die Regisseurin. Sie will ihn in Gestalt der „Frau“ zu Wort kommen lassen, und zwar so, wie der Romanautor Aussagen über Frauenbilder der Gesellschaft durchaus konkret einstreut – etwa über die Französin, über Muslima oder Jüdinnen.

Die Bürger kommen in Gestalt des Theaterchors und des Sinfonischen Chors zum Zuge. Sie sollen die Masse der verunsicherten Europäer repräsentieren, Menschen ohne Haltung, die sich treiben lassen – und damit einer zentralen Aussage des Buchs näherkommen. Ewa Teilmans: „Der Roman will ja keine Ängste schüren, sondern anhand der Fiktion von einer muslimischen Regierung in einem großen europäischen Land Fragen stellen. Was angegriffen wird, das ist der moderne Europäer, der seine Freiheit eher gelangweilt hinnimmt und nicht zu schätzen weiß. Gefragt wird, was er eigentlich bereit ist, für deren Erhalt zu tun.“ François ist für Ewa Teilmans dafür ein Prototyp: „Er sagt selbst von sich: ‚Ich war so politisiert wie ein Handtuch.‘“ Erst die laufenden Ereignisse zwingen ihn, sich mit den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen.

Ihrem Bühnenbildner Andreas Becker hat die Regisseurin die Idee vorgegeben, Houellebecqs Gedankengänge zu versinnbildlichen – mit einem Gerüst, das Räume und Nischen voneinander trennt. So soll es eine Szene geben, in der Rainer Krause quasi durch das Gehirn des Autors geistert.

Der vielfach ausgezeichnete Aachener Hauskomponist des Theaters, Anno Schreier, hat fünf zwei- bis dreiminütige Chorstücke als „Inseln für das Publikum“ geschrieben. Die Aufführung dauert drei Stunden. Und weil der Protagonist – er ist ja schließlich Franzose – dem guten Speisen nicht abgeneigt ist und die im Roman immer wieder vorkommen, gibt es in der Pause originale Gerichte aus dem Stück!

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