Hortete Gurlitt auch Bilder aus Aachen?

Von: Eckhard Hoog
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Er forscht auch online nach Aachener Raubkunst: Museumsdirektor Peter van den Brink. Foto: E. Hoog
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1937 im Aachener Suermondt-Museum beschlagnahmt: zwei Bilder von Heinrich Maria Davringhausen, eines von Anton Räderscheidt. Nicht auszuschließen, dass sie zur Sammlung von Cornelius Gurlitt gehören. Wegen der Geheimhaltung des Falles ließ sich das bis jetzt nicht überprüfen. Foto: SLM
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1937 im Aachener Suermondt-Museum beschlagnahmt: zwei Bilder von Heinrich Maria Davringhausen, eines von Anton Räderscheidt. Nicht auszuschließen, dass sie zur Sammlung von Cornelius Gurlitt gehören. Wegen der Geheimhaltung des Falles ließ sich das bis jetzt nicht überprüfen. Foto: SLM

Aachen. „Milliarden-Schatz“, „Nazi-Schatz“, „Nazi-Raubkunst“ - Peter van den Brink runzelt die Stirn. Wenn man den Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums mit den Attributen konfrontiert, die selbst die ARD noch am letzten Sonntagabend bei einer Talksendung von Günther Jauch verwendet hat, um den Schwabinger Kunstfund um Cornelius Gurlitt zu umschreiben, dann rät er zu einer nüchternen Betrachtungsweise.

„Bleiben wir doch auf dem Teppich: Bei den 1406 beschlagnahmten Werken handelt es sich doch ganz offensichtlich überwiegend um ‚Flachware‘.“

Flachware, das meint im Museumsjargon Grafiken - Zeichnungen und Druckgrafik. „Und nicht einmal eines der Hauptwerke, der ‚Löwenbändiger‘ von Beckmann, hat bei der Versteigerung 2011 bei Lempertz in Köln eine Million erbracht.“ Milliarden-Schatz? „Völlig abwegig.“ Allenfalls auf 60 Gemälde schätzt van den Brink nach den bisherigen Veröffentlichungen den Bestand an möglicherweise hochpreisigeren Werken.

Für van den Brink wirft der Fall, wie für viele seiner Kollegen auch, aber noch weit mehr Fragen auf als die um den realen Wert der so überraschend ans Tageslicht geratenen Sammlung des betagten Münchener Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt. Und die betreffen, zumindest in Bezug auf drei 1937 beschlagnahmte Werke der sogenannten „entarteten“ Kunst, auch Aachen, namentlich das heutige Suermondt-Ludwig-Museum.

Im Prinzip nicht auszuschließen ist bislang, dass sich drei verschollene Aachener Bilder in der Gurlitt-Sammlung befinden, zumindest solange die nicht vollständig veröffentlicht wurde.

Nicht nachzuvollziehen ist für den gebürtigen Niederländer, Fachmann für alte niederländische Malerei, dass zunächst allein Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin mit dem Aufspüren der Herkunft der Münchner Bilder beauftragt wurde. Und nicht auch Experten, die allgemein über große Erfahrung verfügen in Sachen Provenienz-Forschung - denn: „Offensichtlich ist doch der Großteil der Sammlung gar nicht der von den Nazis diffamierten ‚entarteten Kunst‘ zuzurechnen.“ Bilder aus dem 16. Jahrhundert zum Beispiel, die ja auch dazugehören sollen.

Darüber hinaus zweifelt van den Brink schwer die Rechtmäßigkeit des Vorgehens der selbsternannten „Fahnder“ an, die doch lediglich einem vermeintlichen Steuerdelikt auf der Spur waren. „Man muss schon gute Gründe haben, um in eine Wohnung einzumarschieren und eine ganze Kunstsammlung zu beschlagnahmen.“ Zumal Gurlitt einen österreichischen Pass besitzt und dort seine Steuern bezahlt. Van den Brink: „Bis jetzt gibt es keinen Beweis dafür, dass es sich auch nur bei einem einzigen Werk um Nazi-Raubkunst handelt.“

Von den 1406 Bildern sind bis jetzt gerade mal 118 auf der Internetseite www.lostart.de bekanntgemacht worden, etliche davon stammen von Max Liebermann und Edvard Munch - Arbeiten auf Papier, keinerlei Millionenwerte. Namen von Anton Räderscheidt und Heinrich Maria Davringhausen gehören bislang nicht dazu, was aber nichts heißt. Drei Werke dieser beiden Künstler gehören zu den insgesamt sieben, die 1937 im damaligen Suermondt-Museum in Aachen als „entartet“ beschlagnahmt wurden. Vier weitere stammten von Karl Hofer, Walter Ophey, Ernst Barlach und August Macke - dessen Bild „Gartenre-staurant“ 1939 in Luzern für 800 Franken versteigert wurde und sich seither im Museum Bern befindet. Die Werke von Hofer, Ophey und Barlach sollen verbrannt sein.

Die Berliner Expertin für „entartete Kunst“, Meike Hoffmann, so hat Peter van den Brink festgestellt, listet diese vier verlorenen Aachener Bilder in ihrer rund 10.000 Bildtitel umfassenden Datenbank auf - die beiden vermissten Aachener Bilder von Davringhausen und das von Räderscheidt aber nicht. Van den Brink zieht daraus den begründeten Schluss: „Offensichtlich kennt Frau Hoffmann diese Bilder gar nicht. Dabei hätte sie lediglich unseren Verlustkatalog zu Rate ziehen müssen, um darüber informiert zu sein.“ Er rätselt, weshalb solch eine sichere Quelle von der Berliner Forschungsstelle nicht genutzt worden ist - „zumal ja bekannt ist, dass Museen unter anderem in Dresden und Gotha ihre Verluste auf diesem Weg veröffentlicht haben“.

Noch bevor der „Focus“-Artikel mit der Enthüllung der Gurlitt-Sammlung Anfang November erschien, hatte van den Brink bereits nach dessen Ankündigung auf Facebook eine E-Mail-Anfrage an Meike Hoffmann gerichtet, ob zu den Bildern etwa auch die besagten Werke von Davringhausen und Räderscheidt gehörten. Bis heute hat der Aachener Museumsdirektor keine Antwort erhalten. Einmal mehr ein Beweis dafür, dass die Liste der Bilder endlich komplett veröffentlicht werden muss.

Gesetzentwurf angekündigt

Nachdem es international Kritik im Umgang mit dem Kunstfund hagelte, wurde eine sogenannte Taskforce eingesetzt, die jetzt die Herkunft der Bilder überprüfen soll. Die wissenschaftliche Leitung übernimmt die von Bund und Ländern eingerichtete „Arbeitsstelle für Provenienzrecherche“ mit dem Berliner Provenienzforscher Uwe Hartmann. Politisch leitet die Arbeitsgruppe die Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel. In Kürze sollen 590 Kunstwerke aus der Gurlitt-Sammlung auf www.lostart.de veröffentlicht werden, „bei denen ein möglicher NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen ist“, wie es offiziell heißt.

Heute wollen Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle und Justizminister Winfried Bausback (beide CSU) im bayerischen Landtag Rede und Antwort stehen. Bausback hat einen Gesetzentwurf angekündigt, der die Verjährungsfrist bei NS-Raubkunst verlängern soll. Bislang können deren Besitzer geltend machen, dass Ansprüche früherer Eigentümer nach 30 Jahren verjährt sind. Das Gesetz soll rückwirkend gelten, also auch für Gurlitt. Doch das dürfte Verfassungsrechtler auf den Plan rufen...

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