Hochspannung: „Der ferne Klang” im Bonner Opernhaus

Von: Pedro Obiera
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Trügerische Glitzerwelt: Gret
Trügerische Glitzerwelt: Grete (Ingeborg Greiner) entsteigt als Venus einer schillernden Muschel. Foto: Thilo Beu

Bonn. Auch wenn fast jede Aufführung einer Oper von Franz Schreker die überwältigende Qualität und Wirkung der lange Zeit völlig vergessenen Werke bestätigt, zählen seine Geniestreiche von den „Gezeichneten” bis zu den „Schatzgräbern” immer noch zu den Raritäten des Repertoires.

Nach einer glänzenden Erinnerung an Schrekers „Irrelohe” punktet derzeit die Bonner Oper mit einer Neuinszenierung von Schrekers 1912 uraufgeführtem Dreiakter „Der ferne Klang”. Ein seinerzeit äußert erfolgreiches Werk, das in seiner psychologischen Komplexität dem Trend der damaligen Freud-Euphorie entgegenkam.

Der Komponist Fritz lässt seine Geliebte Grete auf der Suche nach einem „Fernen Klang” vollendeter Harmonie im lieblosen Elternhaus zurück. Sie wird verkuppelt und landet in einem Edelbordell, bevor Fritz zu ihr zurückkehrt und spürt, dass der „Ferne Klang” nur in ihrer Nähe zu hören ist. Leider etwas spät, denn er stirbt in ihren Armen.

Irritationen erwachender Sexualität, Inzest, Prostitution und ganz viele unerfüllte Sehnsüchte bestimmen die harte Entwicklung Gretes. Schreker taucht die seelischen Spannungen in ein Vollbad üppiger und in 1000 Farben schillernder klanglicher Exzesse. Musik, quasi mit heißer Nadel gestrickt und unter Hochspannung gesetzt, die zum Mitreißendsten und Sinnlichsten gehört, was das frühe 20. Jahrhundert zu bieten hat. Ein Riesenorchester, ergänzt durch eine Zigeunerkapelle und ein Fernorchester sowie mehrere, teilweise simultan im Raum verstreute Chöre sorgen für einen Surround-Effekt, der den Zuschauer geradezu in die Sessel drückt.

Das erfordert nicht nur einen versierten Dirigenten, sondern zugleich einen Klangregisseur, der die Massen steuern kann. Und als der bewährte sich erneut Will Humburg, der mit traumhafter Sicherheit die differenzierten Klangschichten leuchtkräftig zum Klingen brachte. Dabei folgte ihm nicht nur das Beethoven Orchester flexibel und präzise, sondern auch die verstärkten Chöre der Bonner Oper. Die vokalen Anforderungen an die Hauptrollen wurden nicht minder überzeugend gelöst. Ingeborg Greiner sang und spielte das bizarre Psychogramm der Grete ebenso dramatisch kraftvoll wie sensibel verletzlich aus. Michael Putsch als Fritz konnte fast mühelos mithalten.

Intendant Klaus Weise inszenierte mit geradezu cineastischer Üppigkeit und lässt die Puppen tanzen. Vor allem in der revueartigen Bordell-Szene, in der Grete wie eine schaumgeborene Venus einer Riesenmuschel entsteigt (Bühnenbild: Martin Kukulies). Weise bezieht den Zuschauerraum mit ein, so dass die letzte Distanz zum Geschehen aufgegeben wird. Dabei scheut er auch vor klischeehaften Hollywood-Reminiszenzen nicht zurück. Aber zusammen mit der glühenden Musik erfüllt vitale Bühnenluft den Raum. Theater total: Das darf auch mal sein.

Die nächsten Aufführungen: 21. Januar sowie am 10. und 26. Februar.

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