Herrlicher Strudel stürmischer Gefühle: „La finta giardiniera“

Von: Armin Kaumanns
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Grandioser Opernabend im Theater Aachen: Mozarts „La finta giardiniera“ in der Inszenierung von Lilly Lee mit (von links) Andrey Akhmetov, Xiaoke Hu und Kate Louise Macfarlane. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Dieser Arminda möchte man nicht wirklich in die Hände fallen. Als durchgestylt pinker Temperamentsbolzen auf High Heels, wie sie da mit Petticoat und Hüftschwung in die chillige Welt des „The Green Café“ hereinschneit, muss sie ja jedem weiblichen Reizen nicht völlig abgeneigtem Wesen den Kopf verdrehen. Und dann hätte man sie am Hals.

Maria-Eunju Park lädt die Rolle des koketten, zupackenden Dämchens aus der Großstadt in Mozarts „La finta giardiniera“ mit so viel Energie auf, dass sie ihre Kollegen und Kolleginnen fast an die Wand spielt. Am Theater Aachen ist diese Wand zwar auch mit Rosen bewachsen wie in der Vorlage aus dem Rokoko, ist aber weder Schloss noch Garten, sondern eins jener Trendcafés, wie sie neuzeitlich junge Stadtbewohner bevölkern.

An die Wand gespielt wird bei diesem Opernabend mit Studierenden der Musikhochschule allerdings niemand, denn die Inszenierung von Lilly Lee geht ganz so wunderbar leicht und wertschätzend mit den Fähigkeiten der sieben Sänger-Schauspieler um, dass die Arminda ein, wenn auch kräftiger, aber eben nur ein Farbklecks ist in einem bunten Bild der Irrungen und Wirrungen einer von Liebe euphorisierten Gesellschaft.

Leicht angerichtet

Mutig, vorbildlich, erfolgreich. So muss man die Entscheidung des Theaters Aachen bezeichnen, seine Bühne einmal im Jahr zum Ende der Spielzeit für eine große Produktion dem Nachwuchs der benachbarten Musikhochschule zur Verfügung zu stellen. Die scheidende Regieassistentin des Hauses, Lilly Lee, hat jedenfalls einen wunderbaren Opernabend leicht angerichtet. Mozarts erstaunliches Jugendwerk ist die reine Anarchie der Gefühle.

Lilly Lee hat sich von Detlev Beaujean eine Drehbühne bauen lassen, die einerseits die Turbulenzen der Beziehungen versinnbildlicht, andererseits ganz einfach von der glänzenden Oberfläche in die Abgründe zappen kann. Denn Mozart hat sich mitnichten mit dem reinen Spaß der Commedia dell’arte beschieden, sondern den Figuren ernste bis halbernste Emotionen zugewiesen – diese Mischform zwischen buffa und seria macht die „Gärtnerin aus Liebe“ ja so delikat.

So entspinnen sich im coolen Café mit seinen Bistro-Stühlen und der trendigen Kaffeemaschine die Balzrituale der drei beteiligten Paare, während im Hinterstübchen das Chaos der Gefühle herrscht. Hier wird geschmachtet und gezickt, hier ist der Ort der sommernachtstraumatischen Totalverwirrung, die den zweiten Akt beendet. Das alles geht der Regisseurin so natürlich von der Hand, dass man ihr eine erfolgreiche Zukunft voraussagen mag.

Auch die von Lilly Lee erarbeitete Strichfassung lässt keine Wünsche offen: Die völlig verworrene Geschichte bleibt verrückt, die Figuren aber wirken so normal wie du und ich. Statt einer Ouvertüre lässt Lee das Personal vor dem Vorhang in uniformen Trenchcoats, Sonnenbrillen und Hüten auftreten. Der Reihe nach singt ein jeder, wen er gerade liebt und trägt den passenden Namen als Schild auf seinem Rücken. Der ist dem Publikum zugewandt. Alle gleich, alle verliebt. Das wird was werden...

Alsbald entwickelt sich der Sturm der Lieben, der von dem pinken Bonbon Arminda angeführt wird. Maria-Eunju Park hat nicht nur Standing, sondern auch einen samtweichen, zu mancherlei Köstlichkeiten fähigen Sopran. Ihr erstes Opfer ist ein süßer Macho namens Belfiore: Q-Won Han legt erst mal cool die Füße auf den Tisch, und leiht der Süße dann mal flirthalber einen Ohrstöpsel seines iPods. Später gibt’s reihenweise Selfies. Dabei kann der Tenor auch noch ganz schön schwerelos und lyrisch singen.

Hinterm Tresen versucht derweil ein schusseliger Knabe namens Nardo sein Glück bei der zickigen Serpetta. Diese Kate Louise Macfarlane ist auch stimmlich eine äußerst präsente Soubrette, die den Mädchen von heute gute Ratschläge geben kann. Von ihrem Partner, dem Bass Andrey Akhmetov, hält sie rein gar nichts, auch wenn er später Liebeserklärungen im Stile Michael Jacksons – zur Gaudi des Publikums – zum Besten gibt.

Außer einem lüsternen Alten mit Krawatte (die Partie des Podestà kommt dem Tenor Xiake Hu sehr hell aus der Kehle) lungert schmachtend noch ein junger Mann mit Hut (die Mezzosopranistin Manon Blanc-Delsalle in einer Hosenrolle) und ein Mauerblümchen mit Kopftuch und Brille im „The Green Café“ herum. Wir ahnen: Das muss die Gärtnerin sein, Sandrina oder Violante, die sich zum Happy End zum Rasseweib mausern wird. Iliusa Khuzina hat einen leicht herben Sopran, metallische Höhe, aber meistert auch wunderbar kantable Passagen berührend.

Sie alle leisten Großes, Vielversprechendes. Und werden getragen von einem studentischen Orchester, das unter Herbert Görtz beherzter Leitung Mozarts frühreife Partitur zum Schwingen, Tanzen, Singen und Glühen bringt. Bravo.

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