Aachen - Herrliche Pointen am laufenden Band

Herrliche Pointen am laufenden Band

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Erfrischender Abend: Benjamin Brittens Oper „Albert Herring“ in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule am Theater Aachen.

Vor der Premiere lungert auf dem roten Teppich vor dem Theater Aachen eine Horde provozierend aussehender, Kaugummi kauender und Bier trinkender älterer Jugendlicher herum. „Say no“ haben sie auf ein Betttuch gesprayt, das vor Schlafsäcken und Isomatten den direkten Eingang zum Theater versperrt. Sie seien gegen alles und das besonders, geben sie den Menschen zur Antwort, die leutselig sich nach ihrem Tun erkundigen. Die Theaterleitung duldet offenbar diese sanfte Störung des bürgerlichen Kulturvergnügens.

Lustiges Stück Musiktheater

Nun, man kann sich denken, dass die Inszenierung von Benjamin Brittens Oper „Albert Herring“, die drinnen auf die Premiere hinfiebert, irgendetwas mit den soften Punks zu tun haben will. Schließlich handelt ja dieses famos lustige Stück Musiktheater vom Erwachsenwerden, was im Falle der Titelfigur mit einer Rebellion gegen Mama und bürgerliche Werte einhergeht. Es wundert also nicht, dass am Ende der Oper die „Neinsager“ von vorhin ein fröhliches Stelldichein als Statisten auf der Bühne feiern. Tibor Torell, seines Zeichens Nachwuchsregisseur und mit der Realisierung des jährlichen Hochschul-Gastspiels betraut, hat sich den Gag ausgedacht und ihn umgesetzt.

Überhaupt geht es jugendlich ernsthaft zu in dieser Inszenierung des Adoleszenz-Musiktheaters, bei dem Nachwuchssänger unter professionellen Bedingungen Stimme und Bühnentalent testen können. Seit 20 Jahren ist diese Kooperation mit der Kölner Musikhochschule in Aachen gut und schön.

Herbert Görtz feuert ein kleines, solistisch besetztes Orchester von Musikstudenten an, das herzerfrischend facettenreich Brittens lustige, von ironischen Fremd- und Selbstzitaten nur so schillernde Partitur umsetzt: Als Alberts Freund Sid dem Muttersöhnchen, das nach der weiten Welt sich sehnt, reichlich Rum in die Limo kippt, tönt zaubertränkisch sehnsuchtsvoll Wagners „Tristan“ aus dem Graben. Und so fort in herrlichen Pointen.

Spießige Gesellschaft

Die Handlung selbst ist ja ein Feuerwerk an Gags, indem besonders die spießige Gesellschaft des Örtchens Luxford, eine von einer schabrackigen Lady Billows dominierte Honoratiorenrunde, ihr Fett weg kriegt. Die junge Bühnenbildnerin Esther van de Pas, Stipendiatin der Theater-Initiative, hat aus Baugerüsten eine dreigeschossige Großbaustelle auf die Bühne gewuchtet, die allerlei Ein- und Durchblicke auf diese feine Gesellschaft ermöglicht.

Immer ist überall was los, manchmal ein bisschen viel. In diesem dauernden Auf und Ab, zwischen Kneipe, Klo, Kiosk und Kirche findet jede Menge Handlung und reichlich talentierter Gesang statt.

Albert-Darsteller Georgios Iatrou trägt viel baritonalen Schmelz in seinem Tenor; Aisha Tümmler lässt als Lehrerin sehr klare, lyrische Soprantöne hören; mit seiner stimmlichen Entwicklung auf profibühnenreifem Niveau angekommen ist gar schon der Bass Il-Hoon Kim als Ortspolizist Mr Budd. Insgesamt 13 Solisten sind in „Albert Herring“ anspruchsvoll beschäftigt, die Hochschule kann alle Partien ordentlich besetzen.

Schön gespielt

Und gespielt wird ebenfalls sehr erfreulich. Sensationell, wie Vera Maria Kremers die Lady Billows als in Rüschen gelegtes Knallbonbon verkörpert – für die fantasievoll-klischeehaften Kostüme ist Dominique Muszynski verantwortlich.

Albert Herring im soften Ringelpulli, die Lehrerin in Birkenstock-Pantoletten, eine Kinderschar in rosa Tütüs – das ist witzig. So können auch die jungen Leute (ein fein singendes und spielendes Liebespaar bilden Sebastian Seitz als Sid und Kanako Sakaue als Nancy) fröhlich-verliebt ihr Intrigenspiel angehen, nach dem am guten Ende Albert die gleichen roten Hosenträger trägt wie sein Vorbild Sid. Man sieht und spürt, wie viel enthusiastische Arbeit in diesem Opern-Projekt steckt. Da ist einem nicht bang um die Zukunft der Kultur, selbst wenn sie auf der Bühne augenfällig stark asiatisch eingefärbt daherkommt. Ein unterhaltsamer Opernabend also, der ganz zu Recht reichlich Premieren-Applaus einheimst.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert