„Herbstrasen“ im Grenzlandtheater: Leben in extremer Schieflage

Von: Sabine Rother
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Schmerzhafte Auseinandersetzung: Renate Fuhrmann und Jens Woggon als Mutter und Sohn in dem Stück „Herbstrasen“ im Aachener Grenzlandtheater. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Alexandra ist alles: Angst, Misstrauen, Rebellion, Verzweiflung. Und sie glaubt an nichts mehr. Ihre Ideale, die Freiheitsliebe, Lebensfreude, die Stärke –aufgefressen von diesem Entsetzen, das sie hart an den Rand des Lebens gedrängt hat. Was tun, wenn zuletzt auch noch ein selbst bestimmter Tod verwehrt wird? Und wie geht das überhaupt, dieses Altwerden?

In seinem Stück „Herbstrasen” hat der schottische Autor Eric Coble mit der Figur der 79-jährigen Malerin Alexandra einen Charakter geschaffen, der den Zuschauern aus der Seele spricht. Für das Grenzlandtheater Aachen hat Intendant Uwe Brandt das Werk als deutschsprachige Erstaufführung inszeniert und schildert den mühsamen Prozess einer Öffnung, die schließlich doch noch hoffen lässt.

Mein Freund, der Baum

Renate Fuhrmann ist Alexandra. Aus der selbstbewussten Künstlerin, die sich ihre Freiheit stets bewahrt und sogar zurückerobert hat, als ihre drei Kinder selbstständig wurden, ist ein Mensch geworden, der sich kaum noch zu helfen weiß. Sohn Michael und Tochter Jennifer wollen, dass sie in ein Heim für betreutes Wohnen zieht. Alexandra rast, will das Haus abfackeln. Nur der Jüngste, Chris, dringt zu ihr vor. Über den von der Mutter heiß geliebten Baum vor dem Fenster klettert er mühsam in die Wohnung.

Fuhrmann lebt diese Rolle, den schmerzhaften Widerstand, die Schwäche, die Aggressivität, gespeist aus purer Angst. Nachdem sich Mutter und Sohn so manches an den Kopf geworfen haben, wächst das Zutrauen. Jens Woggon ist ein lieber Sohn, hilflos, aber standhaft und herzlich. Je öfter seine Geschwister anrufen und ihn drängen, umso näher rückt er der Mutter, begreift, dass sie jemanden braucht, der zuhört, der ihre Qual versteht.

Bühnen- und Kostümbildner Manfred Schneider hat für die beiden eine halbrunde Bühne in leichter Schräglage entwickelt, abgestützt von abgesägten Stämmen – wie ein Baumhaus. Er greift damit geschickt das Motiv aus dem Stück auf: Der irgendwann einmal vor dem Abholzen gerettete Baum ist so etwas wie Alexandras Lebensnerv. Dennoch befindet sich ihr Leben längst in Schräglage, die ersten Demenz-Attacken gibt sie schließlich gegenüber Chris zu – was für ein Geständnis!

Schneider hat das Zimmer einer alten Künstlerin eingerichtet. Alexandra selbst trägt Leggins, Rock und Bluse sind mädchenhaft, die Schuhe haben lächerlich hohe Absätze – sie leugnen das Alter, liegen aber bald herum. In Brandts Regie entwickelt sich eine Intimität, bei der jede Handbewegung, jeder Blick, Stimme und Körperhaltung etwas sagen. Das ist intensiv und sorgfältig mit Herz und Sympathie gearbeitet. Alexandra fasst neuen Mut, als sie Chris an ihrer Seite weiß. „Ich bin da!“ – der schlichte, glaubwürdige Satz des Sohnes ist wie eine geheime Formel, die Panik in Hoffnung verwandeln kann.

Die Zuschauer erheben sich spontan, begeisterter Applaus.

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