„Hello Dolly“: Inszenierung mit Witz und Eleganz

Von: Sabine Rother
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„Hello, Dolly!“ mit Juliane Dreyer in der Titelrolle. Am Wochenende hatte das Musical im Grenzlandtheater Aachen Premiere. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Die Story ist dünn, und es liegt schon etwas Staub darauf. Da mag das Musical „Hello, Dolly!“ von Jerry Herman zum Buch von Michael Stewart noch so berühmte Väter haben: Die literarische Vorlage stammt immerhin von Thornton Wilder, und der hat die Idee wiederum vom Österreicher Johann Nepomuk Nestroy übernommen.

Am 16. Januar 1964 gab es die Uraufführung in New York, 1969 wurde die Geschichte um die fesche Heiratsvermittlerin Dolly mit Barbra Streisand in der Titelrolle verfilmt. Da ist es mutig, das Werk nun als silvestertaugliche Jahres-Abschluss-Produktion auf die Bühne des Grenzlandtheaters Aachen zu holen.

Am Wochenende fand die von Prominenz besuchte Gala-Premiere statt. Unter den Gästen: die Kölner Regierungspräsidentin Gisela Walsken, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Städteregionsrat Helmut Etschenberg. Regisseur Ulrich Wiggers musste sich etwas einfallen lassen, um das Stück aufzufrischen, einzupassen und in die Gegenwart zu holen.

Blickfang auf der kleinen Bühne vor einer großblumigen Tapete ist der riesige Cadillac, eine rote Stretchlimousine aus Holz mit trickreich eingesetzten Türen, Klappen und Fenstern. Das Bühnenbild von Matthias Winkler ist gut anzusehen und bietet Spielraum für Überraschungen. Dennoch ist das Gefährt raumgreifend und nimmt der Spielfläche Tiefe. So finden zahlreiche Auftritte aus dem Publikumsraum von rechts und links statt.

Geschliffene Wortduelle

Musikalisch schwungvoll mit frischen und zugleich anrührenden Arrangements beeindruckt die fünfköpfige Band auf dem Autodach unter der musikalischen Leitung von Damian Omansen, der sich auch der Partitur angenommen hat. Und die hat es in sich, wie einige Songs zeigen.

Juliane Dreyer ist eine willensstarke, reaktionsschnelle Dolly, die präzise, fast schon zackig agiert, extrem klar artikuliert und kraftvoll singt. Eine Frau, die weiß was sie will und die andere geschickt manipuliert, dabei aber in stillen Momenten weich und sehnsuchtsvoll ist. Juliane Dreyer setzt diesen vielschichtigen Charakter gekonnt mit Gefühl, Esprit und Witz um. Ihre Wortduelle sind geschliffen, ihre Bemerkungen treffen.

Im ersten Teil ist die Aachener Inszenierung zwar durchaus solide, gleicht aber eher einem schlichten Singspiel. Timo Hübsch ist ein erwartungsgemäß mauliger Horace Vandergelder, ein eingefleischter Macho, der ein „Frauchen“ eigentlich nur als willige, dekorative Hausangestellte sucht. Schön, wie er später immer wütender wird und schließlich wie ein Dampfkessel kurz vor der Explosion nahezu unfreiwillig seine Liebe zu Dolly erkennt und sich wandelt.

Als heiteres Jungmänner-Team Cornelius und Barnaby bieten Jonas Hein und Christian Miebach von Anfang an heitere Szenen, tanzen (wie alle) mit Schwung (Choreographie Marga Render) und steppen sogar. Auch sie finden nach einigen Stolpereien ihr Glück. Wozu gibt es die Hutmacherinnen Irene und Minni, die von Lisa Kolada (sie ist die Stepp-Trainerin) und Marthe Römer frech und fröhlich gespielt und gesungen werden.

Regisseur Wiggers widmet sich seinen Figuren mit Intensität, da ist kein Blick Zufall, jede Aktion sitzt exakt. Die Tanzeinlagen mit und ohne Besen sind gut eingerichtet, die Songs gelingen. Doch so richtig Fahrt nimmt das Stück erst nach der Pause mit dem Auftritt und Tanz der Kellner auf. Die Überraschung gelingt, die sechs sehr unterschiedlichen Akteure bringen mit einem Schlag Bewegung ins Publikum und brechen das Eis mit ihrer akrobatischen Performance. Da blitzt endlich Musical-Atmosphäre auf. Und so geht es weiter. Aus dem Bauch des Cadillacs tauchen die Möbel für das Restaurant auf, in dem alle Beteiligten furios aufeinander prallen werden. Schließlich wird sogar eine Show-Treppe hervorgezaubert.

Dollys großem Auftritt in ihrem einstigen Lieblingslokal mit jenem Song, der den Titel geprägt hat, steht nichts mehr im Wege. Juliane Dreyer meistert diese Kernszene im roten Abendkleid mit glitzernder Spitze (Kostüme Noelie Verdier) souverän und elegant. Schön, wie das Auftauchen des zunächst noch schlecht gelaunten Horace alle von der Bühne fegt. Jetzt startet Dolly ins Finale ihrer Strategie.

Die Paare finden sich, es gibt Twist- und Rock’n’Roll-Einlagen, bei denen das reizende Liebespaar Ermengarde (Tina Haas), Vandergelders Nichte, und Ambrose (Marlon Wehmeier) ganz vorn dabei ist. Dann endlich das Happy End für alle. Selbst Ernestina, eine kuriose Heiratskandidatin, geht nicht leer aus. Sie schnappt sich einen Kellner. Heike Wiltrud Schmitz, die als lässiges Hippie-Girl – Signal für die in den 60er Jahren in den USA einsetzende Flower-Power – durch das Stück geistert (inklusive Joint), spielt sie mit komödiantischem Augenzwinkern.

Endlich lösen sich alle Probleme und Verkrampfungen. Aus dem grimmigen Horace wird ein imposanter und in Dolly verliebter Mann, passend zum Cadillac im roten Jackett. Schade, dass Dolly ein Kostüm trägt, das sich nur in der Farbgebung von der ersten Szene unterscheidet. Hier hätte man ihr ein hübsches Verlobungskleid gewünscht. Insgesamt eine schlüssige und facettenreiche Regiearbeit mit einem leistungsstarken und stimmigen Ensemble, das alle Sympathien des Publikums gewinnt. Viel Applaus, die Zuschauer erheben sich von den Plätzen.

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