Heino auf Burg Monschau: Ein Abend, der in keine Schublade passt

Von: Jan Mönch
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Totenkopf mit Sonnenbrille und Betonfrisur: Heino auf der Monschauer Burg. Foto: Peter Stollenwerk/Anneliese Lauscher

Monschau. Als ihr größter denkbarer Gegensatz sich noch den steilen Hang zur Burg Monschau hinauf quält, hat das halbe Dutzend Nonnen es sich schon auf seinen Plätzen bequem gemacht. Die Frauen sind augenscheinlich südländischer Herkunft, neugierig beäugen sie den Neuankömmling, der sich schließlich einige Reihen vor ihnen schnaufend niederlässt.

Er trägt zottelige Haare und Kutte, auf der sämtliche Iron-Maiden-Konzertbesuche seit dem Durchbruch der Band dokumentiert sind – ein Heavy-Metal-Fan, wie er im Buche steht. Mehr Kontrast geht nicht.

Der Mann, den die Nonnen und der Kuttenträger zum Auftakt der Monschauer Festspiele sehen wollen, ist derweil unterhalb der Tribüne noch mit seinen Fans beschäftigt. „Ich kann alle deine Lieder auswendig“, teilt der acht Jahre alte Mauritz ihm mit. „Na, da hast du aber viel gelernt“, antwortet Heino anerkennend.

Und plötzlich war er cool

Das gilt bekanntlich auch für ihn selbst: Der 74-Jährige ist ja neuerdings Rocker. Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als sei von ihm nicht mehr viel zu erwarten, als habe er sich still und leise aufs Altenteil begeben. Dann kam er auf die Idee, die Ärzte zu covern. Und die Sportfreunde Stiller. Und Rammstein. Und Peter Fox. Und Nena. Aus alldem machte er ein Album, das den süffisanten Titel „Mit freundlichen Grüßen“ trägt.

Und dann war das Undenkbare geschehen: Heino war über Nacht cool geworden. Die Ärzte hingegen hatten ihm den Gefallen getan, sich über die ganze Angelegenheit zu ärgern, nun standen sie als beleidigte Leberwürste da. Da half es auch nicht mehr, dass Campino von den Toten Hosen in Erinnerung rief, dass Heino „30 Jahre lang das Aushängeschild der deutschen Hässlichkeit“ gewesen sei.

Na und?, erwiderten die Leute und beförderten „Mit freundlichen Grüßen“ auf Platz eins der Charts. Von dort verdrängte der blonde Barde ausgerechnet die Rüpel-Rapper Kollegah und Farid Bang. Selbst die linke Presse ging freundlich mit ihm um.

Die Burg Monschau ist an diesem Abend zwar nicht ausverkauft, aber doch gut besucht: Um die 1000 Zuschauer sind da. Die Rückwand der Bühne ziert ein Prospekt im Stil von Guns‘n‘Roses, es zeigt einen sonnenbebrillten Totenkopf mit Heinos unverkennbarer, blonder Betonfrisur. Das Original unten auf der Bühne trägt außerdem Totenkopfring und Ledermantel, den er erst zur Zugabe gegen das altbekannte rote Sakko austauschen wird.

Heino und seine ausgezeichnete elfköpfige Band – Bläser und Schlagzeuger, Gitarrist und Background-Sänger – legen los, als erstes wird „Junge“ von den Ärzten gespielt. Und dann Oomph. Und dann Peter Fox. Und später die Sportfreunde Stiller. Nach Rock klingt natürlich nichts von alledem, aber das ist ja auch nicht wirklich Sinn der Sache. „Wunderschöne Stücke Volksmusik“ hat Heino schließlich in der Arbeit der Ärzte und der anderen erkannt.

Es musste nur erst der Altmeister kommen, um die Ruppigkeit rauszunehmen, um alles ein wenig glattzubügeln, in die richtige Form zu gießen, so lässt sich diese Aussage lesen. Seht her, ihr Jungspunde, so wird‘s gemacht. Die „taz“ attestierte Heino „bezaubernde Bösartigkeit“.

Auf der Burg Monschau ist erst nach einer knappen halben Stunde Platz für Eigenproduktionen, den „Vogel der Nacht“ und „Die Katja, die hat ja“. Die „Haselnuss“ wird noch mit einer Rap-Einlage der Begleitmusiker aufgepeppt, der „Enzian“ rutscht in die erste Zugabe. „Eine Stimmung hier, schlimmer als Rosenmontag in Bad Münstereifel“, stellt Heino fest. Gelächter auf den Rängen.

Die vielleicht größte Kuriosität, die Heinos Neuerfindung nach sich gezogen hat, war sein Auftritt in Wacken, beim größten Metal-Festival der Welt. Dort stand er mit den Dampfwalzen-Rockern von Rammstein auf der Bühne, ließ zu deren Stück „Sonne“ gemeinsam mit Sänger Till Lindemann das R übers Publikum rollen. „Einer der Höhepunkte meiner Karriere“, lässt Heino das Publikum auf der Burg nun wissen. Man darf allerdings davon ausgehen, dass er auch zur Monschau Klassik ohne den Erfolg von „Mit freundlichen Grüßen“ niemals eingeladen worden wäre. Aber wen schert das schon?

Heinos Fans jedenfalls nicht. In Monschau kommen sie zwischen den Stücken immer wieder auf die Bühne, um Blumen und andere Präsente zu überreichen, auch der zottelige Metaller ist dabei. Zwei Mal muss Heino für Zugaben auf die Bühne zurückkehren, ganz zum Schluss werden noch mal kurz die Ärzte angespielt, das Publikum – ob mit oder ohne Heino-Perücke, mit oder ohne Karamba-Karacho-T-Shirt – jubelt.

Dann erst verschwindet Heino endgültig von der Bühne, winkend, grinsend. Ein weiterer Abend ist vorbei, an dem er seinen späten, seinen großen Triumph genossen hat. Er wird ihm nicht mehr zu nehmen sein.

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