Aachen - Heiner Müller: „Er ist nicht von gestern, er ist von morgen“

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Heiner Müller: „Er ist nicht von gestern, er ist von morgen“

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Geschichtsbewusster Dramatiker, präziser Katastrophen-Diagnostiker, wackerer Whiskytrinker: Heiner Müller im Zigarrendunst. Foto: stock/gezett
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„Irgendwo zwischen Adorno und Dick und Doof“: Da bewegen sich die Videoschnipselabende von Jürgen Kuttner. Heiner Müller widmet er sich mit diesem unterhaltsamen Format am Sonntag in der Aachener Kammer. Foto: dpa

Aachen. Schnee von gestern? Düster, schwierig, trostlos? Viele mögen an solche Attribute denken, wenn sie den Namen Heiner Müller hören. Politische Brisanz, Poesie und Komik entdeckt dagegen Jürgen Kuttner in den Werken des großen DDR-Schriftstellers, dessen Todestag sich am 30. Dezember zum 20. Mal jährt.

Anlass für eine wissenschaftliche Tagung in Aachen – und für einen vergnüglichen Videoschnipselabend am kommenden Sonntag, 20 Uhr, im Aachener Theater.

Da will der bekannte Theaterregisseur Kuttner, der auch promovierter Kulturwissenschaftler, Radiomoderator, Autor und Vater von Sarah Kuttner ist, berlinernd und improvisierend seinen Heiner-Müller-Kommentar auf die Kammerbühne bringen.

Was wir heute noch an Heiner Müller haben, erläuterte der 57-Jährige aus Ost-Berlin im Gespräch mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

Sie stehen derzeit in Hannover in Ihrer und Tom Kühnels „Auftrag“-Inszenierung als Heiner Müller auf der Bühne. Stilecht mit Whiskyglas und Zigarre?

Kuttner: Nein, das wäre mit dem Mikro in der Hand etwas unpraktisch. Aber mit schwarzer Lederjacke, Jeans und dicker Brille. Ich muss allerdings nur die Lippen bewegen, Heiner Müller spricht den Text selbst. Wir spielen Müllers O-Ton von einer kompletten Lesung seines Stückes ein und setzen das mit Schauspielern szenisch im Zirkus-Setting um. Für Zirkus und Clowneskes hatte Müller ein Faible.

Dann hat Regisseur Paul-Georg Dittrich Ihre Arbeit vielleicht gesehen. In seiner Aachener „Auftrag“-Inszenierung in der Kammer spielt Müllers O-Ton auch ein entscheidende Rolle. Aber mit Zirkus verbinde ich Müller nicht so direkt.

Kuttner: Ja, man hat immer die Vorstellung: Heiner Müller, vier Männer in schwarzen Anzügen, leere Bühne und dann den Text frontal ins Publikum sprechen. Aber wir wollten den komischen Aspekt stärken.

Viele denken bei Müller erst mal an „düster“ und „trostlos“. Aber Ihr Videoschnipselabend über ihn wird nicht trostlos – oder?

Kuttner: Meine Videoschnipselabende sind eine Mischung aus Philosophie und Slapstick, sie bewegen sich irgendwo zwischen Adorno und Dick und Doof. Es kann also durchaus lustig werden. Müller war ja ein begnadeter Witzeerzähler und auch eine Schweijk-Figur. Er konnte die ernstesten Fragen im ernstesten Ton mit Witz unterlaufen.

Er war nicht nur ein schlagfertiger Aphoristiker, sondern eine bedeutende politische Figur in der Intellektuellenszene und besonders nach der Wende ein gefragter Interviewpartner. Fehlt seine Stimme heute?

Kuttner: Definitiv! Wir haben uns in unserem Rucolasalat-Latte-macchiato-Wohlfühlaroma eingekitscht und sind immer sehr erstaunt, wenn nicht die ganze Welt so funktionieren will. Und sie funktioniert definitiv nicht so. Schauen Sie sich zum Beispiel die Migrationsströme an.

1994 hat Müller den Bau neuer Mauern in Europa vorhergesagt.

Kuttner: Müller war ein präziser Katastrophen-Diagnostiker. Er hat auch nicht an ein „Ende der Geschichte“ geglaubt. Nach dem Mauerfall wurde propagiert: Das effektivere, das bessere, das gerechtere System hat überlebt und der schreckliche Kommunismus ist endlich zugrunde gegangen. Jetzt wird alles schrittweise besser und besser, wir bewegen uns in eine heitere, kapitalistische Zukunft. Das ist völliger Quatsch! Und das wusste Müller schon 1989. Er war der Einzige, der es als Prominenter der Öffentlichkeit gesagt hat.

Und dafür wurde er auf dem Alexanderplatz ausgebuht. In seinen Stücken reibt er sich am Nationalsozialismus und am Scheitern des sozialistischen Projektes. Heute werden sie in Deutschland nur noch wenig gespielt. Woran liegte_SSRqs?

Kuttner: Die Leute glauben, das ist Schnee von gestern, das berührt uns nicht mehr. Aber im „Auftrag“ zum Beispiel geht es um Kolonialismus und Neo-Kolonialismus, um eine gerechtere Gesellschaft. Da denkt man, das hat der doch heute geschrieben! Müller ist der modernste, präziseste und geschichtsbewussteste Dramatiker Deutschlands. Und die Probleme der Klassengesellschaft sind nicht erledigt, die Kluft zwischen Arm und Reich zum Beispiel wächst. In Zukunft werden wieder mehr Theatermacher Müller spielen. Die Stücke sind noch nicht aufgearbeitet. Müller ist nicht von gestern, Müller ist von morgen!

Was ist das Besondere seiner Sprache?

Kuttner: Das sind hoch poetische, hoch verdichtete, tolle Texte! Müller hatte ein extrem genaues Sprachgefühl, auch für Rhythmik und Satzbau. Selbst seine Prosa hat meist Gedichtniveau.

Aber man muss sich seine Texte auch erkämpfen.

Kuttner: Ja. Kunst macht Mühe. Sonst kann man ja Fernsehen kieken.

Welchen Text würden Sie Müller-Einsteigern empfehlen?

Kuttner: Es gibt zwei wunderbare Interviewbände mit Frank M. Raddatz: „Zur Lage der Nation“ und „Jenseits der Nation“. Wenn die beiden da leicht angetrunken ins Spinnen kommen, hat das auch eine dadaistische Qualität.

Drei Tage lang diskutieren Experten im Centre Charlemagne Müllers Aktualität

Wie schwierig es sein kann, Heiner Müller für die heutige Zeit zu „retten“, hat Hans Kruschwitz erfahren, als er Texte des Dramatikers mit seinen Studenten las. Und doch ist der Germanist, der am Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen lehrt, von der Aktualität der Arbeiten Müllers überzeugt.

„Heiner Müller hat eine neue Form des Theaters etabliert, hinter die wir heute nicht mehr zurückfallen können“, sagt Kruschwitz. „Und er fragt, wie wir leben wollen, wenn wir uns verändern müssen. Wie wir Utopie und Sinnlichkeit vereinbaren können. Ob Tugend und Lust Gegensätze sein müssen.“

Fragen, die ab Montag, 16. November, drei Tage lang bei einer Tagung im Centre Charlemagne diskutiert werden sollen. Kruschwitz hat sie in Kooperation mit dem Theater Aachen und der Internationalen Müller-Gesellschaft organisiert und dazu hochkarätige Referenten eingeladen.

Die Themen der Sektionen reichen von „Utopie und Aporie“ über „Allegorie und Ikonographie“ bis zu „Brecht und die Folgen“. Trotzdem: Die Tagung richtet sich ausdrücklich nicht nur an Eingeweihte, sondern über das Bürgerforum RWTHextern auch an eine „breite bildungsinteressierte Öffentlichkeit“.

Dass es nicht einfach war, die Veranstaltung zu organisieren und zu finanzieren, versteht sich leider fast von selbst. Umso dankbarer ist Hans Kruschwitz den Sponsoren. (hjd) Infos unter www.heinermueller2015.com.

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