Düsseldorf - „heimat.nrw“: Die Welt nimmt Platz auf der roten Couch

„heimat.nrw“: Die Welt nimmt Platz auf der roten Couch

Von: Eckhard Hoog
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Britische Soldaten in Sennelager auf der roten Couch: Das Foto von Host Wackerbarth entstand für die Serie „heimat.nrw“ zum 70. Geburtstag des Landes Nordrhein-Westfalen und zum 30-jährigen Bestehen der NRW-Stiftung. Bis zum 30. Oktober zeigt das NRW-Forum Düsseldorf eine Retrospektive mit über 300 Werken des Düsseldorfer Fotografen. Foto: Horst Wackerbarth
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Der Fotokünstler Horst Wackerbarth auf seinem Markenzeichen: im Hintergrund eine Aufnahme aus seiner wilden Kommunardenzeit. Foto: dpa

Düsseldorf. Sein Markenzeichen ist rot, samtig und gepolstert – eine Couch. Eine rote Couch. Besser: „Die Rote Couch“ schlechthin – ein Stück Kunst- und Kulturgeschichte, wenn nicht sogar Menschheitsgeschichte. Horst Wackerbarth heißt der Mann, 66 Jahre alt, studierter Fotograf, der seit 30 Jahren in Düsseldorf lebt.

Mit seiner Couch ist er während dieser Zeit um die ganze Welt gereist, hat in 53 Ländern weit über eine Million Kilometer zurückgelegt und sie alle auf seinem Sofa Platz nehmen lassen, um sie zu fotografieren: Bauern in China, Angestellte in Kasachstan, Geschäftsleute in Tibet, türkische Boxer, afrikanische Flüchtlinge in Calais, aber auch Peter Ustinov, Michail Gorbatschow, Bill Gates und Steve Jobs. 900 Couch-Porträts sind so entstanden für eine „Galerie der Menschheit“, mit Menschen unterschiedlichster Religionen, Nationalitäten, Rassen oder Schichten, auf dem immer gleichen, sie alle einenden Sofa.

Jetzt ist er nach Düsseldorf zurückgekehrt: Das NRW-Forum am Ehrenhof widmet ihm eine große Retrospektive mit über 300 Fotografien und Videos. Im Zentrum steht dabei eine Serie, die im letzten Jahr zum 70-jährigen Bestehen des Landes Nordrhein-Westfalen und zum 30-jährigen Jubiläum der NRW-Stiftung entstand: „heimat.nrw“. „53.000 Kilometer habe ich in der Zeit in Nordrhein-Westfalen zurückgelegt“, erklärt uns Wackerbarth, dessen zwei künstlerische Aktionen in Aachen unvergessen sind: 2011 porträtierte er im Rahmen des Festivals „across the borders“ auf seiner Couch Nachfahren von Karl dem Großen, die irgendwie etwas „Karliges“ im Vornamen führen, 2014 befragte er Besucher der Heiligtumsfahrt nach Gott und der Welt.

Den Auftrag zu „heimat.nrw“ gab die NRW-Stiftung, namentlich ihr Präsident, der Aachener Harry Voigtsberger. Über ein Jahr lang zog Wackerbarth mit seiner Couch kreuz und quer durch NRW und porträtiert markante Orte und Menschen ebenso wie die vermeintlich unbedeutenden und unscheinbaren beider Kategorien.

Zu Beginn geht es – keine Frage – um Geschichte: In Sennelager besuchte er die British Forces Germany als Reminiszenz an die britische Gründung des Landes NRW. Ohne irgendwelche bürokratische Umstände nahmen die Kameraden in voller Montur auf dem Sofa über dem Panzerwagen Platz.

Eine Station der „heimat.nrw“ ist Düren: Da sitzt ein Mann namens Paul Thewellis auf dem roten Sofa unverkennbar vor dem Leopold-Hoesch-Museum. Links und rechts davon dazumontiert: Archivfotos von der am 16. November 1944 zerbombten Stadt. Dieser Paul Thewellis hat seine Kindheit im Leopold-Hoesch-Museum verbracht – als Sohn von Eduard Thewellis, Kommunist und Abgeordneter der KPD im Preußischen Landtag, von den Nazis zwangsversetzt als Hausmeister ins Dürener Museum. Der Rest der Famile war stramm auf Nazi-Linie, die Großmutter hatte persönliche Kontakte zu Hitler – das bewahrte Pauls Vater vor dem KZ. Diese Fotocollage mit ihrem ganzen Hintergrund zeigt exemplarisch, wie Horst Wackerbarth mit seinen Bildern „Heimat“ an ihrem jeweiligen Ort reflektiert.

Großes Thema in NRW: der Fußball. Die rote Couch steht auf der Tribüne vor den Ultras von Schalke 04. Ein „Fan“ tobt darauf herum. Diese und eine Aufnahme vom BVB stellt der Fotokünstler denen von zwei schwulen und lesbischen Mannschaften aus einer ganz anderen Liga gegenüber.

Mithat Gedik sitzt jägermeisterlich berockt in voller Montur mit Jagdgewehr auf dem Sofa in der 1900 erbauten Lüdenscheider Schützenhalle: Gedik ist Westfale mit türkischen Wurzeln und der erste Schützenkönig muslimischen Glaubens. Wackerbarths Bilder leben von vielsagend-hintergründigen Konfrontationen.

Biomasse vom Kölner Dom

Außergewöhnlich seine Porträts vom Kölner Dom: Rote Fetzen vom Sofa lenken den Blick auf die grünliche Patina des Domgemäuers: „1000 Tonnen Biomasse birgt der Kölner Dom“, erklärt Wackerbarth. Und ein großer Teil davon lebt vermutlich auch noch... „Mr. 4 Prozent“ – vier Prozent unserer Gene enthalten Neandertaler-DNA – posiert im Anzug am Sofa vor dem Mettmanner Museum, in dem er zu Hause ist.

Drei Vertreter der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben auf der Couch vor dem Duisburger Landschaftspark Nord Platz genommen. All das und noch viel mehr ist NRW in allen nur erdenklichen Facetten.

Ein großer Teil der Ausstellung ist auch dem „unbekannten Wackerbarth“ gewidmet, mit Selbstporträts aus seinen politischen Anfängen in der Kommunardenszene, sowie frühe konzeptionelle Fotografien und Porträts. Und selbstverständlich fehlen auch nicht die schönsten Beispiele aus der „Galerie der Menschheit“ aus allen Teilen der Welt.

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