Hasenclever-Preis: Literatur, die vor Energie nur so vibriert

Von: Hermann-Josef Delonge
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Drei Männer, eine Urkunde: Hasenclever-Preisträger Michael Lentz (Mitte) mit Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (rechts) und Prof. Jürgen Egyptien, Vorsitzender des Preis-Kuratoriums. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Ein Buch, das leuchtet? Ist doch nur ein Marketing-Gag des Verlags! Michael Lentz „Muttersterben” ist ein solches Buch.

Wer jedoch am Sonntag den Festakt zur Verleihung des mit 20.000 Euro dotierten Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen an den in Düren geborenen, in Berlin lebenden und in Leipzig lehrenden Schriftsteller verfolgt hat (und im Idealfall auch seine fulminante Lesung am Abend zuvor im Ludwig Forum), der kann gar nicht anders, als sein Urteil in diesem konkreten Fall zu revidieren: Bücher von Lentz leuchten, weil sie vor purer Energie nur so vibrieren. Energie, die sich überträgt: vom Schriftsteller auf den Text, und vom Text auf den Leser respektive Besucher einer Lentz-Lesung.

In seiner hervorragenden, weil Anspruch und Unterhaltsamkeit ideal verbindenden Laudatio führte Prof. Stephan Porombka den Typus des Manikers in den literaturwissenschaftlichen Diskurs ein, um den Preisträger und seine Arbeit zu charakterisieren: Lentz, der Boxer und Ex-Poetry-Slam-Meister, komme aus der Schule der harten Schläge, und das merke man seinem Schreiben und seinen Texten immer noch und immer wieder an.

Rastlos, nervös, angetrieben von äußerer und innerer Energie - wer so ticke, der schreibe Texte, die eins sicher nie sein könnten: langweilig und altbacken. „Lentz nimmt die Sprache auseinander, mischt sie und setzt sie neu zusammen. Er schafft damit eine ganz neue Art von Sound, die sich nicht um Sinn oder Unsinn schert, sondern sich selbst zelebriert”, sagte der Hildesheimer Literaturwissenschaftler. Wobei diese Vorführung immer als solche deutlich gemacht werde.

Der Dichter als Rampensau? Auf den Vortragskünstler Lentz trifft diese Beschreibung durchaus zu, der Arbeit des Preisträgers wird sie aber letztlich natürlich nicht gerecht. Lentz ist „zum Verrücktwerden heterogen” (Porombka) und äußerst umtriebig im Ausloten literarischer Möglichkeiten. Er hat zarte Liebeslyrik, einen dickleibigen Exil-Roman, Theaterstücke und viel Theorie geschrieben. Er probiert aus: Material, Sprache, Form. Ein Experimentator der „emphatischen Gegenwartsliteratur”, dessen Texte auch als gedrucktes Wort wie eine Live-Performance wirken. „Das Material hat ihn am Wickel, und dabei wird eine Kraft entwickelt, die elektrisierend ist”, umschrieb es der Laudator. Und dann leuchtet eben auch schon mal ein Buch.

Lentz selbst setzte sich in seiner Dankesrede nicht mit seinem Schreiben, sondern dem Walter Hasenclevers auseinander. Dabei vermied er die üblichen Stereotypen (Exil, Selbstmord), sondern beschrieb in genauer Kenntnis der Werke einen Dichter, der nicht zuzuordnen sei, weil er, „sobald etwas Neues am Horizont erscheint, vorher Geschriebenes in Frage stellt”. Ein neues Hasenclever-Lesebuch müsse her, forderte Lentz, und wenn ein geneigter Verlag unsicher sein sollte, welche Werke da hinein müssten, bräuchte er nur bei ihm nachzufragen. Lentz hat seine Liste schon fertig.

Warmer Applaus des Publikums (viele davon aus Düren) für den 48-jährigen Preisträger, seinen Laudator und die Klarinettistin Regina Pastuszyk, die mit ihren fast atemlosen Improvisationen den adäquaten musikalischen Rahmen geliefert hatte.
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