Hasenclever-Preis für Erpenbeck: „Richtiges Buch zur richtigen Zeit“

Von: Eckhard Hoog
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Verleihung des Aachener Walter-Hasenclever-Literaturpreises am Sonntag im Ludwig Forum: (von links) Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, Barbara Schommers-Kretschmer, Vorsitzende der Walter-Hasenclever-Gesellschaft und der Jury, Preisträgerin Jenny Erpenbeck und Margrethe Schmeer, Bürgermeisterin der Stadt Aachen. Foto: Andreas Herrmann.

Aachen. So ergreifend hatten sich wohl weder das Publikum noch die Veranstalter die Verleihungszeremonie des Walter-Hasenclever-Literaturpreises im Aachener Ludwig Forum vorgestellt.

Als Jenny Erpenbeck am Sonntagmittag das Wort zu ihrer Dankesrede ergreift, da versagt ihr für einen Moment die Stimme, und sie ist den Tränen nahe – die Wirklichkeit hat sie derart hart und schmerzhaft eingeholt, wie es selbst ihr unter die Haut gehender Roman „Gehen, ging, gegangen“ nicht zu vermitteln vermag.

Bashir Zakaryau, jener Flüchtling aus Nigeria, dessen beide Kinder bei der Flucht nach Lampedusa ertrunken sind, den sie in Berlin bei ihren aufwendigen Recherchen persönlich kennenlernte, der Vorbild wurde für die Hauptpersonen ihres jüngsten Romans, er ist an einem schweren Herzleiden gestorben.

„Unwürdige europäische Jahre“

„Fünf Menschen, die er in den letzten Monaten bei sich aufgenommen hat, darunter eine Frau mit zwei Kindern, sind jetzt wieder ohne Obdach“, schrieb sie in ihrem Nachruf für den „Spiegel“. „Nach vier unwürdigen, zermürbenden europäischen Jahren“ dahingegangen . . .

„Gehen, ging, gegangen“: „Mit seiner Flüchtlingsproblematik das richtige Buch zur richtigen Zeit“ – so umreißt Margrethe Schmeer, Bürgermeisterin der Stadt Aachen, zu Beginn der Feierstunde noch treffend auf den Punkt gebracht, womit die Berliner Regisseurin und Schriftstellerin die ausgesuchte Jury des Hasenclever-Preises überzeugt hatte: als Höhepunkt eines Gesamtwerks, das „Zeichen setzt für eine politisch engagierte Literatur“. Der Kern: „Flüchtlingsschicksale erhalten in dem Buch ein Gesicht.“

Und die so betrübliche wie frappierende Parallele zum Schicksal des in Aachen geborenen Autors und Namensgebers, an den die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung erinnern soll, liegt auf der Hand: „Staatenlos im fremden Land . . .“

Umfassend würdigt Doris Lauer, Studiendirektorin im Ruhestand, selbst Herausgeberin literarischer Texte und renommierte Literaturkritikerin, das Gesamtwerk Jenny Erpenbecks von ihrem Debütroman „Geschichte vom alten Kind“ (1999) bis zu eben jenem hochaktuellen Roman von 2015, für den sie bereits den Thomas-Mann-Preis bekommen hat.

Vielfalt und Verschiedenheit

Immer geht es um die Vielfalt und die Verschiedenheit menschlicher Beziehungen, um Begegnungen und Erinnerungen, in „denen Menschen erstarken oder zerbrechen“, zumal in den frühen Werken, analysiert Doris Lauer die Themen und das literarische Anliegen der Preisträgerin. Und im Hintergrund waltet dabei eine besondere Skepsis, ein Vorbehalt, der im „Wörterbuch“ 2005 selbst zum Thema geworden ist: die Einsicht, „wie wenig vertrauenswürdig Sprache ist“.

Die deutsche Geschichte spiegelt sich in zwölf Einzelschicksalen – Makro- und Mikrokosmos sind zwei Seiten der einen Medaille im Buch „Heimsuchung“ von 2007: vom Kaiserreich bis zum Ende der DDR und zur Nachwendezeit. Doris Lauer: „Das mitreißende Lebensbild eines Jahrhunderts.“

Schließlich in „Gehen, ging, gegangen“ die Geschichte um jenen emeritierten Professor Richard in Berlin, der sich konfrontiert sieht mit Flüchtlingen, der mehr wissen will und eine „verstörende Verunsicherung“ erfährt im Gegenüber mit zunächst fremden Menschen und so ganz anderen Denksystemen. „Er gerät ins Staunen, sieht sich in anderen Zusammenhängen, ist erschüttert über die fremden Schicksale ebenso wie über sein eigenes Unwissen“, erklärt die Literaturkritikerin den Schlüsselkonflikt des Buchs, der diese eine Konsequenz des Protagonisten so plausibel macht: „Er gelangt zu einem Punkt, wo er handeln muss.“

Und er versucht zu helfen, Leid und Ängste zu mindern. Das alles von der überaus sensiblen Autorin geschildert „in besonders klarer Gedankenführung“. Und letztlich in konsequenter Fortsetzung jenes literarischen Credos von Albert Camus, wonach der Schriftsteller die Aufgabe hat, „für jene zu sprechen, die sich nicht äußern können“. Ganz im Sinne zweier zentraler Aufgaben: dem „Dienst an der Wahrheit und dem Dienst an der Freiheit“.

Jenny Erpenbeck erinnert in ihrer bewegenden Dankesrede auch an all jene Autoren, die letztlich am Fremdsein durch eigene Hand gestorben sind: Walter Hasenclever, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Stefan Zweig, Franz Werfel, und wie sie alle heißen . . .

Das i-Tüpfelchen auf die Würde der Feierstunde setzen Das Neue Orchester Aachen unter der Leitung von Felipe Canales mit Werken von Haydn, Piazzolla, selbst Migrant, und den Beatles sowie inspirierende Begrüßungsworte der Vorsitzenden der Walter-Hasenclever-Gesellschaft und der Jury, Barbara Schommers-Kretschmer.

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