Harte Kost: „Yvonne, die Burgunderprinzessin”

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
yvobild
Sehr präsent, aufbrausend und ungebärdig: Floriane Kleinpaß (Mitte) in der Titelrolle des Schauspiels „Yvonne, die Burgunderprinzessin”, das zurzeit in Mönchengladbach zu sehen ist. Foto: Mathias Stutte

Mönchengladbach. Lang ist es her, dass am Schauspiel Mönchengladbach mit so viel Enthusiasmus, mit solch großem Vertrauen in die Kraft der eigenen Kunst und diesem Maß unbedingter Ernsthaftigkeit einem dramatischen Text zuleibe gerückt wurde.

Bernarda Horres, Tochter des großen Kurt Horres, findet in Witold Gombrowicz´ „Yvonne, die Burgunderprinzessin” die Vorlage, die es ihr ermöglicht, das Spannungsfeld auszuleuchten, in dem Macht und Ohnmacht, Individuum und Konvention, Angst, Gewalt, Unschuld und Liebe aufeinander treffen. Nicht gerade zimperlich geht sie mit dem Text, mit den Schauspielern, mit dem Publikum um. Diese „Yvonne” ist eine Zumutung - im besten Sinne.

Brutaler Prinz schießt

Etliche Zuschauer bekommen das Ende des 90-minütigen Abends nicht mit. Sie hatten den Saal mehr oder weniger protestierend verlassen. Dabei birgt der finale Rettungsschuss, mit dem der brutale und gleichermaßen liebesbedürftige Prinz den Erstickungstod seiner Verlobten Yvonne verkürzt, einen Schlüssel zur Deutung des Geschehens.

Denn so etwas wie Mitmenschlichkeit macht die Regisseurin als Hoffnungsschimmer in der Geschichte aus, die Gombrowicz zu einer Zeit erzählte, als Camus und Sartre gerade den Existenzialismus erfanden: Am Hofe König Ignaz´ herrschen klare Regeln: Der König bestimmt, Frau, Diener, Personal folgen.

Diese Ordnung bringt die schweigsame Yvonne durcheinander, indem sie einerseits ganz bei sich und unbeeindruckt bleibt, andererseits dem Prinzen Gelegenheit bietet, gegen Vater und Ordnung aufzubegehren. Gombrowicz hat die Figur der Yvonne so angelegt, dass sie wie ein Spiegel der Gesellschaft ihre geheimen Wünsche, Abgründe, Schwächen vorhält. „Sie steht da wie ein Gewissensbiss”, heißt es. Deshalb wird sie umgebracht - mit Fischgräten.

Bernarda Horres hat sich von Anja Jungheinrich einen weißen Steg bauen lassen, der wie die Grenzen eines überdimensionierten Boxrings einen Kreis bildet. Unerbittlich beleuchten senkrecht darüber angebrachte Scheinwerfer die Szene, in deren Innerem so viele kleine Trampoline stehen wie Schauspieler auf der Bühne sind.

In diesem Kreis herrscht König Ignaz, zwingt den Hofstaat im Kommandoton oder per Handzeichen zu irrwitzigen Ritualen oder zum gefühlvollen Absingen von Kinder- oder Volksliedern. Unter seiner Autorität, Macht, Gewalt ist alles gleichgeschaltet.

Zu Beginn sieht das noch ganz manierlich aus. Die Personen zeigen die Vorderseite ihrer cremeweißen Kostüme, die mehr und mehr Rück- und Unterseite preisgeben: Die Fassade bröckelt, Perücken werden zerrauft, Kronen fliegen in den Dreck (Kostüme: Stephanie Geiger). Horres seziert mit Lust die Strukturen dieser Gesellschaft, die sich im Kopulieren, Erniedrigen, Speichellecken ergeht. Ihre Yvonne ist ein wenig zu schön, aber ungestüm natürlich und so ängstlich, dass sie sich gleich zu Beginn in die Hose macht.

Großes leistet das immer anwesende Ensemble, das mit Stefan Diekmann (Ignaz) seinen Protagonisten hat: In gespenstische Dimensionen treibt er die Ausdrucksbereiche seiner Sprache und seines Körpers. Berauschend auch das Spiel von Ines Krug als Königin Margarethe, aus der die verdrängten Triebe unbändig brodeln.

Herrlich zerrissen spielt Frederik Leberle den Prinzen Philipp, sehr still, sehr präsent und dann wieder aufbrausend ungebärdig zeigt sich Floriane Kleinpaß als Yvonne. Auch der Rest des Ensembles besticht: Klar gezeichnet sind die Figuren, die mit großer Fantasie geführt sind.

Bei dieser „Yvonne” gibt es jede Menge Theater zu erleben, wenn auch nicht gerade leicht bekömmliches.

„Yvonne, die Burgunderprinzessin”, Schauspiel von Witold Gombrowicz, Theater Mönchengladbach, Odenkirchenerstraße 78.

Nächste Vorstellungen 17., 18. April und 6. Mai, 20 Uhr, 31. Mai, 19.30 Uhr. 80 Minuten, keine Pause.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert